Heft 1 vom 15.01.1990 2/1 scan 2026-05-10

Firma Gaub Markdorf Eine Belegschaft wehrt sich

"Mein Vorfahren waren Raubritter..."


Am 6.Dezember besetzten die 56 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma Gaub in Markdorf ihren Betrieb: sie tauschten das Schloß aus, sicherten das Tor und waren Tag und Nacht präsent. Betriebsratsvorsitzender Walter Zipperle erzählt, wie es dazu kam. „Vor sechs Jahren kaufte der Herr von Schuckmann die Firma Gaub in Markdorf. Er kam damals aus Aschaffenburg, dort war er zwei Jahre lang Geschäftsführer der ABA Schleifmaschinenfabrik, bis die dann Pleite ging, dann hat er sich hier auf die Firma Gaub gestürzt. Am Anfang ging es auch ziemlich gut, wir hatten Arbeit, wir hatten Aufträge, wir hatten Geld." Die Firma Gaub entwickelte und produziert eine computergesteuerte Innenschleifmaschine die einen sehr guten Ruf hat. Es könnten, so Walter Zipperle, mehr Maschinen verkauft werden als die Produktion erlaubt. „Der Herr von Schuckmann, wir könnend nicht beweisen, aber wir vermuten sehr stark, hat ziemlich viel Geld abgezogen und das fehlt uns jetzt ... Wir sind immer weiter in die Krise reingeschlittert. Vor 'nem guten Jahr mußte er die Bank wechseln, nachdem er bei der Volksbank in Markdorf keinen Kredit mehr kriegte, und ist dann übergewechselt zur Kreissparkasse in Ravensburg. Denen hat er das ganze know how der neuen Maschine sicherungsübereignet einschließlich der Zeichnungen, hat denen Aufträge vorgeflunkert, die überhaupt nicht vorhanden waren, um immer mal wieder Geld zu bekommen. Teilweise konnte er die Lohne nicht mehr bezahlen, manchmal haben wir bis zum 15. des Folgemonats auf unser Geld warten müssen. Das geht jetzt schon seit zwei Jahren so." Schuckmann zahlte nicht nur die Löhne unregelmäßig und nur unter Druck. Auch die vermögenswirksamen Leistungen, die normalerweise vom Lohn abgezogen und direkt an Banken, Versicherungen oder Bausparkassen weitergeleitet werden, wurden bis zu acht Monaten nicht überwiesen. „Die Leute haben dann Schwierigkeiten gekriegt, hauptsächlich mit den Lebensversicherungen. Die lassen sich das ja nicht gerne bieten und vor allen Dingen verliert man den Versicherungsschutz. Wir haben den vom Betriebsrat aus natürlich immer mal wieder in die Mangel genommen, aber das hat alles nichts gebracht. Und nachdem dann die Oktobergehälter wieder verspätet gezahlt wurden, haben wir eine Protestdemonstration vor der Firma gemacht. Morgens haben wir nicht gearbeitet, uns hingestellt und haben gewartet bis er kam, das war die ganze Belegschaft. Das muß so am 9. November gewesen sein. Wir hatten die Presse eingeladen und der Kollege Schröder von der IG Metall in Singen war anwesend. Der Herr von Schuckmann fuhr in den Hof, stieg aus, ohne 'guten Morgen' zu sagen. Die ganzen Leute standen da, und dann hat ihn der Schröder gefragt, ob er überhaupt weiß, warum die Leute hier stehen. ’Nee, das weiß ich nicht.' 'Weil sie kein Geld haben.' 'Ja, die’werden's schon kriegen', das war seine erste Antwort. Die zweite: 'Ja, die Löhne, die sind schon letzte Woche rausgegangen1. Das war immer seine Ausrede, die langen Banklaufzeiten. Wir haben gesagt, das müssen wir schriftlich haben, und es sind zwei nach Ravensburg, zur Kreissparkasse, haben sich das schriftlich geben lassen, daß am Vortag, also am 9., die Löhne überwiesen worden sind. Auf das hin haben wir dann unseren Proteststreik abgebrochen und wieder gearbeitet. Und im November, da waren wir natürlich ein bißchen helle, da haben wir ihm angekündigt, am Ersten müssen die Löhne auf unserem Konto sein, ansonsten stehen wir sofort wieder unten. Und dann ging das auch nicht lange mehr, da haben wir kein Material mehr gekriegt ohne Vorauskasse. Es kamen Lieferanten, die ihr Zeug wieder abgeholt haben, weil es nicht bezahlt wurde; da waren also sämtliche Rechnungen überall offen. Von Siemens kamen Monteure, die die Steuerung von den neuen Maschinen entfernt haben, die auch noch nicht bezahlt waren. Da haben wir aufgepasst, dann sind wir gleich hoch. Oben hat er uns erklärt, ja, er kann nicht zahlen, auch die Löhne nicht." In dieser Situation war klar, daß nur ein Konkursantrag die Möglichkeit bot, ein völliges Zusammenbrechen der Firma zu verhindern. Noch, so vermutete die