Heft 5 vom 21.03.1990 2/5 scan 2026-05-10

Benin Ausstellung in Zürich

Gesellschaftliche Grundlagen afrikanischer Kunst


Noch bis zum 31. März 1990 werden in einer Sonderausstellung des Rietbergmuseums in Zürich über 80 Meisterwerke aus der Benin-Sammlung des Museums für Völkerkunde in Wien gezeigt, hauptsächlich Bronze- und Elfenbeinarbeiten von hervorragender künstlerischer und ästhetischer Qualität, die einen Vergleich selbst mit zeitgenössischer europäischer Kunst aushalten. Das Königreich Benin, im Gebiet des heutigen Südwest-Nigeria gelegen, entstand etwa im 12./13. Jahrhundert als Stadtstaat des Edo-Stammes. Den Höhepunkt seiner Macht erlangte es im 15./16. Jahrhundert. 1897 wurde das Benin-Reich von den Briten militärisch erobert. Die Grundlage der Benin-Gesellschaft und damit auch der Wirtschaft war die bäuerliche Dorfgemeinschaft bzw. die im Dorf lebenden Großfamilien. Zahlreiche Merkmale der Urgesellschaft lebten fort, insbesondere gab es kein Privateigentum an Grund und Boden. Die Großfamilie lebte gemeinsam in einem Haus zusammen und erarbeitete auch kollektiv den Lebensunterhalt für alle. Sie bot zugleich soziale Sicherheit. Die großfamiliären Verwandtschaftsbeziehungen wurden noch durch Atavismen aus dem Urkommunismus geprägt: z.B. nannten sich alle Mitglieder einer Generation „Brüder“ respektive „Schwestern“. In der Dorfgemeinschaft arbeiteten auch Unfreie, deren Status am ehesten noch als eine Zwitterstellung zwischen einem griechisch/römischen Sklaven und einem mittelalterlichen Hörigen beschrieben werden kann. Auf der anderen Seite bestand eine Abhängigkeit der Dorfgemeinden vom König und seinem Hof (insbesondere dem Rat privilegierter Familien, die die Macht des Königs einschränkten). Die Dorfhäuptlinge trieben die kollektiven Abgaben ein, die einen Teil der Ernte und des Viehs umfaßten. Mit einem Anteil an diesem Tribut wurde ihr Aufwand entschädigt. Desweiteren mußte die Gemeinde Arbeitsleistungen beim Häuser- und Wegebau sowie bei der Pflege religiöser Kultstätten erbringen und Tribute für Fischfang und Jagd entrichten. Die ökonomische Basis bildete die Subsistenzwirtschaft. Sofern Handel noch zur Ergänzung nötig war, herrschte Produktenaustausch vor. Geld vermittelte nur in geringem Umfang die Distribution einiger Erzeugnisse. Die Produktionsweise läßt sich am ehesten mit dem Begriffspaar subasiatisch und afrofeudalistisch umschreiben: subasiatisch deshalb, weil der Staat (Komgshof) nicht wie in den klassischen orientalischen Kulturen Leopardenkopf, Elfenbein, 18. Jahrhundert Bewässerungsanlagen als Hauptproduktionsmittel usurpierte, sondern direkt das Mehrprodukt von den Produzentinnen abschöpfte, und afrofeudalistisch. weil auch „Hörige“ in den dörflichen Produktionsprozeß miteinbezogen waren. Auch die Handelsbeziehungen mit den Europäern seit 1485 (zuerst die Portugiesen, später die Niederländer und Briten) konnten die Produktionsweise nicht grundlegend umwälzen, auch wenn die Binnenökonomie insbesondere unter dem frühkapitalistische Sklavenhandel schwer zu leiden hatte. Die im Rietberg-Museum ausgestellten Exponate repräsentieren ausschließlich die höfische Kunst. Sie wurden von Berufskünstlern geschaffen, die im Palastbezirk lebten. Die Kun^^ werke dienten der Repräsentation (FflP liefplatten, Tierdarstellungen, Würdezeichen) oder dem Kult um königliche Ahnen (Bronzeköpfe, Schnitzereinen auf Elefantenstoßzähnen). Die höfische Kunst entwickelte sich aus der Dorfkunst. Die Kaste der Schnitzer und Gießer formte aus Holz und Terracotta (leichter vergängliches Material) Erzeugnisse für den Ahnenkult der Dorfgemeinden. Die Metallverarbeitung für die höfische Kunst erreichte einen sehr hohen Stand. Das Wachsausschmelzverfahren mit dem die in Zürich gezeigten Bronzen gegossen sind, wurde perfekt beherrscht. Es gab imme'r wieder Versuche von bürgerlichen Wissenschaftlern, die Authentizität der Benin-Kunst zu leugnen, indem sie z.B. behaupteten, diese seien von Portugiesen geschaffen worden. Ernsthafte Wissenschaftler zweifeln aber nicht daran, daß diese Kun^b werke ausschließlich eine schwarzafrikanische Schöpfung sind. Deshalb überrascht die Qualität der Bronzegüsse den unbefangenen Betrachter im Riedberg-Museum umso mehr.

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