Heft 5 vom 04.12.1989 scan 2026-04-12

"Menschen sterben und ihr schweigt - Scheiben klirren und ihr schreit"

Bundesweite Entrüstung nach dem Tod der Antifaschistin Conny W.

antifa

Bereits in der letzten Ausgabe haben wir vom Tod einer jungen Frau aus Göttin­gen berichtet, die bei einem Polizeieinsatz ums Leben kam. In der Zwischenzeit haben sich die Umstände, die zu Connys Tod führten, weiter erhellt. Die ersten Pressemeldungen, die von einem tragischen Unfall bei Auseinandersetzungen „rivalisierender Jugendbanden" sprachen (siehe z.B. „Südkurier", 20.11.), lassen sich nicht mehr halten — ohne jedoch von den verantwortlichen Medien korri­giertworden zu sein. Das Verhalten der Polizei am Abend jenes 17.11.89 ist in zunehmendem Masse ins Zentrum der öffentlichen Kritik gerückt. Ein Aus­druck dafür waren vor allem die zahlreichen Demonstrationen, die im ganzen Bundesgebiet anläßlich der Göttinger Ereignisse stattfanden. So auch in Kon­stanz, wo am 20.11. Uber roo Menschen dem Aufruf des Antifaschistischen Ko­mitees folgten und ihre Wut und Trauer um Connys Tod zum Ausdruck brachten.
Seit nunmehr zwei Jahren ist Göttingen Schauplatz von gewalttätigen Übergriffen neonazistischer Gruppen auf Ausländerinnen, Flüchtlingen und Einrichtungen der linken und alterna­tiven Szene. Besonders Aktivisten der militant-faschistischen FAP (Frei­heitliche Arbeiterpartei) üben von Wochenende zu Wochenende Terror in der südniedersächsischen Stadt aus, ohne daß ihnen, abgesehen von ent­schlossenen Antifaschistinnen Widerstand entgegengebracht wird. Auch am Abend des 17.11. kam es in der In­nenstadt zu einer Auseinandersetzung zwischen Nazi-Skinheads und Antifa­schistinnen. Die Polizei wurde herbei­ gerufen; als sie eintraf, war jedoch die Prügelei bereits beendet. Kurze Zeit später bewegte sich eine weitere Gruppe von Antifaschistinnen, die über den Zwischenfall informiert worden war, Richtung Stadtmitte. Unter ihnen befand sich auch Conny. Recht rasch wurde klar, daß die ca. 30 Leute von der Polizei, die inzwi­schen mehrere Streifenwagen, eine Hundestaffel und zwei Zivilstreifen­wagen zusammengezogen hatte, zu­ nächst bemerkt und dann verfolgt wurden. Und dies, obwohl nicht der geringste Tatverdacht bestand, wie selbst Polizeichef Will später zugeben mußte. Während der Verfolgung wird aus einem der beiden Zivilstreifenwagen über Funk angefragt: „Sollen wir sie plattmachen?" Die Antwort lautet: „Ich bin dabei." „Ist doch die Gelegen­ heit wo wir alle mal aufm Haufen sind." Die Gelegenheit ergibt sich dann an der Einmündung zu einer Schnellsraße (Weender Landstraße), als sich die Gruppe von Polizisten umstellt sieht. Mit gezogenen Knüppeln werden die Antifaschistinnen angegriffen. „Per­sonalienfeststellung" heißt das im Po­lizistendeutsch. Conny versucht aus­ zuweichen; sie läuft auf die Weender Landstraße, wo sie von einem Auto er­fasst wird. Sie ist sofort tot. Mit dem rabiaten Vorgehen der Po­lizei, das den Tod der vierundzwanzig­jährigen herbeigeführt hat, befasste sich inzwischen die niedersächsische Landesregierung und der Innenaus­schuß des Landtags. Außerdem hat die Göttinger Staatsanwaltschaft die Ermittlungen über die Umstände des To­des von Conny W. aufgenommen. Noch in derselben Nacht versam­melten sich am Unglücksort mehrere hundert Menschen. Eine Barrikade wurde errichtet, Blumen niederge­legt, Kerzen angezündet und eine Mahnwache wurde eingerichtet. Am Tag darauf kam es in Göttingen mit 2 000 Menschen, aber auch in anderen Städten zu Spontandemonstrationen und Solidaritätskundgebungen. In Konstanz wurde in der Nacht zum 19.11. „Trauerum Conny" und „Gegen Faschismus und Staatsterror" an die Wände der Polizeiwachen Mainaustra­ße, Lutherplatz und Wollmatinger Straße gesprüht. Die Demonstration am 20.11. war von einer außergewöhn­lich starken Polizeipräsenz geprägt. Auf der Kundgebung wurde darauf hingewiesen, daß der Tod der Götting­er Antifaschistin keineswegs zufällig war. Oft genug würde bei den Aktio­nen der Polizei der Tod eines Men­schen einkalkuliert bzw. in Kauf genommen. Es sei nur an Olaf Ritzmann, Klaus Rattay und Günther Sare erin­nert, die bei ähnlichen Hetzjagden der Polizei ihr Leben verlieren mußten. Außerdem wurde auf die zunehmende Kriminalisierung des antifaschisti­schen Widerstands aufmerksam ge­macht, während auf der anderen Seite faschistsiche Übergriffe stillschweigend geduldet werden. Gegen 5 Teilnehmerinnen der De­monstration wird nun wegen angebli­cher Beamtenbeleidigung ermittelt. 18000 Menschen fanden sich am 25.11. zu einer bundesweiten Demon­stration in Göttingen ein: „Nichts ist mehr so, wie es war. Wir wollen klar­ machen, daß sich ein Mensch wie Con­ny nicht auf den Begriff Antifaschi­stin oder den Anonymus Cornelia W. reduzieren läßt", hieß es in einem Re­debeitrag. Und weiter: „Wir trauern und wir sind wütend. Ohne diesen Poli­zeieinsatz hätte sie nicht sterben müssen. Wir werden angegriffen, die Neofaschisten werden aus der Stadt geleitet. Das ist deutsche Tradition - wie die gleichgültige und teilweise menschenverachtende Reaktion großer Teile der Bevölkerung auf solche Ereignisse Tradition hat. Wäre es an­ders. wäre der Neofaschismus nicht geduldet, müßten wir nicht länger ge­gen ihn auf die Straße gehen." Während des mehrstündigen Mar­sches durch die Innenstadt wurden dieÄ Schaufenster zahlreicher Banken und Geschäfte eingeworfen. Auch die Rückseite der Göttinger Polizei­hauptwache wurde fast vollständig entglast. Die aus ganz Niedersachsen zusammengezogenen Polizeikräfte hielten sich zunächst zurück. Nach­ dem aber die Demonstration vor dem Jugendzentrum aufgelöst wurde, preschten einige Hundertschaften in die Menge. Es kam auf beiden Seiten zu Verletzten, zwei Streifenwagen wurden auf den Kopf gestellt, acht Demonstrantinnen vorübergehend festgenommen ... ... Wie war das noch: „Menschen sterben und ihr schweigt - Scheiben klirren und ihr schreit." Dieser Ruf der Autonomen enthält ein trauriges Stück westdeutscher Realität. Einer Realität, auf deren Grundlage das Zu­sammenspiel zwischen Faschisten und Staatsorganen noch verheerendere Konsequenzen haben könnte, als es bereits in Göttingen oder anderswo bisher der Fall gewesen ist. - (tv)