Belegschaft, war genügend Masse vorhanden, um einen Käufer zu finden, der die 56 Arbeitsplätze erhalten wollte. "Am Freitag war wieder eine Betriebsversammlung und wir haben von Schuckmann angesprochen auf den Konkursantrag. Und dann ging er tatsächlich am Montag runter zum Amtsgericht und hat den Konkursantrag gestellt. Daraufhin hat dann die Konkursrichterin Frau Schmitt Nachrichtensperre verhängt, und wir erfuhren nichts mehr. Wir haben uns mit den Krankenkassen in Verbindung gesetzt, da ist ja 'ne ganz schöne Latte aufgelaufen. Allein bei denen sind's 120000 Mark oder so was, was alles offen ist. Beim Finanzamt sind's ungefähr 230000 DM. Wir haben dann die Krankenkassen unter Druck gesetzt, sie sollen doch auch Konkursantrag stellen, und die haben das tatsächlich getan. Inzwischen sind s drei verschiedene Konkursanträge, die laufen für die Firma Gaub." Die Richterin setzte daraufhin Dr. Volker Grub aus Stuttgart als Zwangsverwalter ein; Schuckmann wurde verboten, die Firma zu betreten. Zwischenzeitlich hatten wir die Arbeit eingestellt, die Firma war sieben Tage geschlossen und wurde von uns bewacht. Der Doktor Grub hat dann die Wiederaufnahme der Arbeit angeordnet und seither arbeiten wir. Auf acht Millionen D-Mark ließen die Gläubiger die Schulden Schuckmanns auflaufen, so lange hielten Bank, Lieferanten, Finanzamt und Krankenkassen still. Die 350000 D-Mark, die nötig waren, um Löhne und Gehälter zu zahlen, gab die Bank nicht mehr. Das Arbeitsamt Konstanz lehnte es ab. eine Bürgschaft über das Konkursausfallsgeld zu übernehmen. Von diesem Geld werden die rückständigen Löhne gj bezahlt, die die Belegschaft aufgrund V der Zahlungsunfähigkeit eines Betriebes nicht erhalten hat. „Bei uns war natürlich das große Problem, wo nehmen wir jetzt Geld her, wir hatten ja seit Anfang November kein Geld mehr zu sehen gekriegt. Das Arbeitsamt in Konstanz hat eine Bürgschaft über das Konkursausfallsgeld abgelehnt. Das war so, daß wir nicht wußten, wo wir überhaupt Geid herkriegen. Dann hat hier die katholische Kirche eine Sammlung veranstalten, die Kollegen von der Firma Eaton haben gesammelt für uns, die Kollegen von der Firma Rohwedder, da hat sogar die Firmenleitung noch 'was draufgelegt, die haben auf einen Teil ihres Weihnachtsgeldes verzichtet. So konnten wir die dringendsten Härtefälle wenigstens ein bißchen mildern. Der Kollege Stadelhofer von der IG Metall in Singen hat mit dem Arbeitsamt wegen der Bürgschaft verhandelt, die blieben beim Nein. Am Donnerstag hat auch der Doktor Grub mit denen verhandelt, und die blieben immer noch beim Nein. Und mir wurde dann mitgeteilt, also Geld vor Weihnachten, das sieht schlecht aus, wahrscheinlich kriegt ihr nichts mehr. Ich hab meine Kollegen zusammengerufen und dann hat's geheißen, gut, gehen wir demonstrieren, fahren wir rüber zum Arbeitsamt nach Konstanz und machen 'ne Demonstration, wir nehmen Transparente mit und stellen uns da vors Arbeitsamt. Dann hab' ich beim Doktor Grub in Stuttgart angerufen und dem das auch gesagt. Ich habe gesagt. Sie können von mir aus das Arbeitsamt vorwarnen, damit die wissen, was ihnen ins Haus steht. Das war ungefähr um halb zehn am Freitag und um dreiviertel zwölf kam ein Rückruf von Doktor Grub, das Arbeitsamt übernimmt jetzt die Bürgschaft gegenüber der Bezirkssparkasse Überlingen, daß die uns das Geld auszahlen." Offizielle Besitzerin der Firma Gaub ist die Mersine Holding in Südafrika, Sitz Johannesburg, an die von Schuckmann seine gesamten Anteile verkaufte und sich als Geschäftsführer einsetzen ließ. Walter Zipperle war im Juni in Südafrika und erkundigte sich nach der Holding: „Die Holding ist bei der deutschen Wirtschaftsvertretung nicht bekannt. Die Holding steht auch nicht im Telefonbuch, 'ne normale Firma hat wenigstens ein Telefon, will man meinen. Aber komischerweise steht genau unter derselben Adresse, unter der bei uns im Handelsregister die Holding eingetragen ist, im Telefonbuch'von Johannesburg der Joachim von Schuckmann. Also ist das eine* reine Briefkastenfirma, die der da unten aufgezogen hat. So hat er ja auch behauptet. er weiß nicht, wer die Haupteigner der Holding sind. Er sei nur ein Aktionär. Das ist mehr als peinlich. sowas! Ich nehme an. ich kann's nicht kaveisen, daß da