"Menschen sterben und ihr schweigt - Scheiben klirren und ihr schreit"
Bereits in der letzten Ausgabe haben wir vom Tod einer jungen Frau aus Göttingen berichtet, die bei einem Polizeieinsatz ums Leben kam. In der Zwischenzeit
haben sich die Umstände, die zu Connys Tod führten, weiter erhellt. Die ersten
Pressemeldungen, die von einem tragischen Unfall bei Auseinandersetzungen
„rivalisierender Jugendbanden" sprachen (siehe z.B. „Südkurier", 20.11.), lassen
sich nicht mehr halten — ohne jedoch von den verantwortlichen Medien korrigiertworden zu sein. Das Verhalten der Polizei am Abend jenes 17.11.89 ist in
zunehmendem Masse ins Zentrum der öffentlichen Kritik gerückt. Ein Ausdruck dafür waren vor allem die zahlreichen Demonstrationen, die im ganzen
Bundesgebiet anläßlich der Göttinger Ereignisse stattfanden. So auch in Konstanz, wo am 20.11. Uber roo Menschen dem Aufruf des Antifaschistischen Komitees folgten und ihre Wut und Trauer um Connys Tod zum Ausdruck brachten.
Seit nunmehr zwei Jahren ist Göttingen Schauplatz von gewalttätigen
Übergriffen neonazistischer Gruppen
auf Ausländerinnen, Flüchtlingen und
Einrichtungen der linken und alternativen Szene. Besonders Aktivisten der
militant-faschistischen FAP (Freiheitliche Arbeiterpartei) üben von
Wochenende zu Wochenende Terror in
der südniedersächsischen Stadt aus,
ohne daß ihnen, abgesehen von entschlossenen Antifaschistinnen Widerstand entgegengebracht wird. Auch
am Abend des 17.11. kam es in der Innenstadt zu einer Auseinandersetzung
zwischen Nazi-Skinheads und Antifaschistinnen. Die Polizei wurde herbei
gerufen; als sie eintraf, war jedoch die
Prügelei bereits beendet. Kurze Zeit
später bewegte sich eine weitere
Gruppe von Antifaschistinnen, die über den Zwischenfall informiert worden war, Richtung Stadtmitte. Unter
ihnen befand sich auch Conny.
Recht rasch wurde klar, daß die ca.
30 Leute von der Polizei, die inzwischen mehrere Streifenwagen, eine
Hundestaffel und zwei Zivilstreifenwagen zusammengezogen hatte, zu
nächst bemerkt und dann verfolgt
wurden. Und dies, obwohl nicht der
geringste Tatverdacht bestand, wie
selbst Polizeichef Will später zugeben
mußte.
Während der Verfolgung wird aus
einem der beiden Zivilstreifenwagen über Funk angefragt: „Sollen wir sie
plattmachen?" Die Antwort lautet:
„Ich bin dabei." „Ist doch die Gelegen
heit wo wir alle mal aufm Haufen
sind."
Die Gelegenheit ergibt sich dann an
der Einmündung zu einer Schnellsraße
(Weender Landstraße), als sich die
Gruppe von Polizisten umstellt sieht.
Mit gezogenen Knüppeln werden die
Antifaschistinnen angegriffen. „Personalienfeststellung" heißt das im Polizistendeutsch. Conny versucht aus
zuweichen; sie läuft auf die Weender
Landstraße, wo sie von einem Auto erfasst wird. Sie ist sofort tot.
Mit dem rabiaten Vorgehen der Polizei, das den Tod der vierundzwanzigjährigen herbeigeführt hat, befasste
sich inzwischen die niedersächsische Landesregierung und der Innenausschuß des Landtags. Außerdem hat die
Göttinger Staatsanwaltschaft die Ermittlungen über die Umstände des Todes von Conny W. aufgenommen.
Noch in derselben Nacht versammelten sich am Unglücksort mehrere
hundert Menschen. Eine Barrikade
wurde errichtet, Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet und eine
Mahnwache wurde eingerichtet. Am
Tag darauf kam es in Göttingen mit
2 000 Menschen, aber auch in anderen
Städten zu Spontandemonstrationen
und Solidaritätskundgebungen. In
Konstanz wurde in der Nacht zum
19.11. „Trauerum Conny" und „Gegen
Faschismus und Staatsterror" an die
Wände der Polizeiwachen Mainaustraße, Lutherplatz und Wollmatinger
Straße gesprüht. Die Demonstration
am 20.11. war von einer außergewöhnlich starken Polizeipräsenz geprägt.
Auf der Kundgebung wurde darauf
hingewiesen, daß der Tod der Göttinger Antifaschistin keineswegs zufällig
war. Oft genug würde bei den Aktionen der Polizei der Tod eines Menschen einkalkuliert bzw. in Kauf genommen. Es sei nur an Olaf Ritzmann,
Klaus Rattay und Günther Sare erinnert, die bei ähnlichen Hetzjagden der
Polizei ihr Leben verlieren mußten.
Außerdem wurde auf die zunehmende
Kriminalisierung des antifaschistischen Widerstands aufmerksam gemacht, während auf der anderen Seite
faschistsiche Übergriffe stillschweigend geduldet werden.
Gegen 5 Teilnehmerinnen der Demonstration wird nun wegen angeblicher Beamtenbeleidigung ermittelt.
18000 Menschen fanden sich am 25.11. zu einer bundesweiten Demonstration in Göttingen ein: „Nichts ist
mehr so, wie es war. Wir wollen klar
machen, daß sich ein Mensch wie Conny nicht auf den Begriff Antifaschistin oder den Anonymus Cornelia W.
reduzieren läßt", hieß es in einem Redebeitrag. Und weiter: „Wir trauern
und wir sind wütend. Ohne diesen Polizeieinsatz hätte sie nicht sterben
müssen. Wir werden angegriffen, die
Neofaschisten werden aus der Stadt
geleitet. Das ist deutsche Tradition -
wie die gleichgültige und teilweise
menschenverachtende Reaktion großer Teile der Bevölkerung auf solche
Ereignisse Tradition hat. Wäre es anders. wäre der Neofaschismus nicht
geduldet, müßten wir nicht länger gegen ihn auf die Straße gehen."
Während des mehrstündigen Marsches durch die Innenstadt wurden dieÄ
Schaufenster zahlreicher Banken und
Geschäfte eingeworfen. Auch die
Rückseite der Göttinger Polizeihauptwache wurde fast vollständig
entglast. Die aus ganz Niedersachsen
zusammengezogenen Polizeikräfte
hielten sich zunächst zurück. Nach
dem aber die Demonstration vor dem
Jugendzentrum aufgelöst wurde,
preschten einige Hundertschaften in
die Menge. Es kam auf beiden Seiten
zu Verletzten, zwei Streifenwagen
wurden auf den Kopf gestellt, acht
Demonstrantinnen vorübergehend
festgenommen ...
... Wie war das noch: „Menschen
sterben und ihr schweigt - Scheiben
klirren und ihr schreit." Dieser Ruf
der Autonomen enthält ein trauriges
Stück westdeutscher Realität. Einer
Realität, auf deren Grundlage das Zusammenspiel zwischen Faschisten und
Staatsorganen noch verheerendere
Konsequenzen haben könnte, als es
bereits in Göttingen oder anderswo
bisher der Fall gewesen ist. - (tv)