Heft 24 vom 28.11.1990 2/24 scan 2026-05-10

Erziehungsnotstand in Konstanz

Widerstand bei Erzieherinnen formiert sich


Erziehungsnotstand in Konstanz

Widerstand bei Erzieherinnen formiert sich

Konstanz. Schon seit einigen Jahren sind die Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst von der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen her nicht mehr attraktiv. Das hat auch Auswirkungen auf Konstanz, wo zur Zeit etwa 400 Kinderbetreuungsplätze fehlen, vor allem in der Ganztagsbetreuung. Deshalb haben einige Erzieherinnen den „Arbeitskreis der Erzieherinnen in Konstanz" konstituiert, der Anfang November zu einer Vollversammlung einlud, der etwa 80 Erzieherinnen von kirchlichen und freien Trägern folgten. Einigkeit bestand darin, daß selbst die vorhandenen Kinderkrippen, -gärten und Horte nicht ausreichend mit Personal und Sachmitteln ausgestattet sind. Eine Förderung verhaltensauffälliger Kinder ist nicht möglich. Behinderte und ausländische Kinder können nicht integriert werden.

Der vom Arbeitskreis erstellte Forderungskatalog wurde vorgestellt: Schaffung eines einheitlichen Tarifvertrages für alle Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes, Anhebung der Bezahlung auf Facharbeiterniveau, regelmäßiger Fortbildungsanspruch, Ausbildungsvergütung für Vorpraktikantinnen, mindestens zwei Fachkräfte pro Kindergartengruppe bei maximal 15 Kindern, Abbau von hierarchischen Strukturen am Arbeitsplatz.

Am 17. November war die ÖTV mit einem Aktionsstand an der Marktstätte präsent. So konnte sich die Bevölkerung aus erster Hand über den Erziehungsnotstand informieren. Am 24. November fand in Freiburg eine Demonstration zum Notstand im Sozial- und Erziehungsdienst statt.

Letztlich werden die Probleme im Erziehungssektor durch die Trennung von Kinder- und Erwachsenensphäre im Kapitalismus sowie die Zuweisung der meisten Erziehungsaufgaben an die Kleinfamilie verursacht. Besonders in den Städten finden Kinder fast keine Möglichkeiten, sich draußen zu betätigen, da die Lebenswelt auf die Anforderungen der Unternehmen und der autogerechten Stadt zugeschnitten sind. Durch den omnipotenzartigen Anspruch von der bürgerlichen Schule und vielen Eltern können die meisten Kinder ihre Persönlichkeit nicht entfalten. Die Verbesserung der öffentlichen Erziehung ist nur ein erster Schritt, um die Gesellschaft kindgerechter zu gestalten. — (anw)

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