Heft 8 vom 03.05.1990 2/8 scan 2026-05-10

KPD und Nationalismus

Widerspruch gegen die Erwiderung von Uwe Lindner


U.L. zichtigt mich in der Frage, ob die KPD die Oder-Neiße-Grenze anerkannt haben wollte oder nicht, der Lüge („unhaltbare Behauptung", „nicht belegte(s) Zitat“ usw.). Ich sauge mir die Behauptung, die KPD habe bis 1949 die polnische Westgrenze zur Disposition gestellt, nicht aus den Fingern. In der KPDnahen „Hamburger Volkszeitung“ (HVZ) vom 11.9.1946 vertrat der damalige Vorsitzende der KPD in der britischen Zone, Max Reimann, folgende Position zur Wder-Neiße-Grenze: „Wir erklären offen, daß wir sie nicht als endgültig anerkennen können.“ Und zwar, weil „das deutsche Volk und wir (...) bei der vorläufigen (!) Festlegung der Ostgrenze nicht gefragt worden (sind)“. Das wäre ja noch schöner gewesen, nach all dem, was dieses „deutsche Volk" gerade eben verbrochen hatte! Am gleichen Ort sprach Max Reimann von der „Wiedergewinnung der Ostgebiete" (das durch U.L. bestrittene Zitat: „HVZ", 11. 9. 1946, S. 2), wofür die Alliierten davon zu überzeugen seien, „daß das deutsche Volk einen dicken Strich unter seine Vergangenheit gezogen hat" (ebenda). „Schlußstrich“ und „aus dem Schatten Hitlers heraustreten“, aber diesmal schon 1946. .. In der „HVZ" vom 1. 3. 1947 (S. 2) erklärte Max Reimann abermals, daß die KPD die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkennen könne. Auf einer Tagung des Parteivorstands der SED im Frühjahr 1947 kritisierte Max Reimann die Haltung der SED zur polnischen Westgrenze (vgl. Müller: „Die KPD und die Einheit der Arbeiterklasse", Fft./M 1979, S. 326, sowie „Arbeiterkampf“, 8.1.90). Die Ost-KPD/SED anerkannte nämlich bereits ab 1945 die Unabänderlichkeit der Oder-Neiße-Grenze. Total entgleist finde ich in U.L.s Argumentation die Gleichsetzung des doitschen Nationalismus (der KPD) mit dem nationalen Befreiungskampf in der ausgeplünderten sog. „3. Welt“ („siehe Vietnam, Algerien, Kolonialkriege“). Wie Lenin muß man doch unterscheiden zwischen dem nationalen Befreiungskampf unterdrückter Nationen (beispielsweise Kurdistan, kolonial unterdrückte Völker) und dem Nationalismus der (imperialistischen) Unterdrükkernationen. Ausgerechnet der doitsche Nationalismus vor dessen historischem Hintergrund, den man niemals vergessen darf, kann nun doch das Recht der unterdrückten und geknechteten Völker für sich zuallerletzt in Anspruch nehmen! Argumentativ unhaltbar ist auch die andauernde Beschwörung des unterschiedlichen Inhalts des doitschen Nationalismus auf der Linken und der Rechten. U.L. attackiert mich, ich würde „bewußt" zusammengehörende Aspekte der KPD-Propaganda (doitschnationale Wiedervereinigungspropaganda und soziale Inhalte) auseinander „entkoppeln“. Umgekehrt wird meiner Ansicht nach ein Schuh draus: die KPD-Propaganda rührte in völlig unzulässiger Weise die soziale Befreiung mit dem „nationalen Befreiungskampf" zusammen, ohne jemals den von ihr behaupteten zwingenden Zusammenhang zwischen beiden beweisen zu können. Die (mir durch U.L. unterstellte) Behauptung, der Doitschnationalismus hätte „Linke wie Rechte gleichermaßen erfaßt", hole ich (im Falle der damaligen KPD) hiermit nach. Das Beklagen der „Spaltung Deutschlands“ durch die KPD als angebliches Produkt imperialistischer Politik der Westmächte (eine absolute Geschichtsklitterung) ermöglichte einen doitschnationalen Wettbewerb unter den westdeutschen Parteien nach dem Motto: wer hat den besten Schuldigen für die „Spaltung der Nation“ zu bieten, ohne die Ursache den deutschen Verbrechen selbr zuzuschreiben, und wer ist am meisten für die „Wiedervereinigung Deutschlands“. Eine KPD (anfangs immerhin eine 10%Partei), die diesem doitschen Wettlauf nicht durch den Versuch, die anderen Parteien noch in Doitschnationalismus zu übertrumpfen, entgegengetreten wäre, sondern demgegenüber klar die deutschen Verbrechen in den Mittelpunkt gerückt hätte und die „nationalen“ Konsequenzen öffentlich klar befürwortet hätte, hätte eventuell die ideologische Wiederaufrüstung, die Restauraion des Nationalen und die Nicht-Aufarbeitung der NS- Vergangenheit verhindern können. Dies meine ich auch, wenn ich) schreibe, wenige Jahre nach Auschwitz sei die nationalistische Propaganda der KPD politisch krimininell gewesen. Dies bedeutet nicht, wie U.L. mir zu unterstellen bemüht ist, daß ich meine, die KPD hätte ein zweites Auschwitz angestrebt. Sondern dies soll heißen, daß so kurz nach dem, was durch die Deutschen verbrochen wurde, die Darstellung des Tätervolks als arme unterdrückte, ausgebeutete Nation wahrhaft politisch kriminell ist. — (Bernhard S„ KB)

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