Pilotprojekt "Elitegymnasium" in Ba-Wü
Pilotprojekt „Elitegymnasium“ in Ba-Wü
Verschärfung von Konkurrenz- und Leistungsdruck. AG-Konzept des MKS fundiert Elitebildung
Mit Beginn dieses Schuljahres sind an vier Gymnasien in Stuttgart, Rastatt, Meersburg und Kirchzarten Elitezweige mit auf acht Jahren verkürzter Schulzeit gebildet worden. Die Lehrerkollegien wurden z.T. damit unter Druck gesetzt, wenn sie ablehnten, sei der Klassen- und Personalbestand ihrer Schule gefährdet.
1979 verlangte die von der BDA gegründete Walter-Raymond-Stiftung, die Schule müsse künftig „ihren erzieherischen Beitrag zur Elitebildung bewußt leisten." Für die Eliten sei eine „verstärkte Förderung besonders Begabter“ einzurichten sowie spezielle Langzeitstudiengänge. Und an die damaligen reformerischen Kräfte gerichtet: „Die Bildungspolitik muß aufhören, die Fortsetzung gescheiterter Gesellschaftspolitik mit anderen Mitteln zu sein. Die Institutionen des Bildungswesens haben unserer real existierenden Gesellschaft zu dienen und nicht nach eigenem Belieben utopische Gesellschaften als Kolonien in Schulen und Hochschulen zu gründen." (1)
Um die Akzeptanz der Elitebildung an den Schulen zu testen, richtete das Kultusministerium 1985 spezielle Arbeitsgemeinschaften ein, in denen bei hervorragender Ausstattung mit Lehrpersonal (Schüler-Lehrer-Verhältnis 1:8, kooperativen Lernformen (Teamarbeit), vom Land bezahlten mehrtägigen Seminaren und fächerübergreifenden Lerninhalten z.Zt. über 5000 Schüler rekrutiert werden. Bei ihnen und den Lehrkräften kommt das Unternehmen angesichts der o.a. Rahmenbedingungen wesentlich besser an als der graue Schulalltag. Eine Verallgemeinerung der personellen, sächlichen und finanziellen Ausstattung sowie der Lernformen wird von der Schulbehörden jedoch strikt abgelehnt.
Auf die gymnasialen Elitezweige kommen nur solche Viertklässler, die ein „überdurchschnittliches Leistungsprofil" erkennen lassen und eine „anspruchsvolle Eingangsprüfung" bestanden haben. (2) Ein Mitglied der Regionalen Schülervertretung (RSV) Karlsruhe bemerkt dazu u.a.: „Das wird das Abgehoben-Sein der .Auserwählten' noch weiter vergrößern. Ich kann mich erinnern, daß in meiner Grundschule schon die zukünftigen GymansiastInnen arrogant rumliefen — so wird ein ,lch bin Elite, die anderen nicht oder anders-herum-Denken' gefördert. Verschärfter Leistungsdruck und die Angst vor dem Sitzenbleiben, was eine Degradierung auf ein normales Gymnasium bedeutet, werden einiges dazu beitragen, Ellbogenmentalität und Konkurrenzdenken zu fördern. Sitzenbleiben und das Wechseln auf eine andere Schule bedeuten gerade für Kleine mehr schmerzlichen Verlust von Freunden und Bezugspersonen. Dies sind die Umstände, unter denen Eliteschülerinnen aufwachsen sollen — Leistung ist hier die Kurzformel für die Anforderungen der Schule an das Individuum.“ (3)
In den Elitegymnasien beginnt künftig der Unterricht in der zweiten Fremdsprache bereits in der sechsten Klasse, die dritte wird ab Klasse 8 unterrichtet. Im zentralen Abitur werden die Prüflinge in vier Fächern auf Leistungskursniveau geprüft (bisher in zwei). Die Lehrpläne sollen neue Schwerpunkte enthalten wie Teamarbeit, fächerübergreifender Unterricht, selbständiges und methodenbewußtes Arbeiten. Das LehrerSchüler-Verhältnis wird bei 1:10 liegen, die Elitezweige erhalten zusätzliche Mittel für die Ausstattung mit Räumen, Geräten, Lernmaterial, Tagungsgelder.
