Heft 4 vom 20.11.1989 scan 2026-04-12

Rosgartenmuseum zeigt Ausstellung zu ArbeitsimmigrantInnen



„Die Geschichte der Gastarbeiter", unter diesem Titel läuft momentan in Konstanz eine Ausstellung, organi­siert von städtischem Sozialamt und Rosgartenmuseum. Die ca. 120 Fotos mit Texten wollen die „politischen Konzepte der Ausländerbeschäftigung in Zusammenhang mit der Lebens- und Arbeitssituation der Gastarbeiter" bringen - so der Anspruch der Aus­stellung. Daneben sind - um den loka­len Bezug herzustellen - Dokumente Uber Geschichte und Situation von in Konstanz lebenden Ausländerinnen zu sehen.

Die Ausstellung beginnt mit den Jahren 1939-45 und stellt die natio­nalsozialistische Praxis dar, mithilfe «nn ca.7 Mio.ausiändischen Arbeiter­ eben die deutsche (Rüstungs)Wirtschaf t am Leben zu erhalten. Rund ein Drittel der Menschen, die für die ex­pansionistischen Ziele des faschisti­schen Deutschlands schuften mußten, waren Zwangsarbeiter; Kriegsgefan­gene aus Polen, Frankreich, der Sow­jetunion. Der Begriff „Gastarbeiter" ist übri­gens kein Nachkriegsprodukt, sondern war auch im Nationalsozialismus üb­lich: Er bezog sich auf Arbeitskräfte, die aus Italien oder Spanien kamen, Länder also, die auf gutem Fuß mit Nazideutschland standen. Umso un­verständlicher, daß dieser Begriff bis heute, nicht nur im Titel dieser Aus­stellung, völlig unkritisch verwendet wird. Zur Sache zurück: Das rasche Wie­dererstarken der deutschen Wirt­schaft nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht zuletzt auch das erneute Enga­gement im Rüstungssektor (Schaffung der Bundeswehr 1954) verschlang Ar­beitskräfte, mehr, als in der Bundes­republik zur Verfügung standen. 1955 schloß die Bundesregierung ein „Ab­kommen über die Entsendung von Ar­beitskräften" mit Italien; Spanien, Griechenland, die Türkei und andere Länder folgten. Die Gewerkschaften gaben ihre Zustimmung zur Massen­anwerbung von ausländischen Arbei­terinnen nur unter der Bedingung, daß ihnen gleiche Rechte zugestanden würden. In der Praxis allerdings wur­den ihnen von Anfang an die geringqualifizierten, schlecht bezahlten und gefährlichen Arbeiten aufgehalst. Auch die versprochene hohe Lebens­qualität in der Bundesrepublik erwies sich als Illusion: So war die Wohnsitu­ation von Arbeitsimmigrantinnen schon immer (noch) schlechter als die ihrer deutschen Kolleginnen. In den 60er Jahren lebte die Hälfte aller aus­ländischen Familien in schlecht aus­ gestatteten Wohnungen, meist ohne Bad, oft ohne eigenes Klo. Leider zeigt die Ausstellung weder beim Thema Wohnen, noch in anderen Bereichen, wie die Entwicklung seit Ende der 50er Jahre bis heute verlief. Das liegt zum einen daran, daß die neuesten Dokumente von 1984 stam­men, also aktuelle Entwicklungen nicht berücksichtigt sind. Zum ande­ren fehlen oft genaue Jahreszahlen bei Statistiken o.ä., was die Zuordnung erschwert. Generelles Manko der Ausstellung: Trotz guter fotographischer Doku­mente mit informativen Erläuterungen werden die Ursachen von Mißständen, von Fremdenfeindlichkeit, bzw. die Interessen, die zum Beispiel hinter einer reaktionären Ausländergesetz­gebung stehen, nicht benannt. Weitere Beispiele: Beim Stichwort Politik wird thematisiert, daß es Aus­länderinnen unter Abschiebungsge­fahr verboten ist, sich in der Bundes­republik (fortschrittlich) politisch zu betätigen, sich beispielsweise gegen das türkischen Militärregime zu enga­gieren. Daß und welche Interessen von bundesdeutscher Seite dahinter­ stecken, bleibt unklar. Stichwort Frauen: Es wird themati­siert, daß Arbeitsimmigrantinnen auf der untersten Stufe der Betriebshier­archie arbeiten müssen, als ungelern­te Kräfte, am Fließband unter Ak­kordbedingungen, in Leichtlohngrup­pen, daß sie zusätzlich oft unter den Bedingungen in der Kleinfamilie, un­ter der Anonymität und Isolation lei­den. Diese Fakten wirken jedoch im­mer ein wenig distanziert. Der Grund dafür liegt wohl darin, daß die Betroffenen selber an keiner Stelle zu Wort kommen.

Vom vorhandenen Widerstand der Arbeitsimmigrantinnen, von ihrem Kampf um bessere Lebens- und Ar­beitsbedingungen ist nie die Rede, mit einer Ausnahme: Unter dem Stichwort Arbeit wird dokumentiert, daß sich ausländische Arbeiterinnen sehr enga­giert an den Streiks Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre beteiligten. Alles in allem: Es ist nicht zu über­sehen, daß es sich hier, trotz aller Informationsfülle, um eine Ausstellung über, nicht von Arbeitsimmigrantin­nen handelt.

Einige Anmerkungen zum Ausstel­lungsteil Arbeitimmigrantinnen in Konstanz: gezeigt werden hauptsäch­lich Fotos aus den Bereichen Kultur und Vereinsleben, daneben Fotokopien von Zeitungsartikeln zum Thema Aus­länderbeirat (ausschließlich dem Süd­kurier entnommen!); Fotos zu Arbeitssituation und Wohnen in Kon­stanz. Im Textteil zu den Fotos über die desolate Wohnsituation vieler Ausländerinnen in Konstanz Ende der 70er Jahre entblödet sich das Sozial­amt nicht zu behaupten. daß seit 1984 diese Mißstände behoben seien und man im übrigen erst seit einem Jahr von einer zunehmenden Wohnungsnot auch bei ausländischen Mitbürgerin­nen reden könne - vor allem deshalb, weil jetzt die zweite Generation der „Gastarbeiter" ins heiratsfähige Alter käme (heilige Einfalt oder bewußte Verarschung?). - (ang/wmo)