"Teil und herrsche - Von inneren und äußeren Kolonien"
“t°nonlen dokumentieren wir im folgenden ein Flugblatt aus
dem Erstarken d^D ^usammen*längen zwischen Frauenunterdrückung und
dem Erstarken des Rechtsextremismus befaßt. - (red)
Wenn wir Herrn Schweizer im vollgestopften Tram sehen, wie er sich partout nicht auf den freien Platz neben
„den Tamilen" setzen will, und wenn
wir ihn nachts im Seefeld Wiedersehen, wie er sich bei einer Prostituierten einkauft, dann behaupten wir, daß
diese zwei Bilder zusammengehören.
Daß die Verachtung, der Hass und die
Aggression gegen den Ausländer und
gegen die Frauen denselben Ursprung
haben im Herrn Schweizer drin: Er ist
der Massstab aller Dinge, der Mensch
an sich. Schwarze, ausländische Männer und alle Frauen sind „das Andere",
Wnd „Natur", Kolonien. Aber auch seine Angst vor der Frau und vor dem
Ausländer fliesst aus derselben Quelle: Nämlich daher, dass er dumpf ahnt,
was auf ihn zurückfallen wird, wenn er
gegenüber diesen nicht mehr am
Drücker sitzt.
- Gelingt es dem weissen Mann, sich das Ausländische und das Weibliche in einer Person leibeigenschaftlich anzueignen, potenziert sich seine Machtposition: Er wird zum Zuhälter, Ehemann, Vergewaltiger und Arbeitgeber der schwarzen Frau, die er über eine Agentur zu seiner sexuellen Verfügung ehelicht, in der Prostitution weitervermietet und deren Arbeitskraft er sich aneignet - eine selten mögliche Machtakkumulation! Jorge Gomez wurde von Rassisten ermordet, Durchgangsheime werden ständig unter Lebensbedrohung der ^äewohner und Bewohnerinnen angegriffen, vier Flüchtlinge aus Sri Lanka sind bei einem solchen Angriff in chur verbrannt worden. Ausländerinnen und Ausländer werden auf der Straße zusammengeschlagen, bedroht, beleidigt, gehänselt, getötet. Diese Eskalation, die Erstarkung der Rechten in ganz Westeuropa, der Neonazis und Männerverbände wie Skin Heads, is^. seit langem ins Bewußtsein der schweizerischen Linken und Widerständigen vorgedrungen. Der sich immer stärker manifestierende Rassismus verpflichtet uns zur Gegenmobilisierung. In der ersten Novemberwoche wurden in der Schweiz fünf Frauen von Männern ermordet, aus dem Grund, Frauen zu sein (diese Zahlen stammen bloß aus Zeitungsmeldungen und sind sicher nicht vollständig). Laut der otfiziellen Kriminalstatistik sind 75« aller Morde in der Schweiz solche von einzelnen Männern (allermci^ens Ehemänner, Freunde, Ex-Ge ie e etc.) an einzelnen Frauen. Frauen werden auf der Straße zusammengeschlagen, bedroht, beleidigt, gehänselt, angetatscht, vergewaltigt, getötet. Das ist die jahrzehntelange Normalität, die Linke und Widerständige offenbar nicht zur Gegenmobilisierung verpflichtet. Dass die beiden Situationen zusammengehören, bestreitet eigentlich niemand. Wollen wir den weißen Mann als Massstab aller Dinge beseitigen, bedeutet dies:
- dass beide Gewaltverhältnisse nur im Zusammenhang und gleichzeitig zu knacken sind
- dass jeder - auch unbewußte - Versuch, die beiden Verhältnisse voneinander abzuspalten oder sogar gegen einander auszuspielen, in eine Stärkung der herrschenden Situation oder bestenfalls in Pflästerlipolitik mündet
- dass die Situation der mehrfach Ausgebeuteten, nämlich der schwarzen, der ausländischen Frauen, im Zentrum dieses Kampfes stehen muss, will er glaubwürdig sein
- dass Bevölkerungspolitik ein zentrales Moment in den Kämpfen der Widerständigen sein muss: Sie beruht auf der sexistischen Unterwerfung der Frau und ihrem Körper und gleichzeitig auf rassistischen Kriterien Ubererwünschtes und unerwünschtes Leben. Schwarze, Arme. Behinderte - alle, die keinen Profit abwerfen, sollen gar nicht erst geboren werden. Die Massnahmen, die zu diesem Ziel führen, werden im und am Körper der Frau aufs brutalste durchgesetzt. Genauso präzise auf dieser Schnitt stelle von Rassismus und Sexismus liegen die Komplexe Frauenhandel, Sextourismus, Gentechnologie. Dort operiert die Macht. — dass ... Wenn wir also z.B. hören, dass Palästinenser in Westberlin sich nachts nicht mehr furchtlos auf der Strasse bewegen können, weil sie fertiggemacht, zusammengeschlagenoder gar umgebracht werden, dann ist es heuchlerisch und arrogant, sich des langen und breiten sich genau darüber zu empören. Und zwar weil alle wissen, dass Frauen nachts schon immer nicht furchtlos durch die Strassen irgendeiner Stadt gehen konnten und können: Sie werden vergewaltigt, zu sammengeschlagen, ermordet. Und weil alle genauso wissen, dass Palästinenserinnen sich überhaupt nie, sei es Tag oder Nacht, auf den Strassen Westberlins bewegen konnten. Dann muss es um all diese Menschen gehen. deren Lebensgefühl hier bestimmt ist von Angst, von Sich-Verstecken-Müssen, Sich-Verleumden-Müssen, vom Gehetzt-Werden, vom permanenten Angriff auf die eigene Person. Dann geht es darum zu sehen, wer sich auf den Strassen hier frei bewegen kann. Und hier muss unser Widerstand ansetzen: Widerstand gegen die Verantwortlichen dieser Situation, Widerstand gegen die Profiteure derselben Situation und gegen die eigenen Privilegien aus dieser Situation. Und zwar gleichzeitig. Erst wenn es breit gelingt, die Schnittstellen, Verknüpfungen, Zusammenhänge, aber auch Widersprüche der Ausbeutungsverhältnisse aus zumachen und praktisch zu konkretisieren im Widerstand, haben wir über haupt eine chance, etwas gegen diese auszurichten.