Keine Befreiung der Gesellschaft ohne die des Einzelnen
Keine Befreiung der Gesellschaft ohne die des Einzelnen
Zum Beitrag „Nicht wählen statt .Linke Liste/PDS“‘ (Nr. 19/90)
„Das Mißverhältnis zwischen der philosophischen und der politischen Entwicklung in Deutschland ist keine Abnormität. Es ist ein notwendiges Mißverhältnis. Erst im Sozialismus..." (MEW 1, 405)
Die Kritik von bhs in der Ausgabe 19/90 der „Kommunalen Berichte“ an der scheinbar kritischen, in der Tat traditionell-konsequenten Flucht-nach-vornePolitik der PDS-Führung vor dem Erbe des Sozialismus, der sich als „realexistierender“, d.h. nur „soweitmöglicher Sozialismus“ verstanden und ihn so zu verstehen gegeben hat, ist eine Kritik, die versucht, den entweder fast verstummten oder den Imperialismus als letzte Instanz dauernd im Munde führenden Linken ein bißchen Mut zu machen, endlich mal „den aufrechten Gang zu erlernen“.
Es kann nicht genug betont werden, daß — wenn für uns noch der Grundsatz gilt, „alle Verhältnisse umzustürzen, in denen Menschen unterdrückte, erniedrigte und geknechtete Wesen sind“ — das Erbe des real-ex-Sozialismus nicht „Gysi to be taken" ist (außer vielleicht für Gregor und seine Liebhaber), sondern als Erbe von etwas verstanden werden muß, das in aller Welt ziemlich schwer zu ertragen und zu verdauen gewesen war und ist; was für die, die dies einfach nicht wahr haben wollten, endlich durch die sog. dramatischen Ereignisse von 19B9 klar geworden sein sollte.
Nun zur Kritik an bhs: Ob die unterdrückerischen Strukturen im Sozialismus „kapitalistisch oder nicht-kapitalistisch“ gewesen sein sollen, ist zunächst einmal, des kritischen Willens zum Trotz, nicht von Belang, weil es für die Unterdrückten vor allem galt, alle Verhältnisse umzustürzen, in denen. . . (s. Arbeiterbewegung in Osteuropa in den 80ern oder Frauenbewegungen überhaupt). Dies aber hat einen Sinn im Artikel, weil „Sozialismus“ mechanistisch verstanden wird (Mechanismen, tiefverwurzelte, die den Sozialismus zum Realsozialismus, und Revolutionäre zu Unterdrückern werden ließen). Wie auch bei der aufschlußreichen und richtigen Nationalismus-Kritik an die KPen hervorgehoben wird, gilt der aktive wie passive Beitrag der „Massen“ nicht nur dem Nationalismus, sondern auch dem Ökonomismus oder dem sog. demokratischen Zentralismus und hierzulande auch dem Projekt Großdeutschland. bhs hegt die die Befürchtung, „möglicherweise ist ja eine linke, emanzipatorische Politik mit dem doitschen Herrenvolk' überhaupt nicht möglich“. Gleichzeitig fordert er eine gründlichere und radikalere(l) Aufarbeitung der kommunistischen Perspektive. Die muß aber eher, und nicht leider, genau mit den Menschen zu tun haben, die sich immer noch u.a. als „Deutsche“ verstehen, und die sich eben nicht mit Abqualifizierungen von der Sorte „doitsch" einfach eines Besseren belehren lassen/ ließen, weder im Westen noch im Osten. Der oftmals angeklagte „deutsche Untertan" möchte doch Subjekt der Geschichte bleiben.
Es sei zuletzt daran erinnert: „Die Gesellschaft kann sich, selbstredend nicht befreien, ohne daß jeder einzelne befreit wird. Die alte Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt werden, und namentlich muß die alte Teilung der Arbeit verschwinden“ (Kap.1,273).
Vor dem Hintergrund dieser Aussage könnte die Periode von 1848—1989 als Vorgeschichte des Sozialismus gelten. Der Kampf um die Beseitigung der alten Teilung der Arbeit ist weiter zu führen. — (ebo)