Heft 6 vom 18.12.1989 scan 2026-04-12

Hört auf zu studieren - fangt an zu begreifen

Anarchistische Studis über das Geheimnis der Unimisere Teil 1


  • Die Institution — von der Ordinarien-Uni zur High-Tech-Lernfabrik Nach 1968 wurde im Zuge der sozialdemo­kratischen „Bildungsreform" die alte Ordinarienuni enorm aufgebläht, um dem gestiegenen Bedarf nach hoch­ qualifizierten Fachkräften zu sichern
  • die sog. „Massenuni" wurde instal­liert. Aus der Institution akademischer Debatten wurde die sozialdemo­kratische Lernfabrik. Dem entspre­chen die durchrationalisierten Lern­methoden, gemeinhin kurzsichtig als „Verschulungstendenzen" bezeichnet. Die sozialdemokratische Variante der Lernfabrik wirkt heute, angesichts der erforderlichen Anpassung an die laufende Dritte Industrielle Revolu­tion (High- und Gen-Tech etc.), schon wieder störend, wie aus der Durchsetzung von HRG und LHGs deutlich wird. Die Effektivität der Lernfabrik soll weiter gesteigert werden, was durch die momentan stattfindende Zweite Unireform mitr den Mitteln der verstärkten Flexibilisierung (Flexiarbeit für den akademischen Mittel­ bau), Selektion, Konkurrenz und Steu­erung von Studiströmen in die ver­wertbaren Bereiche behoben werden soll. Die Profs: Vom muffigen Ordinarius zum geklonten Technokraten. In den sechziger Jahren war durch die Bewegung an den Unis die Autorität der Profs öffentlich der Lächerlich­ keit preisgegeben. Seine spezialisier­te Borniertheit, verknüpft mit dem plattesten Standsdünkel, machten ihn zur dankbaren Zielscheibe der Kritik. Dies konnte nicht verdecken, daß seine Zeit aus einem anderen Grunde ab­gelaufen war. Die fortschreitende Ar­beitsteilung erforderte eme andere Organisationsform fdr den Wissenschaftsbetrieb. Die Autorität des Wisssenden setzte sich nach ihrem klägli­chen Ende in der Autorität des Wis­sens fort. Die Scientific community übernahm die Aufgabe der Wissenschaftsproduktion sowie die öffentli­che Aufgabe der Repräsentation. Mit ihr erblickte der neue Professorenty­pus des geklonten Technokraten das Licht der Welt und setzte während der siebziger Jahre zu seinem Siegeszug durch die Unis an. Die neuen Mittelschichten: Die Metamorphose des Kleinbürgertums Das alte Kleinbürgertum ist tot - an seine Stelle ist mit der fortschreiten­den Entwicklung der Warengesellschaft die Schicht des hochspeziali­sierten, in den Lernfabriken qualifizierten Kopfarbeiters getreten. Im Gegensatz zum alten Kleinbürgertum sind sie nicht im Besitz ihrer Produk­tionsmittel, sondern in der Regel lohnabhängig beschäftigt; sie haben auf dem Arbeitsmarkt lediglich ihre Qualifikation anzubieten: Dies verleiht ihnen ein ähnlich beschränktes Bewußtsein wie dem Kleinbürgertum und läßt sie hysterisch ihre auf dem Arbeitsmarkt schon weitgehend entwerteten Diplome verteifigen. Ob sie
  • als technische "Intelligenz" die Umstrukturierung des Produktionsbereich vorantreiben,
  • als Sozialklempner die „Randpro­dukte" dieser Entwicklung wieder in­tegrieren und in den hoffnungslosen Fällen die Verwaltung des Elends übernehmen,
  • auf dem expandierenden Kultursek­tor als Bilderproduzenten kulturelle Waren aller Art zur Übertünchung der gesellschaftlichen Öde herstellen,
  • oder sich um die Wartung, Repara­tur, Kontrolle und Selektion der Ar­beitskraft als Mediziner, Psycholo­gen, Soziologen verdient machen
  • fast immer bewahren sie sich ihren „kritischen Anspruch" gegenüber der Gesellschaft, die sie doch selbst durch ihre Tätigkeit reproduzieren und de­ren ureigenstes Produkt sie sind. Während sich diese Kritik in den siebziger Jahren noch offensiv in den neuen sozialen Bewegungen Ausdruck verlieh, befinden sie sich jetzt in Rückzugsgefechten: Nicht mehr der lohnabhängige Technokrat der sozial­demokratischen Ära ist gefragt, das Leitbild der achtziger Jahre ist der wissenschaftliche Subunternehmer, der seine Tauglichkeit auf dem kapi­talistischen Markt beweist. (stf)