Heft 16 vom 08.08.1990 2/16 scan 2026-05-10

Ein Aktualisiertes Bild der Nazi-Szene darstellen

Eine Ausstellung Nürnberger antifaschistischer Gruppen über militante Faschisten


Ein Aktualisiertes Bild der Nazi-Szene darstellen

Eine Ausstellung Nürnberger antifaschistischer Gruppen über militante Faschisten

Eine bemerkenswerte Darstellung der militanten NaziSzene bietet eine Ausstellung, die in Nürnberg die AntifaArchivgruppe, die feministische Antifa und das Antifaplenum zusammengetragen haben. Entstanden im Vorfeld der Mobilisierung gegen den Rechtsradikalen-Aufmarsch am Heß-Grab in Wunsiedel (siehe auch Seite 4), bietet die Ausstellung eine fundierte Darstellung rechter Militanz. 26 Plakate im Format A1 setzen sich mit Gruppen wie FAP und ANS, Deutsche Frauenfront (DFF), Nationale Front (NF), Nationalrevolutionäre, Wiking Jugend, rechte Hooligans auseinander. Untersucht werden u.a. Ideologie, Propagandaschwerpunkte, Organisationsformen, Zentren und Personalia faschistischer Gruppen. Die Ausstellungsmacher, die wir im folgenden selbst zu Wort kommen lassen, bieten auch eine ausführliche Chronologie des rechten Terrors seit 1950. — (red)

Wir wollen mit unserer Ausstellung ein aktualisiertes Bild der militanten NaziSzene in der Bundesrepublik darstellen. Dabei haben wir uns schwerpunktmäßig auf FAP, Nationale Front (NF), Wiking Jugend (WJ) und ihr näheres Umfeld beschränkt. Nicht allein aus ihrer wachsenden Mitgliederzahl ergibt sich ihre Gefährlichkeit, sondern auch weil es den militanten Rechten gelungen ist, über ihre hauptsächlichen Politikfelder — die „deutsche Frage“, ihren Rassismus und die von ihnen betriebene Rehabilitierung des Nationalsozialismus — ihre bis vor kurzem fast vollständige gesellschaftliche Isolierung speziell unter Jugendlichen in beträchtlichem Maße zu überwinden.

Mit dazu beigetragen haben die politisch Verantwortlichen, sowohl von CDU/CSU, FDP als auch von der SPD, die die „militanten“ Rechten verniedlichend als „Jugendbanden" darstellen und sie somit vor der antifaschistischen Gegenwehr in Schutz nehmen. Daß im gleichen Atemzug auch Antifaschistinnen denunziert, kriminalisiert und mit den Nazis auf eine Stufe gestellt werden — durch die völlig verlogene These von „rivalisierenden Jugendbanden" — ermöglichte die polizeiliche Lösung der politischen Auseinandersetzung zwischen Neonazismus und Antifaschismus.

Es ist uns wichtig, noch einmal festzuhalten, daß die Ausstellung nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Um den Umfang der Ausstellung im Interesse der Lesbarkeit und auch der Kosten nicht über das unserer Meinung nach vertretbare Maß hinausgehen zu lassen, sind wir gezwungen gewesen, aus der Fülle des vorliegenden Materials auszuwählen.

So haben wir so wichtige faschistische Organisationen wie z.B. NPD. DVU und Reps ausgeklammert, obwohl wir diese Gruppierungen politisch für bedeutsamer als u.a. die FAP halten. Ebensowenig konnten wir auf die Braunzone zwischen Faschisten und CDU/CSU/FDP und Teilen der Sozialdemokratie eingehen, deren Einfluß, namentlich auch durch diverse Revanchistenverbände. bis ins Bundeskanzleramt reicht.

Besonders bedauerlich finden wir, daß in dieser Ausstellung der gesamte Widerstand viel zu kurz kommt. Wir wollten auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als könnten die Nazis ungehindert ihren Terror ausüben. Im Gegenteil gibt es einen Widerstand von der militanten Aktion über Demos, Flugblätter, Veranstaltungen bis zum verstärkten Engagement gerade sehr vieler junger Menschen. z.B. aus Schulen. Ohne diesen Widerstand wäre der Terror mit Sicherheit um ein-vielfaches schlimmer. Auf der einen Seite gibt es keinen Grund, sich beruhigt zurückzulehnen, denn dazu — auch das belegt diese Ausstellung — passiert noch viel zu viel.

Alle Erfolge, die bislang gegen die Nazis erreicht werden konnten, waren nur durch konsequente Eigeninitiative möglich und mußten nicht nur gegen die Nazis, sondern genauso gegen die Polizei, den Justizapparat und gegen die Verantwortlichen in den jeweiligen Städten und Parteien durchgesetzt werden. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, daß sich dies in Zukunft ändern könnte. In diesem Sinn: Organisiert die antifaschistische Selbsthilfe!

Erhältlich ist die Ausstellung ab Ende August für ca. 90 bis 100 DM über Postlagerkarte 050259 D. 8500 Nürnberg. Wegen Auflagenhöhe und Vorfinanzierung wird um verbindliche Bestellungen gebeten.

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.