Heft 3 vom 12.02.1990 2/3 scan 2026-05-10

"Es gibt keinen Anlass für die Beschäftigten Einverleibungsbestrebungen zu unterstützen"



  • „Es gibt keinen Anlaß für die Beschäftigten Einverleibungsbestrebungen zu unterstützen" Die Diskussion um eine - wie auch immer geartete - Wiedervereinigung entwickelt sich rasant. Die Gewerkschaften in der Bundesrepublik sind gefordert, dazu einen Standpunkt zu erarbeiten und zu vertreten. Dabei sind insbesondere Fragen solchen Inhalts zu behandeln und zu beantworten:
  • Sollen Beschäftigte hier Verzicht für die Entwicklung der DDR leisten?
  • Haben abhängig Beschäftigte Voroder Nachteile von einer Wiedervereinigung zu erwarten?
  • Gibt es in der Frage der Wiedervereinigung nur einen Standpunkt „der Deutschen“ oder stellt sich die Sache unterschiedlich dar vom Unternehmerstandpunkt gegenüber dem Beschäftigtenstandpunkt? Wir erheben nicht den Anspruch, diese Frage heute abschließend beantworen zu können. Dies bedarf ausführlicher Diskussion. Einige grundlegende Dinge scheinen aber festzustehen: Hektische Aktivität des Kapitals Nach dem Motto „Nase vorn" sind die bundesdeutschen Unternehmer in fieberhafte Aktivitäten verfallen, Anlagemöglichkeiten un Absatzmärkte zu sondieren. „Das Kapital geht dahin, wo es sich wohlfühlt" (Tyll Necker, Unternehmerpräsident). Sie hoffen auf das große Geschäft und setzen dabei auf die Tatsache, daß die Bundesrepublick einen gewaltigen Standortvorteil im Vergleich zur Konkurrenz hat. Die Bundesregierung gibt Flankenschutz und will das Terrain absichern. Ihre Haltung zu gegenwärtigen DDRRegierung wird vor allem durch ein Kriterium bestimmt: Werden Vlchrheitsbeteiligungen deutscher Firmen zugelassen oder nicht. Lohnverzicht für das Wohlbefinden des Kapitals? Es fehlt nicht an Vorschlägen, wonach die abhängig Beschäftigten hier Lohnverzicht üben sollten oder gar am 17. Juni für die „Brüder und Schwestern" gratis arbeiten sollen. Würden sich die Gewerkschaften darauf einlassen, würde sich zusätzliches Kapital in erheblichen Umfang bei Konzernen, Banken und Versicherungen zusammenballen. Nehmen wir an dieses Kapital würde in die DDR investiert oder als Kredit dorthin verliehen. Was würde passieren? Investiertes Kapital soll sich in den Händen der Besitzer vermehren, das ist der Zweck der Aktion. Fortan würden also Beschäftigte der DDR für die Gewinne westdeutscher Firmen arbeiten. Welcher Lebensstandard dabei für die Bevölkerung der DDR herauskommt, ist völlig ungewiß. So hatten sich Polen und Ungarn in milliardenschwere Abhängigkeit von westdeutschen Banken begeben und werden heute behandelt wie alle Schuldnerländer des Internationalen Währungsfonds (IWF): Ihnen werden Sanierungsprogramme diktiert, die wesentliche Teile der Bevölkerung in tiefste Armutstürzen. In Polen kostet ein Liter Benzin heute ro DM, in Ungarn leben 2 der 18 Millionen Einwohner unter dem Existenzminimum. Gleiches könnte für bedeutende Teile der DDR-Bevölkerung gelten. So etwas klingt jedenfalls beim Bundeswirtschaftsminister Haussmann an. wenn er verlauten läßt, die DDR-Bevölkerung könne froh sein, wenn in 10 Jahren ein Standard mittlerer EG-Länder erreicht sei. Wirtschaftsboom = mehr Beschäftigung = mehr Wohlstand? Die Rückwirkung solcher neuer Ostpolitik auf die Beschäftigten hier ist weitgehend ungewiß. Mit Sicherheit aber würde eine erzwungene Rationalisierungswelle in der DDR bestimmte Beschäftigtengruppen zu Scharen in die Bundesrepublik treiben, die hier die Konkurrenz aller auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Micht Sicherheit wird es Erpressungsversuche gegenüber westdeutschen Belegschaften geben nachdem Motto „Wenn Sie nicht wollen, können wir auch in die DDR verlagern". Dies ist bekannt aus Zeiten, als die „Zonenrandgebiete" als Billiglohnparadies galten. Für die Souveränität der DDR Es gibt keinen Anlaß für die Beschäftigten der Bundesrepublik, Einverleibungsbestrebungen irgendeiner Art zu. unterstützen. Wohl aber gibt es allen Anlaß, den Erfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit mit den Beschäftigten und ihren Gewerkschaften in der DDR voranzutreiben. Dort wo das Kapital über die Grenzen hinaus tätig ist. ist Zusammenarbeit der betroffenen Beschäftigten erforderlich. Unterstützung für die Beschäftigten in der DDR heißt heute vor allem, dafür einzutreten, daß sie selber über ihre Zukunft entscheiden können. Nach wie vor maßt sich die Bundesregierung aufgrund des Grundgesetzes an. auch für die Bevölkerung der DDR zu sprechen, sie zu vertreten. Von Gleichberechtigung ist da von vornherein keine Spur. Anerkennung der bestehenden Grenzen sowie der Staatsbürgerschaft der DDR sind daher zentrale Forderungen. die Gewerkschaften hier ver-/ treten sollten, um Einmischungen uno Einverleibungsversuchen entgegenzutreten. In diesem Sinne fordert die Mitgliederversammlung der IG Medien alle Mitglieder auf, sich aktiv an entsprechenden Diskussionen, Veranstaltungen und Kundgebungen zu beteiligen. (Beschluß der IG Medien, Ortsverein München, am Dienstag, den 23.1.90, fast einstimmig).

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