Gegen die Zerstörung der Hoffnung - für Befreiung
Gegen die Zerstörung der Hoffnung — für Befreiung
Veranstaltung zu Solidaritätskampagne mit Befreiungsbewegungen Lateinamerikas
Die Wahlniederlage der SandinistInnen in Nicaragua hat bei vielen dazu geführt, generell die Realisierungschancen revolutionärer Projekte in „Dritte-Welt-Ländern“ in Frage zu stellen. Resignation breitete sich aus. Auch die Umwälzungen in Osteuropa werden von vielen als ein für lange Zeit fortwirkender Triumph des Liberalismus/ Kapitalismus über sozialistische und kommunistische Kräfte wahrgenommen, eine Sichtweise, die selbstverständlich von den Propagandisten des Liberalismus bestärkt wird. Sie verbreiten die Ideologie: „Der Kapitalismus ist schön. Die armen Länder bleiben arm, Gottseidank. Die gläsernen Fassaden unserer Banken spiegeln Smog und Schizophrenie und beleuchten die Zukunft der menschlichen Gattung. Kloaken, durch die Langeweile und Egoismus gespült werden, sind notwendige Übel. Klauen und Zähne sind unveräußerliche Bestandteile der gesellschaftlichen Anatomie. Wir hatten das Recht, beharren die Besitzer der luxuriösen Höhlen: Die Veränderungen in den Ländern des Ostens bedeuten das Ende d. Geschichte und den Triumph des Liberalismus, bis zum Verzehr der Jahrhunderte. Was wir heute erleben, so stellen sie fest, ist nicht das Ende des kalten Krieges oder der Niedergang einer ganz bestimmten Nachkriegsgeschichte, sondern das Ende der Geschichte als solcher, will heißen: der letzte Schritt der ideologischen Entwicklung der Menschheit und die globale Ausbreitung der liberalen Demokratie als einzig gültige Regierungsform in der Welt. Schon gibt es keine sozialen Klassen mehr — und wenn es sie doch gibt, dann eben für immer". So paraphrasiert Tomas Borge diese Sichtweise.
Um ihr etwas entgegenzusetzen, gemeinsam mit Vertreterinnen der lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen ber die Perspektiven der Solidaritätsbewegung zu diskutieren und die materielle und politische Unterstützung für den lateinamerikanischen Befreiungskampf zu stärken, findet am 4. Oktober in Zürich eine Veranstaltung unter dem Motto: „Identität und Befreiung in Lateinamerika" statt. Auf dieser Veranstaltung wird der Kampf der FSLN im lateinamerikanischen Kontext zur Sprache kommen. Tomas Borge, der ehemalige Innenminister des revolutionären Nicaragua und Gründungsmitglied einer Guerilla-Organisation und Domitila Chungara, eine Minenarbeiterin aus dem bolivianischen Hochland und langjährige Aktivistin der MinenarbeiterInnenbewgung werden über die zunehmende Bedeutung sozialer Bewegungen im Befreiungskampf sprechen und über den Umwandlungsprozeß bewaffneter Kaderorganisationen. Tomas Borge äußerte sich hierzu bereits in einem Gespräch mit Leuten aus einer Schweizer Solidaritätsdelegation: „Die Befreiungskämpfe müssen heute andere Formen annehmen als die klassische „guerilla de guerilla“. Ich glaube, daß die Kampfform, die am meisten Erfolgschancen hat, der Volksaufstand -(insurrecion populär) ist... Es ist die vordringlichste Aufgabe, die Massen zu begeistern und deren Spontaneität (z.B. Hungerrevolten) auszunutzen. Solche Aufstände müssen aber von einer Avantgarde geführt werden, sonst sind sie zum Scheitern verurteilt." Für die FMLN, die keinen Zweifel daran läßt, daß sie als Partei die Macht zurückerobern will, zieht Henry Ruiz — Mitglied der nationalen Führung der FSLN — aus der Wahlniederlage folgende Konsequenz: „Im Rahmen der neuen Kampf- und Organisationsformen spielt die Demokratisierung der Parteistruktur eine entscheidende Rolle. Demokratie ist für uns weniger Selbstzweck als vielmehr Mittel, um unsere Hauptziele, eine breite Beteiligung der Bevölkerung in der Verteidigung der Errungenschaften der Revolution und ein breiteres Vertrauen in die FSLN, zu erreichen.“ Beide widersprechen entschieden der These vom Niedergang der revolutionären Bewegungen: „Dies widerspricht vollkommen der Realität. Die Praxis zeigt, daß die Volksbewegungen am Wachsen sind, vor allem in Lateinamerika."
Der zweite Schwerpunkt der Veranstaltung wird die Kampagne „Emanzipation und lateinamerikanische Identität: 1492-— 1992 sein, die den offiziellen Feierlichkeiten anläßlich der kolonialistischen Eroberung Amerikas durch die europäischen Kolonialherren vor 500 Jahren entgegensetzt werden soll. Heinz Dietrich, der Koordinator dieser Kampagne, will mit ihr dazu beitragen, daß romantische Projektionen zugunsten des Standpunktes aufgegeben werden, daß die Befreiung Lateinamerikas untrennbar mit unserer eigenen verknüpft ist. — (woi)