Heft 2 vom 29.01.1990 2/2 scan 2026-05-10

Einigkeit gegen Großdeutschlandpolitik Streit um die Aufgaben

Kontroverse Diskussion auf gut besuchter Veranstaltung


Weit über 100 Besucher zählte die Veranstaltung „Wider Vereinigung”, zu der die Redaktion des „Neuen Nebelhorn" am 19. Januar eingeladen hatte. Sie wollte damit die Diskussion unter der Konstanzer Linken anschieben, wie nationalistischem Taumel und chauvinistischer Anschlußpolitik entgegengetreten werden kann. Michael Stoetzel. Osteuropa-Korrespon|Bbt der Zürcher „WoZ" und häufiger [^R-Besucher. berichtete über seine jüngsten Erlebnisse in der DDR. Sem Resüme: Zwar habe es aufgrund des Umbruchs die ungeahnte chance gegeben, tatsächlich eine „sozialistische Alternative-1 aufzubauen - Stoetzel schloß dabei die SED-PDS ausdrücklich mit ein die Anschlußpolitik der BRD habe diese Ansätze jedoch schnell im Keim erstickt. Die ökonomischen Übermacht der BRD-Marktwirtschaft, die sich die DDR einverleiben will, mache eine eigenständige Entwicklung unmöglich. Für den Journalisten ist die „Wiedervereinigung" schon gelaufen. Dem widersprach der Vertreter des BWK. Er kennzeichnete die gegenwärtige Politik der BRD als Versuch, die „Entwicklungskrise in den Ländern Osteuropas zu nutzen, um eine Art Neuauflage der OstkoloSition ins Rollen zu bringen". Die isierte Einordnung von Wirtafts-und Staatsorganen stelle sich dabei für eine Vielzahl von Leuten hierzulande, für die ein lobenswertes Leben sich an der kapitalistischen Karriereleiter messe, als chance auf Ausdehnung ihrer Daseinssphäre dar. Wer sich gegen ein viertes Reich wehren wolle, müsse deshalb auch der Idologie von Laufbahn, Konkurrenz und Herrenmenschentum entgegentreten. Wie der BWK-Vertreter sprach sich auch Uwe Lindner von der DKP dafür aus. sich mit aller Kraft gegen die Großdeutschlandpolitik zu stellen und für die völkerrechtliche Anerkennung der DDR einzutreten. Für ihn bleibt, trotz der Fehlentwicklungen in den realsozialistischen Ländern, die Notwendigkeit einer Alternative zum kapitalistischen Entwicklungsweg bestehen, der Armut und Kriegsgefahr produziere. Die Diskussion zeigte dann vor allem die Ratlosigkeit, die in weiten Teilen gerade bei denen herrscht, die sich gegen die Großdeutschlandpolitik wehren wollen. Ausgiebige Sozialismuskritik wurde geübt, der „Stalinismus" verdammt und der Verlust von Utopien beklagt. Bei aller Notwendigkeit, den bisherigen und künftigen Entwicklungsweg der Gesellschaften in Osteuropa kritisch zu diskutieren: Auffällig war dabei, daß solche Argumente vielfach aus grün-alternativer Ecke kamen, von Leuten, denen schon immer klar war, daß der Sozialismus zur „Diktatur" führt (Hendrik Auhagen) und deren Politik sich keineswegs an Arbeiterinteressen orientiert. Trotz unterschiedlicher Auffassungen: Angesichts der Lage in der BRD ist es schon viel wert, daß auch solche Leute sich gegen die Anschlußpolitik aussprechen. Es wird jetzt notwendig sein, diese Einigkeit in Aktivitäten umzusetzen. Um darüber zu reden, wurde auf der Veranstaltung ein Treffen vereinbart (am 29.1., 19.30 Uhr im llNebelhorn"-Büro). - (jüg)

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