Hört auf zu studieren - fangt an zu begreifen
Anarchistische Studis über das Geheimnis der Unimisere Teil 1
- Die Institution — von der Ordinarien-Uni zur High-Tech-Lernfabrik Nach 1968 wurde im Zuge der sozialdemokratischen „Bildungsreform" die alte Ordinarienuni enorm aufgebläht, um dem gestiegenen Bedarf nach hoch qualifizierten Fachkräften zu sichern
- die sog. „Massenuni" wurde installiert. Aus der Institution akademischer Debatten wurde die sozialdemokratische Lernfabrik. Dem entsprechen die durchrationalisierten Lernmethoden, gemeinhin kurzsichtig als „Verschulungstendenzen" bezeichnet. Die sozialdemokratische Variante der Lernfabrik wirkt heute, angesichts der erforderlichen Anpassung an die laufende Dritte Industrielle Revolution (High- und Gen-Tech etc.), schon wieder störend, wie aus der Durchsetzung von HRG und LHGs deutlich wird. Die Effektivität der Lernfabrik soll weiter gesteigert werden, was durch die momentan stattfindende Zweite Unireform mitr den Mitteln der verstärkten Flexibilisierung (Flexiarbeit für den akademischen Mittel bau), Selektion, Konkurrenz und Steuerung von Studiströmen in die verwertbaren Bereiche behoben werden soll. Die Profs: Vom muffigen Ordinarius zum geklonten Technokraten. In den sechziger Jahren war durch die Bewegung an den Unis die Autorität der Profs öffentlich der Lächerlich keit preisgegeben. Seine spezialisierte Borniertheit, verknüpft mit dem plattesten Standsdünkel, machten ihn zur dankbaren Zielscheibe der Kritik. Dies konnte nicht verdecken, daß seine Zeit aus einem anderen Grunde abgelaufen war. Die fortschreitende Arbeitsteilung erforderte eme andere Organisationsform fdr den Wissenschaftsbetrieb. Die Autorität des Wisssenden setzte sich nach ihrem kläglichen Ende in der Autorität des Wissens fort. Die Scientific community übernahm die Aufgabe der Wissenschaftsproduktion sowie die öffentliche Aufgabe der Repräsentation. Mit ihr erblickte der neue Professorentypus des geklonten Technokraten das Licht der Welt und setzte während der siebziger Jahre zu seinem Siegeszug durch die Unis an. Die neuen Mittelschichten: Die Metamorphose des Kleinbürgertums Das alte Kleinbürgertum ist tot - an seine Stelle ist mit der fortschreitenden Entwicklung der Warengesellschaft die Schicht des hochspezialisierten, in den Lernfabriken qualifizierten Kopfarbeiters getreten. Im Gegensatz zum alten Kleinbürgertum sind sie nicht im Besitz ihrer Produktionsmittel, sondern in der Regel lohnabhängig beschäftigt; sie haben auf dem Arbeitsmarkt lediglich ihre Qualifikation anzubieten: Dies verleiht ihnen ein ähnlich beschränktes Bewußtsein wie dem Kleinbürgertum und läßt sie hysterisch ihre auf dem Arbeitsmarkt schon weitgehend entwerteten Diplome verteifigen. Ob sie
- als technische "Intelligenz" die Umstrukturierung des Produktionsbereich vorantreiben,
- als Sozialklempner die „Randprodukte" dieser Entwicklung wieder integrieren und in den hoffnungslosen Fällen die Verwaltung des Elends übernehmen,
- auf dem expandierenden Kultursektor als Bilderproduzenten kulturelle Waren aller Art zur Übertünchung der gesellschaftlichen Öde herstellen,
- oder sich um die Wartung, Reparatur, Kontrolle und Selektion der Arbeitskraft als Mediziner, Psychologen, Soziologen verdient machen
- fast immer bewahren sie sich ihren „kritischen Anspruch" gegenüber der Gesellschaft, die sie doch selbst durch ihre Tätigkeit reproduzieren und deren ureigenstes Produkt sie sind. Während sich diese Kritik in den siebziger Jahren noch offensiv in den neuen sozialen Bewegungen Ausdruck verlieh, befinden sie sich jetzt in Rückzugsgefechten: Nicht mehr der lohnabhängige Technokrat der sozialdemokratischen Ära ist gefragt, das Leitbild der achtziger Jahre ist der wissenschaftliche Subunternehmer, der seine Tauglichkeit auf dem kapitalistischen Markt beweist. (stf)