Heft 14 von 16. Dezember 1995 scan 2026-04-26

Stimmen zum Ende



##### Einstellung der AZW:

Stimmen zum Ende

Wir haben einige Gruppen und Personen, die die AZW in ihrer kurzen Lebenszeit unterstützt haben, darum gebeten, zum (vorläufigen?!) Ende des Projekts Stellung zu nehmen. Dabei ging es der Redaktion nicht darum, Schulterklopfen einzuverlangen, sondern mehr um die Frage, welchen Stellenwert so etwas wie Gegenöffentlichkeit heute in der Linken eigentlich hat, nicht ohne den Hintergedanken, sich für eventuelle künftige Anstrengungen schlauer zu machen. Zwei Zuschriften dazu sind bei uns eingegangen, die wir im folgenden abdrucken.

Birnen mit Käse

Bei der letzen Volkszählung wurde die Stadtverwaltung Konstanz von dem heftigen Widerstand gegen deren Durchführung ebenso überrascht wie der "Südkurier", der sonst doch auch das Husten der Flöhe in jedem Kaninchenzüchterverein rapportiert. LeserInnen des weiland "Nebelhorn" hätten da besser beraten können: auf einschlägigen Versammlungen wurde schon klar, daß die Volkszählung in Konstanz mit viel List und Phantasie erheblich behindert werden würde (laut Erhebung fuhren seinerzeit 14,3 Prozent der Universitätsangehörigen mit der U-Bahn zur Arbeit). Diese Entwicklung konnte von der "besten Konstanzer Tageszeitung" nicht wahrgenommen werden, weil sie politische Bewegung nur in Parteien, Gremien und anerkannten Organisationen sah.

Solche Wahrnehmungslücken zu schließen gehört zu den Chancen und Aufgaben der "Alternativ-Medien". Aber es geschieht nicht oft, daß Bewegung "unten" Wirkungen mit hinreichendem Neuigkeitswert für die angepaßteren Medien hat. Deshalb ist das Publikum der Alternativmedien darauf angewiesen, den Zusammenhang zum "Weltgeschehen" wie im Fernsehen und in der Zeitung präsentiert, für sich selbst herzustellen. Deshalb können Alternativmedien ihr Publikum nur halten, wenn sie sich entweder an Nachrichten Konsumgewohnheiten anpassen (dieser Weg scheitert meist schlicht am Geld) oder ihre Inhalte sich an der Lebenspraxis ihres Publikums orientieren: wer sich für menschenwürdigen oder zumindest verfassungskonformen Umgang mit Flüchtlingen in Konstanz einsetzt, wird eher die "AZW" lesen, als Menschen, die nur Sport treiben und sich somit in der Ortszeitung ausreichend wahrgenommen fühlen können.

Gesellschaftliche Initiativen sind meist kurzlebiger, wenn sie neben oder außerhalb von Parteien und "offiziellen" Organisationen betrieben werden. Sie dauern meist bis zum Erreichen des ursprünglichen Ziels oder bis zur Aufgabe. Deshalb wird das potentielle Publikum etwa einer "AZW" häufiger wechseln als das einer Tageszeitung. Um LeserInnen zu halten und zu gewinnen, müssen alternative Medien, die sich nicht bloß einen Markt suchen, ihr Publikum zu kollektiverem Handeln führen, aus dem dann wieder stärkeres Interesse an "seinem" Medium kommt. Beispiel: wenn sich etwa über die "AZW" Friedensinitiative, Zebra-Kino und AsylbetreuerInnen zu einer Veranstaltung zusammenfinden, die keine dieser Gruppen alleine gemacht hätte.

Das Anregen oder Organisieren von solchen Aktivitäten mit dem Machen eines Blattes zu verbinden, ist eine Kombination wie Birnen und Käse: zunächst befremdlich, aber in der Praxis köstlich. Für ersteres habe ich leider kein Patentrezept, deshalb ersatzweise mein Rezept für Birnen mit Käse:

"2 (Williams-)Birnen schälen, achteln. 2 Eßlöffel Honig in einer Pfanne schmelzen. Birnenschnitze l Minute darin brutzeln, herausnehmen. Eine Handvoll Walnüsse in diesem Sud wenden, bis dick überzogen (karamelisiert). Auf Camembertschnitze verteilen, Birnen dazu, evtl. noch grüner Salat (Frisee)."

MAIK

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.