Heft 6 vom 18.12.1989 scan 2026-04-12

Alternative Linke Liste diskutiert über die Fortsetzung der Arbeit

Überlegungen zum Thema Frauenpolitik innerhalb einer linken Bündnispolitik


Auf einem Seminar der Alternativen Linken Liste (ALL) diskutierten am 16. Dezember 13 Leute darüber, wie es mit dem Bündnis weitergehen soll. Einigkeit bestand darüber, dass die ALL als Zusammenschluss der antikapitalistischen Linken weiterbestehen soll. Kontroversen traten über die Frage auf, wie die politische Arbeit effektiviert werden kann. Einige Seminarteilnehmer sprachen sich für eine grundsätzlich andere Herangehensweise aus: Flugblätter, Demonstrationen und Aktionen müssten durch Aktivitäten ergänzt werden, mit denen Menschen direkt erreicht werden können, die ihnen unmittelbar nützen. Konkreter Vorschlag in diesem Zusammenhang: Der Aufbau eines linken Zentrums, wo sich Leute treffen, informieren und diskutieren können, das aber auch kulturelle Bedürfnisse berücksichtigt. Auf dem nächsten Plenum der ALL (am 10. Januar) soll dieser Fragenkomplex weiterdiskutiert werden. Vorgestellt und diskutiert wurde auf dem Seminar außerdem ein Papier zur Frauenpolitik, das Frauen aus der ALL erarbeitet haben. Wir drucken dieses Papier im Wortlaut ab.

Überlegungen zum Thema Frauenpolitik innerhalb einer linken Bündnispolitik oder Was verstehen wir unter anti-patriarchalem Kampf?

Wie entwickelt mensch eine feministische Gesellschaftsanalyse?

So positiv wir es einschätzen, dass Frauenpolitik endlich als wichtiger Bestandteil linker politischer Arbeit gesehen wird, stößt uns doch auf, dass auch in Zusammenhängen wie der ALL (Bündnispolitik) die „Frauenpolitik“ völlig losgelöst als extra Thema „behandelt" wird, für das dann - dieser Logik entsprechend - die Frauen zuständig sind.

D.h. die Männer sind das Thema los und wissen, dass trotzdem was dazu gemacht wird. Wie wir im ALL-Programm geschrieben haben, durchziehen „patriarchale Strukturen alle Bereiche dieser (und nicht nur dieser) Gesellschaft". Die Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung der Frau durch das System ist bei allen Themen, mit denen wir uns befassen, mitzudenken und mitzubenennen. Aber eben nicht in der Art und Weise, dass die Frauen zu jedem einzelnen Thema den „Frauenaspekt" zusätzlich dazu ausarbeiten, sondern dass die Situation der Frau selbstverständlich in die Analyse miteinfließt.

Es ist gut möglich, dass sich auf diesem Weg einige neue, bisher noch nicht geführte Auseinandersetzungen entwickeln - z.B. bezüglich Antifa, Flüchtlinge, Arbeitsimmigrantinnen, Gewerkschaftspolitik etc.

Die Notwendigkeit einer Frauengruppe innerhalb eines linken Bündnisses hat nichts mit der Themenwahl zu tun, sondern damit, dass feministische Politik aus dem Alltag von Frauen heraus entsteht. Die Auseinandersetzung mit der systematischen Geschlechtsrollenzuweisung und deren politischen Konsequenzen muss in geschlechtsspezifischen Zusammenhängen geführt werden.

Feminismus wird fälschlicherweise oft gleichgesetzt mit Forderungen nach Quotierung, Frauenförderplänen, Frauenhäusern etc. - dies entspricht einer Symptompolitik, die sicherlich wichtig ist, aber oft bei der Erfüllung von Eigeninteressen stehen bleibt.

Für uns bedeutet Feminismus eine Gesellschaftsanalyse, die imperialistische, kapitalistische, rassistische und sexistische Strukturen bzw. Mechanismen aufdeckt - auf dem Hintergrund des menschenverachtenden Verwertungsinteresses, das sich zusätzlich geschlechtsspezifisch „orientiert". Ein Zitat zum Begriff des sexuellen Imperialismus:

"....und in Anbetracht der enormen Anzahl von Männern, die Zuhälter, Anwerber, Mitglieder des organisierten Verbrechens und freiberuflichen Versklavungsbanden, Geschäftsführer von Bordellen und Massagesalons, Verbindungsleute im Unterhaltungsgeschäft mit der sexuellen Ausbeutung, Pornographielieferanten, Ehefraumisshandler, Kindesschänder, Inzesttäter, Freier und Vergewaltiger sind, kommt man nicht umhin, zuerst einmal sprachlos über die ungeheure männliche Bevölkerungszahl zu sein, die sich an der sexuellen Versklavung von Frauen beteiligt. Die gewaltige Anzahl von Männern, die an diesen Praktiken teilnimmt, sollte Anlass zur Ausrufung eines nationalen und internationalen Notstands, einer sexuellen Gewaltkrise sein. Doch was Grund zu größter Beunruhigung sein sollte, wird statt dessen als normaler Geschlechtsverkehr hingenommen!"

(Quelle: Denkverhältnisse, Feminismus und Kritik, Elisabeth List (Hg.) u. Herlinde Studer, Frankfurt 1989, S. 262)