Heft 16 vom 08.08.1990 2/16 scan 2026-05-10

IGM: Die richtigen Leute am falschen Platz



IGM: Die richtigen Leute am falschen Platz

Singen. Die Singener IG Metall hat am 25.Juli die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema „Facharbeitermangel“ vorgestellt. „Wenn es einen Fachkräftemangel gibt, dann sind diejenigen schuld, die ihn beklagen", sagte der 1. Bevollmächtigte, Heinz Rheinberger, auf einer Pressekonferenz an die Adresse der Unternehmer gerichtet. Die IGM hatte im März Fragebögen an die Beschäftigten in 16 Betrieben 8000 Fragebögen geschickt. Gefragt wurde nach Weiterbildungsmöglichkeiten sowie, „ob die Mitarbeiter ihre Qualifikation auch voll einbringen können und ob sie auch höherwertige Tätigkeiten ausführen könnten". 76,4% der 1 430 Lohnabhängigen, die antworteten, meinen, sie könnten auch höherwertige Arbeiten verrichten, bei den bis 25-jährigen betrug dieser Anteil gar 90%, bei den bis 45-jährigen knapp 81%. Beschäftigte ohne Berufsausbildung waren zu 60% der Meinung, sie könnten höherwertige Tätigkeiten verrichten. Rheinberger zu diesen Zahlen: „Viele Fachkräfte würden ,nur‘ Akkord arbeiten — zum einen verdienen sie dabei mehr Geld, zum anderen würden die Leute aber einfach vom Unternehmen falsch eingesetzt. Würden diese .Fehlbesetzungen' korrigiert. . . könne die Produktivität der Betriebe gesteigert werden, ohne die Leistungsdichte zu erhöhen“. Das Ergebnis der Umfrage kann kaum erstaunen. Hält doch die Ideologie der kapitalistischen „Leistungsgesellschaft" für die Lohnabhängigen, die unter der Arbeitsqual in den Betrieben leiden, den vermeintlichen Ausweg des individuellen Aufstiegs innerhalb der inzwischen breitgespreizten Berufshierarchie offen. So soll verhindert werden, daß Belegschaften — ganz unabhängig von angeblich „höherwertiger“ Qualifikation — kollektiv für ihre Interessen streiten. Es muß schon verwundern, wenn Gewerkschaftsvertreter dieses Argumentationsmuster kritiklos übernehmen, anstatt die von den Bürgerlichen angefachte Leistungskonkurrenz anzugreifen. Ist das Problem von Schicht- und Akkordarbeit denn gelöst, wenn nicht mehr Facharbeiter, sondern Ungelernte ihren gesundheitsschädlichen Auswirkungen ausgesetzt sind? (Quelle: Südkurier, 28.7.) — (jüg)

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