Große Koalition in Sachen Wiedervereinigung
Die jüngsten politischen Ereignisse in der DDR, die Öffnung der Grenzen zur BRD und zu Westberlin nehmen westdeutsche Reaktionäre zum Anlaß, offensiv revanchistische Töne anzuschlagen, die Wiedervereinigung zu fordern. Politikerinnen aller Parteien Überschlagen sich förmlich wenn es darum geht, gute Deutsche zu sein. Demonstriert wird das auch durch das Absingen der Nationalhymne im Bundestag. Auch die eilends eingerichtete Kundgebung in Berlin war ein weiterer nationalistischer Betrag aller Redner in dieser Richtung. Am 11. November fand auch in Konstanz eine dieser nationalistischen Hetzveranstaltungen statt. Aufgerufen dazu hatten das Kuratorium Unteilbares Deutschland und der Deutschlandpolitische Arbeitskreis der CDU. In allen Redebeitragen von Repnik über Eickmeyer bis zu Leipold war von der historischen Gelegenheit der Wiedervereinigung zu hören.
Mit aller Macht treten westdeutsche Politiker und Konzernvertreter für politischen und wirtschaftlichen Wandel nach westdeutschem Vorbild in der DDR ein, mischen sich damit direkt in innere Angelegenheiten eines anderen Staates ein. Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (D1HT) verlangt, daß der Demokratisierungsprozeß „auch auf die Wirtschaft übertragen wird". Das heiße, so Stihl weiter, die in eine bilaterale Kooperation einbezogenen Unternehmen müßten „aus der bisherigen Komandowirtschaft der DDR entlassen werden". Das bedeutet Übernahme der kapitalistischen Produktionsweise. Für diese Aktion sei die BRD, Stihl, der „geborene Partner". Grundlage für diese „Partnerschaft" sind auch für Wirtschaftsminister Haussmann Reformen im gesellschaftlichen und im wirtschaftlichen Bereich.
Auch in der TAZ vom 17.11. läßt sich ein Hans D. Barbier im Wirt schaftsteil über wirtschaftliche Zusammenarbeit, sprich der Errichtung kapitalistischer Verhältnisse in der DDR aus. „In den Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen liegt nichts bedrohliches für die Menschen in der DDR. Dennoch ist es zutreffend, daß die Führung der DDR etwas ihr heute Wichtiges aufgeben müßte, wenn sie die wirtschaftliche Verflechtung mit den Ländern des Westens vertiefen möchte: ihre zentralverwaltungswirtschädlichen Praktiken." Sollte dies allerdings nicht geschehen, so „wäre es allerdings konsequent, die DDR weiter gegen den Westen abzuschotten", so Barbier weiter.
Auch oder gerade die Faschisten melden sich triumphierend zu Wort. So schreibt Gerhard Frey jun. in der National-Zeitung unter der Überschrift „Deutschlands Auferstehung — Wiedervereinigung jetzt! Unter dem Brandenburger Tor zogen Menschen mit der deutschen Flagge Schwarz-rot-gold und der Fahne Berlins mit dem Berliner Bären hindurch. Ein Berliner brachte die Geschehnisse auf den Punkt, wie alle es sahen: tAlles ist eins, wir gehören zusammen, so muß es sein!’ und ein anderer stammelte vor Freude nur ins Mikrofon: (Das ist mein Deutschland, das ist wieder mein Deutschland!’" Begleitet wird diese Berichterstattung mit einer Kampagne „Ja zur Wiedervereinigung" bei der aufgefordert wird, „der überparteilichen Aktion deutsche Einheit (Her vorhebung im Orginal)" beizutreten.
Im Aufruf heißt es dazu: „Die Fluchtwelle aus Mitteldeutschland und die Geschehnisse in der tDDR' zeigen die absolut Vordringlichkeit der Wiedervereinigung Deutschlands in der heutigen Politik. Jetzt gilt es, jene Kräfte zu stärken, die die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit gegen alle Elemente eines offenen oder verdeckten Seperatismus fordern und in unserer Zeit durchsetzen wollen." Nationalismus, chauvinismus und Revanchismus treiben Blüten. Die parlamentarische Opposition hat dem nichts entgegenzusetzen. Mehr noch, wo nur möglich wird in das Lied der Wiedervereinigung eingestimmt. Dabei wird sich gern und oft auf das Grundgesetz bezogen, in dem die Exten nach einer Vormachtstellung innerhalb der EG entgegenkommt. Nicht bedacht wird in der jetzigen Situation, daß genau solche Expansionsbestrebungen die Ursachen für die Entfesselung zweier Weltkriege in diesem Jahrhundert zur Folge hatte. Jeweils ging die Aggression von deutschem Boden aus. Dies muß Anlaß sein, alles zu tun, damit diese Bestrebungen verhindert werden. Bestimmte Eckpfeiler reaktionärer Programmatik, um die sich insbesondere auch die Faschisten formieren, wie eben die Wiedervereinigungs-Präambel oder den §116 (Deutschenrechte) müssen angegriffen werden und als kriegstreiberisch entlarvt werden. Diese Politik wäre auch gut geeignet, zur Kritik der Allparteienkoalition in Sachen Deutschlandpolitik und zur Bekräftigung der Forderung nach Anerkennung der bestehenden Grenzen und zur Anerkennung der DDR.
Auf Einladung der Volksfront gegen Reaktion, Faschismus und Krieg fand am 16.11. ein erstes Treffen statt auf dem fortschrittliche Kräfte über ein Eingreifen gegen Nationalismus, Chauvinismus und Revanchismus diskutiert haben. An dem Treffen nahmen ca. 25 Personen teil. Auf einem weiteren Treffen am 24.11. soll über den im Grundgesetz festgeschriebenen und von allen Regierungen in der BRD betriebenen Revanchismus gesprochen werden. Für die weitere Arbeit wurde vorgeschlagen, ein Materialblatt zu diesem Thema zu erstellen sowie eine Veranstaltung und ein Seminar durchzuführen. - (wmo)