Karlheinz Deschner stellte sein Werk vor
Karlheinz Deschner stellte sein Werk vor
Kritischer Kirchenhistoriker in Konstanz und Singen
Aus Anlaß des kürzlich erschienenen 3. Bandes der auf zehn Bände angelegten "Kriminalgeschichte des Christentums“ war am 6. November Karlheinz Deschner im Rahmen einer Autorenlesung in Singen und am 7. November in Konstanz zu Gast. Er ist „zweifellos der hervorragendste Kritiker und Historiker des abendländischen Christentums und der römisch-katholischen Kirche, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.“
Im folgenden berichten wir über seine Lesung in Konstanz. Deschner trug Auszüge aus der „Einleitung zum Gesmtwerk: Über den Themenkreis, die Methode, das Objektivitätsproblem und die Problematik aller Geschichtsschreibung" im 1. Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“ vor. Zwischendurch streute er immer wieder Fakten ein, die seine These belegen, daß die bisherige Geschichte des Christentums eine Kriminalgeschichte ist. Für die Zukunft gibt es keinerlei Anzeichen, daß das Christentum weniger verbrecherisch werden könnte. Aus Platzgründen entfalten wir nur das von Deschner dargestellte Faktenmaterial und gehen auf seine Forschungs- und Arbeitsmethode in einer der nächsten Ausgaben ein.
Mit der These, die Welt ist heute genauso erbärmlich wie vor 2000 Jahren und das beste an der Geschichte ist, daß sie vorübergeht, leitete Deschner seinen Vortrag ein. Eine christlichere Welt ist eine schlimmere Welt. Wann hat es jemals authentisches Christentum gegeben, fragt sich Deschner. Jedoch seine Antwort ist glasklar, auch wenn er es nicht explizit sagt: Niemals! Zu keiner Zeit! Im Gegensatz zur offiziellen HERRschenden Historiographie, die Unterdrücker und Ausbeuter - nach Deschners Auffassung Verbrecher - als Helden feiert und die Unterdrückten aus ihrer Betrachtung ausblendet, schreibt er selbst in aufklärerisch-emanzipatorischer Absicht. Die Erlösung, die die Kirchen anbieten, sind in Wirklichkeit Endlösungen. Und gerade hierin haben die Kirchen eine reiche Tradition. Schon in der Antike habe Kyrill von Alexandrien (5. Jahrh.) die Vernichtung der jüdischen Synagogen angeordnet. Und die Vernichtungsfeldzüge setzten sich bis ins 20. Jahrhundert hinein fort. In keinem Jahrhundert hat die Kirche in quantitativer Hinsicht mehr Verbrechen begangen als im 20. Jahrhundert.
Als Polen durch den Versailler Vertrag wiedererstanden war, lebten auf diesem Staatsgebiet sieben bis acht Millionen Bjelorussen und Ukrainer, rund die Hälfte davon russisch-orthodox. Während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gab es ausgedehnte Progrome gegen die orthodoxen Gläubigen. Um91930 etwa waren 200000 Ukrainer im Gefängnis. Die polnischen Katholiken plünderten viele orthodoxe Kirchen, wandelten sie z.B. in Latrinen und Pferdeställe um. 1938 wurden über 200 orthodoxe Kirchen eingeäschert und 100 weitere Kirchen wurden in katholische umgewandelt. Aber im Vergleich zum katholischen Kreuzzug in Serbien während des 2. Weltkriegs, der sogenannten Kroatengreuel, war der Glaubensfeldzug in Polen noch von die Milde der christlichen Feindesliebe durchdrungen. 240 000 orthodoxe Serben wurden zwangsbekehrt und etwa 750 000 abgeschlachtet, mit allen erdenklichen Methoden, seien sie nun mittelalterlich oder modern wie z.B. erschossen, zu Tode geprügelt, lebendig begraben, lebendig gekreuzigt, erdrosselt, erhängt usw. Wobei sich die ach so gottesfürchtigen und asketischen Franziskaner sogar noch vor den Jesuiten besondere Verdienste erwarben. Der Klerus unterhielt das größte Konzentrationslager in Jugoslawien. Nur in diesem Lager allein wurden 40000 Menschen ermordet.
Kaum vorstellbar, daß diese abscheulichen Greueltaten unter der Ägide Papst Pius XII. geschehen sein sollen, gilt er doch nach weitverbreiteter Ansicht als der beliebteste Papst des 20. Jahrhunderts. Er soll asketisch gelebt haben und sein Handeln am Armutsideal von Jesu orientiert haben. Schließlich hinterließ er ja nur einen Notgroschen von 80 (achtzig) Millionen DM, seine drei Neffen zogen ja auch nur 120 Millionen DM ab. Im übrigen hat er sich als Faschistenkomplize hervorgetan, sei es für Mussolini in Italien, für Franco in Spanien oder für Hitler.
Das die Verschmelzung von Kirche, Kapital und Krieg heute genauso aktuell wie vor 1700 Jahren ist und Kautskys Feststellung, die Kirche ist die „riesenhafteste Ausbeutungsmaschine der Welt“, belegte Deschner ebenfalls eindrucksvoll. Er zeigte die enge Verquickung vom Vatikan mit der Mafia und den Banken auf. An der größten Privatbank der Welt, der Bank of America, ist der Vatikan mit 51% beteiligt. Seine Aktien- und Kapitalbeteiligungen wurden 1980 auf 50 Milliarden DM geschätzt. Wo besteht da noch die Kontinuität zu Jesus, der in den synoptischen Evangelien einen radikalen Antikapitalismus verficht, der z.B. sagte: „Verkauft euren Besitz und gebt ihn den Armen.“ Und auf die apostolische Kontinuität insistiert die katholische Kirche in besonderem Maße.
Fragt sich, ob eine reformatio in capite et membris überhaupt möglich ist. Deschner verneint das ganz klar. Eine wirkliche Reform müßte zur Revolution fortschreiten, wenn z.B. die Gebote der Armut und der Feindesliebe tatsächlich gelebt würden und damit die jetzigen Kircheninstitutionen nicht nur in Frage stellen, sondern überflüssig machen. Sicher gibt es auch in den Kirchen kritische Theologen. Solange jedoch ein kritischer Theologe noch in der Kirche bleibt, ist er ihr nützlich. Ein wirklich kritischer Theologe kann aber kein Theologe mehr sein. Mit dem Christentum wird die bisherige Kriminalgeschichte so weitergehen. ohne Christentum mag es auch so sein. Bleibt noch die Frage, warum bei all diesen Verbrechen die katholische Kirche immer noch besteht? Im Konkurrenzkampf war die katholische Kirche am brutalsten, und sie wußte auch am besten den massenwirksamen Weg einzuschlagen, d.h. sie stellte nicht zu hohe Ansprüche an die Gläubigen.
Im übrigen empfahl Deschner den Kirchenaustritt, wenn man die Kirchen besonders stark schädigen will. In keinem Land der Welt wird die Kirchensteuer vom Staat eingezogen. Diese Steuer wird seit 1933 erhoben und beträgt zur Zeit etwa 15 Milliarden DM. — (anw)