Die Landtagsopposition hatte im März 1990 eine parlamentarische Diskussion über diesen „Rückfall ins vorige Jahrhundert" verlangt und kritisiert, das Elitegymnasium gefährde die verfassungsrechtlich gewährleistete Chancengleichheit unserer Schülerinnen und Schüler. Der Vorstand der GEW Freiburg hat sich kürzlich gegen die Einrichtung eines „Freiburg-Seminars für besonders befähigte Schüler" wegen der damit verbundenen Hierarchisierung der Schule von oben ausgesprochen. Quellenhinweis: (1) Veröffentlichungen der Walter-Raymond-Stiftung, Bd. 18 „Bildung und Beruf", Köln 1979; (2) Kultus und Unterricht, 6/1990, N 32f.; (3) „Vorderlader", Presseorgan der RSV Karlsruhe, Mal 1990. — (zem)
„Auch Hochbegabte brauchen Förderung“ Pressemitteilung von Kultusminister Mayer-Vorfelder vom 15. September 1989 — Auszüge —
„Im Schuljahr 1988/89 besuchten etwa 4200 Schüler und Schülerinnen Arbeitsgemeinschaften für besonders befähigte Schüler. Etwa die Hälfte aller beteiligten Schüler kommt aus den Klassen 8 bis 10, rund 40% kommt aus den Klassen 11 bis 13 und etwa 10% aus den Klassen 6 bis 7. Im einzelnen hat sich die Zahl der Arbeitsgemeinschaften wie folgt erhöht:
Schuljahr Anzahl der AGs (bet. Schulen)
1984/85 067 (040)
1985/86 119 (074)
1986/87 269 (166)
1987/88 386 (266)
1988/89 527 (376)
Im Schuljahr 1989/90 werden weitere 60 Schulen in das Programm einbezogen. Die Anzahl der Arbeitsgemeinschaften wird sich damit auf voraussichtlich etwa 600 erhöhen, die Zahl der beteiligten Schüler auf ca. 5000 . . . Über diese Arbeitsgemeinschaften hinaus werden für besonders interessierte und fähige Schüler... mehrtägige Seminare veranstaltet...
Im Verlauf des Schuljahres 1988/89 wurden insgesamt sieben mehrtägige Seminare aus den Fachbereichen Sprache, Mathematik und Naturwissenschaften durchgeführt. Die Teilnehmerzahl an einem solchen Seminar, für das das Land Baden-Württemberg die Kosten für Fahrt, Unterkunft und Verpflegung trägt, liegt bei 25 bis 30 Schülern. (...)
Eine Auswertung der durchgeführten Arbeitsgemeinschaften und Seminare habe ergeben, so der Kultusminister weiter, daß sowohl Schüler wie auch Lehrer die Arbeitsgemeinschaften und Seminare außerordentlich positiv werten: ,Es gibt zahlreiche Arbeitsgemeinschaften, die aufgrund ihres hervorragenden Zusammenhalts über mehrere Jahre hinweg bestehen bleiben. Die Lernbedingungen werden von den teilnehmenden Schülern als sehr gewinnbringend eingeschätzt.'
Als Ziele dieser Arbeitsgemeinschaften haben die Lehrer in ihren Berichten besonders hervorgehoben, daß den Schülern bewußt Ergänzungen und Alternativen zum üblichen Unterricht geboten werden sollen. Dies bedeute in vielen Fällen ein Abweichen vom gewohnten Vorgehen im Unterricht. Sehr häufig müsse den Schülern in diesen Arbeitsgemeinschaften Mut gemacht werden, auch ungewöhnlich erscheinende Lösungsansätze zu formulieren, denn gerade hier erfahren begabte Schüler im Regelunterricht häufig Intoleranz von Schüler-, ja sogar von Lehrerseite. Nicht verwunderlich sei deshalb, daß in diesen Arbeitsgemeinschaften die Positionen Lehrer/Schüler im Vergleich zum üblichen Unterricht oftmals vertauscht seien. Der Lehrer sehe sich häufig in der Rolle des Mitlernenden in einem Kurs, den die Schüler teilweise selbst gestalten.
Besonders hob Minister Mayer-Vorfelder hervor, daß in keinem der Berichte von negativen Auswirkungen durch den Besuch der Arbeitsgemeinschaften oder der Seminare auf das Verhältnis der Schüler zu den übrigen Klassenkameraden festzustellen sei. Man könne vielmehr bemerken, daß das Interesse und die Bereitschaft, Fragen der Begabtenförderung auch innerhalb der Lehrerkollegien zu diskutieren, in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe. (...)“ Quelle: Kultus und Unterricht v. 23.1.90, Nichtamtlicher Teil, N 13.