Heft 5 vom 21.03.1990 2/5 scan 2026-05-10

Duisbergs Hinterlassenschaft

"Gemeinschaftsaktion von Wirtschaft und Staat"


Carl Duisberg, zu dessen Ehren die gleichnamige Gesellschaft CDG gegründet wurde, die auch in Radolfzell ein Zentrum unterhält, gilt in der Öffentlichkeit als Förderer des Studentinnenaustausches, seine Vergangenheit als Kriegsverbrecher ist jedoch weitgehend unbekannt. Die Carl-Duisberg-Gesellschaft e.V. (CDG), 1949 in Köln gegründet, widmet sich der internationalen beruflichen Weiterbildung und Personalentwicklung auf dem wirtschaftlichen Sektor. Durch Vergabe von jährlich rund 8000 Stipendien zieht die CDG Fach- und Führungskräfte heran. Neben Deutschen nehmen überwiegend Studentinnen aus Asien, Afrika und Lateinamerika an den Fortbildungsprogrammen der CDG teil. Die ausländischen Stipen„j/hatlnnen lernen etwa vier bis sechs ♦ionate lang deutsch und absolvieren ein Praktikum in einem Unternehmen, ehe sie nach zwölfmonatigem Aufenthalt in der BRD wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Dort rücken sie dann in der Regel in gehobene Positionen auf. Die Auslandsfortbildungen für deutsche Studentinnen finden vorzugsweise in den USA oder in Japan statt. Die CDG arbeitet in engem Verbund mit den sogenannten Carl-DuisbergCentren (CDC) in Dortmund, Saarbrücken, München und Radolfzell (seit 1980). CDG und CDC werden wiederum von weiteren Unterorganisationen ergänzt, z.B. in New York und Tokio. Die Organisation erstreckt sich wie ein weitgespanntes Netz über die bundesdeutschen Grenzen hinaus. Das reichhaltigen Angebot soll neben Sprachkenntnissen auch Einsichten in kapitali-*ische Wirtschaftsstrukturen vermittln. Die Absolventinnen sollen dazu befähigt werden, diese Strukturen bei sich einzusetzen bzw. auszubauen. Die kosmopolitische Fassade der Carl-Duisberg-Gesellschaft fällt spätestens dann, wenn der Frage nachgespürt wird, wer eigentlich dieser Mann war. Der damalige Generaldirektor der Farbenfabrik Bayer, Carl Duisberg, floh 1918, aus Angst als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt zu werden, in die Schweiz. Er war für die Produktion von chlorgaswaffen im Ersten Weltkrieg verantwortlich, die 1915 am 22. April erstmals bei Ypern eingesetzt wurden. Damals starben 5000 Franzosen, weitere 10000 wurden außer Gefecht gesetzt. 1916 schlossen sich Bayer und Hoechst mit BASF auf Duisbergs Anregung hin zu einer Interessengemeinschaft zusammen und nannten sich ab 1925 „IG Farben AG". Einen Monat nach der Gründung verlangte der Vorsitzende des Aufsichts- und Verwaltungsrats der neuen IG, Carl Duisberg, Arbeitssklaven aus dem belgischen Arbeitskräftereservoir. Solange es noch nicht als sicher galt, daß die NSDAP die Macht erringen würde. unterstützen die IG Farben alle bürgerlichen Parteien. Im sogenannten Kalle-Kreis koordinierten IG-Vertreter aller Parteien ihre Aktivitäten. Unmittelbar nach der Machtübernahme der NSDAP leistet die IG mit 400000 DM die größte Einzelspende. Die Verbindungslinie vom Kriegstreiber zum Förderer des studentischen Austauschs zieht Duisberg selbst. 1926 äußerte er sich vor wichtigen Wirtschaftsführern in Berlin zu seinem Demokratieverständnis: „In Amerika hat man die Lösung gefunden, wie wir sie heute annehmen wollen. Dort wird die ganze Politik von einem Gremium von Wirtschaftlern gemacht. . . .Wo wir einwirken können und müssen, das ist die Parteipolitik. Wo werden alle diese Dinge entschieden? Dort drüben im großen Haus (Reichstag). Was ist zur Durchsetzung unserer Gedanken notwendig? Antwort: Geld!“ Jetzt wird auch verständlich, weshalb Duisberg den Auslandsaufenthalt für wichtig hielt. Nicht der humanitäre Funke zündete, wie es an CD-Preisverleihungen vor der Öffentlichkeit dargestellt wird: Er „erschloß der damaligen jungen deutschen Generation eine chance, sich im Ausland umzusehen, zu lernen, und sich zu bewähren" — im Gegenteil, Duisberg begriff, daß sich Wirtschaft und Politik nicht trennen lassen. Die CDG bezeichnet sich als „Gemeinschaftsaktion von Wirtschaft und Staat". Wie es im Geschäftsbericht von 1988 heißt, wird sie von der Wirtschaft mit ca. 20 Mio. DM und von staatlicher Seite mit ca. 100 Mio. DM subventioniert. Zum wichtigsten Sponsor 1988 zählte sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das 46,2 Mio. DM in die Organisation fließen ließ, gefolgt von den Bundesländern (11,9 Mio. DM). Im Vorstand der CDG führt ein Hermann J. Strenger den Vorsitz, der auch Vorsitzender der Bayer-AG Leverkusen ist. Bayer fördert schließlich schon seit Duisberg die Tradition des Studentinnenaustausches. Ein aufschlußreiches Beispiel, wie der erfolgreiche Studentinnentransfer verlaufen kann, gibt der Geschäftsbericht: Im März 1988 arrangierte die BRD-Wirtschaft in Indien eine der bislang größten Industrieschauen im Ausland. „Vorgestellt wurde dabei auch ein Handbuch, mit dem sich kleine und mittlere indische Unternehmen — alle von ehemaligen Fortbildungsgästen geleitet — der deutschen Wirtschaft als Partner präsentieren und anbieten.“ — (Quellenhinweis: IG Farben, Konkret 9/82; and)

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