Heft 5 vom 04.12.1989 scan 2026-04-12

"Teil und herrsche - Von inneren und äußeren Kolonien"

Zur Diskussion / Beitrag aus Zürich zum Thema Sexismus


“t°nonlen dokumentieren wir im folgenden ein Flugblatt aus dem Erstarken d^D ^usammen*längen zwischen Frauenunterdrückung und dem Erstarken des Rechtsextremismus befaßt. - (red)
Wenn wir Herrn Schweizer im vollge­stopften Tram sehen, wie er sich partout nicht auf den freien Platz neben „den Tamilen" setzen will, und wenn wir ihn nachts im Seefeld Wiederse­hen, wie er sich bei einer Prostituier­ten einkauft, dann behaupten wir, daß diese zwei Bilder zusammengehören. Daß die Verachtung, der Hass und die Aggression gegen den Ausländer und gegen die Frauen denselben Ursprung haben im Herrn Schweizer drin: Er ist der Massstab aller Dinge, der Mensch an sich. Schwarze, ausländische Män­ner und alle Frauen sind „das Andere", Wnd „Natur", Kolonien. Aber auch sei­ne Angst vor der Frau und vor dem Ausländer fliesst aus derselben Quel­le: Nämlich daher, dass er dumpf ahnt, was auf ihn zurückfallen wird, wenn er gegenüber diesen nicht mehr am Drücker sitzt.

  • Gelingt es dem weissen Mann, sich das Ausländische und das Weibliche in ei­ner Person leibeigenschaftlich anzu­eignen, potenziert sich seine Macht­position: Er wird zum Zuhälter, Ehe­mann, Vergewaltiger und Arbeitgeber der schwarzen Frau, die er über eine Agentur zu seiner sexuellen Verfü­gung ehelicht, in der Prostitution wei­tervermietet und deren Arbeitskraft er sich aneignet - eine selten mögli­che Machtakkumulation! Jorge Gomez wurde von Rassisten ermordet, Durchgangsheime werden ständig unter Lebensbedrohung der ^äewohner und Bewohnerinnen ange­griffen, vier Flüchtlinge aus Sri Lanka sind bei einem solchen Angriff in chur verbrannt worden. Ausländerinnen und Ausländer werden auf der Straße zusammengeschlagen, bedroht, belei­digt, gehänselt, getötet. Diese Eskalation, die Erstarkung der Rechten in ganz Westeuropa, der Neonazis und Männerverbände wie Skin Heads, is^. seit langem ins Be­wußtsein der schweizerischen Linken und Widerständigen vorgedrungen. Der sich immer stärker manifestie­rende Rassismus verpflichtet uns zur Gegenmobilisierung. In der ersten Novemberwoche wur­den in der Schweiz fünf Frauen von Männern ermordet, aus dem Grund, Frauen zu sein (diese Zahlen stammen bloß aus Zeitungsmeldungen und sind sicher nicht vollständig). Laut der otfiziellen Kriminalstatistik sind 75« aller Morde in der Schweiz solche von einzelnen Männern (allermci^ens Ehemänner, Freunde, Ex-Ge ie e etc.) an einzelnen Frauen. Frauen werden auf der Straße zusammenge­schlagen, bedroht, beleidigt, gehänselt, angetatscht, vergewaltigt, getö­tet. Das ist die jahrzehntelange Nor­malität, die Linke und Widerständige offenbar nicht zur Gegenmobilisie­rung verpflichtet. Dass die beiden Situationen zusam­mengehören, bestreitet eigentlich niemand. Wollen wir den weißen Mann als Massstab aller Dinge beseitigen, bedeutet dies:
  • dass beide Gewaltverhältnisse nur im Zusammenhang und gleichzeitig zu knacken sind
  • dass jeder - auch unbewußte - Ver­such, die beiden Verhältnisse voneinander abzuspalten oder sogar gegen­ einander auszuspielen, in eine Stär­kung der herrschenden Situation oder bestenfalls in Pflästerlipolitik mündet
  • dass die Situation der mehrfach Ausgebeuteten, nämlich der schwar­zen, der ausländischen Frauen, im Zentrum dieses Kampfes stehen muss, will er glaubwürdig sein
  • dass Bevölkerungspolitik ein zen­trales Moment in den Kämpfen der Widerständigen sein muss: Sie beruht auf der sexistischen Unterwerfung der Frau und ihrem Körper und gleichzeitig auf rassistischen Kriterien Ubererwünschtes und unerwünschtes Le­ben. Schwarze, Arme. Behinderte - alle, die keinen Profit abwerfen, sol­len gar nicht erst geboren werden. Die Massnahmen, die zu diesem Ziel füh­ren, werden im und am Körper der Frau aufs brutalste durchgesetzt. Genauso präzise auf dieser Schnitt­ stelle von Rassismus und Sexismus lie­gen die Komplexe Frauenhandel, Sex­tourismus, Gentechnologie. Dort operiert die Macht. — dass ... Wenn wir also z.B. hören, dass Palästinenser in Westberlin sich nachts nicht mehr furchtlos auf der Strasse bewegen können, weil sie fertigge­macht, zusammengeschlagenoder gar umgebracht werden, dann ist es heuchlerisch und arrogant, sich des langen und breiten sich genau darüber zu empören. Und zwar weil alle wis­sen, dass Frauen nachts schon immer nicht furchtlos durch die Strassen ir­gendeiner Stadt gehen konnten und können: Sie werden vergewaltigt, zu­ sammengeschlagen, ermordet. Und weil alle genauso wissen, dass Palä­stinenserinnen sich überhaupt nie, sei es Tag oder Nacht, auf den Strassen Westberlins bewegen konnten. Dann muss es um all diese Menschen gehen. deren Lebensgefühl hier bestimmt ist von Angst, von Sich-Verstecken-Müssen, Sich-Verleumden-Müssen, vom Gehetzt-Werden, vom permanenten Angriff auf die eigene Person. Dann geht es darum zu sehen, wer sich auf den Strassen hier frei bewegen kann. Und hier muss unser Widerstand an­setzen: Widerstand gegen die Ver­antwortlichen dieser Situation, Widerstand gegen die Profiteure derselben Situation und gegen die eigenen Privilegien aus dieser Situation. Und zwar gleichzeitig. Erst wenn es breit gelingt, die Schnittstellen, Verknüpfungen, Zusammenhänge, aber auch Widersprü­che der Ausbeutungsverhältnisse aus­ zumachen und praktisch zu konkretisieren im Widerstand, haben wir über­ haupt eine chance, etwas gegen diese auszurichten.