Der 3. Oktober in Radolfzell: "für Volk und Vaterland"
Der 3. Oktober in Radolfzell: „für Volk und Vaterland“
Radolfzell. Auch in Radolfzell und Umgebung wurde die Reichsgründung am 3.Oktober mit „Dankgottesdiensten" und Glockengebimmel von den Kirchen abgefeiert. Der Radolfzeller Lokalteil des „Südkurier“ zitierte dazu die Ansichten von Pfaffen zum Bimmeln und zum 3. Oktober — ein paar Kostproben: Pfarrer Maurer (Münster Radolfzell) wollte, daß „um Gottes Segen für unser Vaterland“ gebetet werde. Pfarrer Jung von der Höri feierte am Reichsgründungstag „Gottesdienste" „zum Dank" sowie „als Bitte für Volk und Vaterland". Doch nicht nur die Kleriker ließen sich für die deutschnationale Propagandashow einspannen; auch die Schulen reihten sich ein. So gab es am Gymnasium Radolfzell am Vortag eine sog. „Feierstunde“ mit Reden zur „deutschen Einheit“; am übelsten waren dabei, noch vor dem Gesülze des Direktors, die Reden, die von Schülern gehalten wurden. Schon Tage vorher waren die Schülerinnen angehalten worden, Plakate zur „deutschen Einheit" zu malen; daraus wurde eine über und über schwarz-rot-goldene Ausstellung in der Aula der Schule. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober waren des öfteren Feuerwerkskörper zu sehen, auf den Straßen blieb es hingegen ruhig (ganz im Gegensatz zur Fußball-WM). Kirchenglocken für „Volk und Vaterland", Propagandaveranstaltungen an Schulen — wo sind wir schon wieder angelangt?! — (bhs)