erhebliche Gelder Wtergeflossen sind." Die Staatsanwaltschaft Konstanz leitete ein Verfahren ein, wegen Veruntreuung von Arbeitsentgelten: gegen Joachim von Schuckmann wurde ein Haftbefehl erlassen. Nachdem er seine Ausweise abgegeben hat. kann er vorläufig auf freiem Fuß bleiben. Am 18.12. wurde seine Villa in Wolfegg von der Kriminalpolizei und zwei Gerichtsvollziehern durchsucht: „Die haben Zeichnungen und Unterlagen gesucht und ich war oben mit dem Konstruktionschef. Falls die was finden, sollten wir die Sachen identifizieren. Das know how der neuen Maschine hatte er ja der Kreissparkasse Ravensburg sicherungsübereignet. Aber die ganzen anderen Zeichnungen. zum Teil von Fremdfirmen, für die wir im Auftrag arbeiten, sind nicht mehr da. Das hat er alles mitgenom^n. Hat er wahrscheinlich schon ir6^dwo ins Ausland verbracht. Auf alle Fälle haben die ihm dort die ganze Bude auf den Kopf gestellt, aber da war nichts mehr zu finden. Das heißt, das wir das große Problem haben, die Zeichnungen erst mal wieder zu erstellen. Wir können schadensersatzpflichtig gemacht werden, von den Firmen, für die wir im Auftrag arbeiten und von denen wir die Zeichnungen bekamen." Während die Belegschaft anfangs die Firma bewachte, um zu verhindern, daß von Schuckmann Maschinen und weitere Zeichnungen entwendete, wurde später die Bewachung aus Angst vor den Gläubigern fortgesetzt. Es wurde befürchtet, daß diese die sicherungsübereigneten Maschinen abholen lassen: „Und wenn die uns die Maschinen wegholen, können wir nicht mehr produzieren, dann können wir den ganzen Laden vergessen, dann ist Feierabend ... Die Banken hatten halt auch mal bremsen müssen, sicher sm die Mitschuld, normalerweise haben die ihre Aufsichtspflicht verletzt. Aber der Schuckmann, der konnte so reden, der hätte 'nem Eskimo 'nen Eisschrank verkauft, garantiert. Und „Fr h.at die voll eingewickelt da oben, die sind ihm voll auf den Leim gegangen. Ich war selber zweimal bei der Sparkasse in Ravensburg. Der Herr Usbeck von der Rechtsabteilung, der hat geäußert, er legt keinen Wert auf die 56 Arbeitsplätze in Markdorf, das liegt außerhalb ihres Interessengebietes und sie sind also für eine Verwertung. Das heißt also auf deutsch gesagt: Flohmarkt, jede Schraube einzeln. Und jetzt wollen die uns für ihre eigenen Fehler büßen lassen und das find' ich nicht ganz fair. Denn bei ihm ist ja nichts mehr zu holen. Das was da war. das hat er gleich weggeschafft, von Anfang an." Das weitere Schicksal der Firma Gaub hängt zuallererst von der Entscheidung des Konkursgerichts ab, die für den 20.1. erwartet wird. Einem Antrag auf Konkurs wird nur stattgegeben, wenn genügend Masse, das heißt, genügend Maschinen und Werte vorhanden sind. Die chancen stehen jedoch nicht schlecht: Die Ausstattung der Firma ist relativ modern, und die neue Innenschleifmaschine ist sehr gefragt. „Im Moment können wir nichts tun wie abwarten. Weiterarbeiten und abwarten. Was dann letztendDie Belegschaft der Firma Gaub am Tag ihrer Arbeitsniederlegung * lich passiert, das liegt am Konkursgericht, an der Richterin Schmitt, wobei ich das ziemlich positiv sehe. Sie hat da eine Summe genannt, die wir jetzt noch erarbeiten müssen, und diese Summe ist also durchaus möglich, um dann einen positiven Entscheid vom Konkursgericht zu erhalten. Und dann sehen wir weiter, was der Doktor Grub vorhat. Er muß sich mit der Hauptgläubigerbank einigen, die drei, also Käufer, Konkursverwalter und Hauptgläubiger müssen sich einig sein, letztendlich." Schuckmann wird dieses Mal nicht so ungeschoren davonkommen wie in Aschaffenburg. Dort hätten 300 Leute drei Monate lang keinen Lohn erhalten, erzählte Walter Zipperle. Durch den Betriebsrat der ABA in Aschaffenburg war er vorgewarnt: „Und eins hab ich mir damals geschworen und hab's auch den Aschaffenburgern geschworen: Wenn er das bei uns versucht, kommt er nicht so billig weg, und das haben wir inzwischen erreicht." Schuckmann selbst hatte die Belegschaft der Firma Gaub über seine Mentalität nicht ganz im Unklaren gelassen: „Der hat sich bei uns vorgestellt als Joachim von Schuckmann, seine Vorfahren waren Raubritter, und er hat im Prinzip dasselbe vor: er will Geld machen." — (db, ulk)

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