Heft 24 vom 28.11.1990 2/24 scan 2026-05-10

Schulfreier Samstag hat viel Fürsprecher

Gelingt es gegen den Widerstand der CDU den freien Samstag zu erkämpfen?


Schulfreier Samstag hat viel Fürsprecher

Gelingt es, gegen den Widerstand der CDU den freien Samstag zu erkämpfen?

Ist der Schulsamstag ein Überbleibsel aus alter Zeit oder sind diese Unterrichtsstunden nötig, um die Schüler „auf das Europa von Morgen vorzubereiten" (das Kultusministerium)? Diese Frage hat sich in Baden-Württemberg zu einer größeren gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung entwickelt. Dabei könnte die Sache einfach sein: In Industrie und Handwerk in der Bundesrepublik arbeiten nur noch durchschnittlich sechs Prozent der Beschäftigten am Samstag. Die Streichung der Schulsamstage hat in Baden-Württemberg viele Fürsprecher, so die großen Lehrerverbände, die Gewerkschaften, Teile der Kirchen, viele Eltern und natürlich die direkt Betroffenen, Schüler und Lehrer. Für das Familienleben, für Sport und Freizeit und für die Erholung der Schüler und Lehrer bleibt nach dem Samstag nur ein Rumpfwochenende. Und in Baden-Württemberg liegen die Schüler mit ihrem verordneten Unterrichtspensum bundesweit vorn. Wozu dann noch der Samstags-Unterricht?

Zunächst schien es, daß alle im Landtag vertretenen Parteien den schulfreien Samstag befürworteten — einschließlich der CDU-Fraktion. Dies wäre ein Gewinn fürs Familienleben, meinte die Staatssekretärin. Doch bald setzte in der CDU ein Meinungsumschwung ein. Der Landeselternbeirat, eine von der CDU beherrschte landesweite Elternvertretung, setzte eine tendenziöse Umfrage an den Schulen in Gang. In der Umfrage wurde nicht nur gefragt, ob der Samstag frei bleiben solle. Sondern es wurde auch die Information vorangestellt, daß in Rheinland-Pfalz der Landeselternbeirat die generelle Einführung der Fünf-Tage-Woche abgelehnt habe. Außerdem wurde in der Umfrage betont, daß bei Beibehaltung der Unterrichtszeit mehr Nachmittagsunterricht anfallen würde. Schon im Vorfeld hatte die Vorsitzende des Landeselternbeirats, Renate Heinisch (CDU), sich im Namen dieses Gremium gegen den freien Samstag ausgesprochen.

Soviel Parteiliches in einer Umfrage mußte auf breite Kritik stoßen. In Stuttgart organisierte die Elternvertretung eine eigene Umfrage ohne tendenziöse Hinweise. Ergebnis der Stuttgarter Umfrage: 65 Prozent der Eltern waren für den schulfreien Samstag. Ergebnis der landesweiten Umfrage unter Aufsicht von Frau Heinisch: Trotz aller Meinungsvorgaben sprachen sich 43,6 Prozent für den freien Samstag aus, 56,4 Prozent für die Beibehaltung der geltenden Regelung. Die 19000 Stuttgarter Stimmen wurden hierbei nicht gewertet.

Die alternative Stuttgarter Erhebung ergab, daß der schulfreie Samstag am stärksten gewünscht wurde von Eltern, deren Kinder auf die Sonderschule, auf die Grund- und Hauptschule und auf die Realschule gehen. An den Gymnasien sprachen sich 58 Prozent der Eltern für den freien Samstag aus, zwar die Mehrheit, aber deutlich weniger als an den anderen Schulen. Die Schüler selber wurden in beiden Erhebungen nicht befragt. Das Kultusministerium unter Mayer-Vorfelder (CDU) hat bereits vor der Anhörung der Sachverständigen durch den Schulausschuß des Landtages beschlossen, daß es einen schulfreien Samstag nicht geben werde — wegen der Uneinigkeit.

Offensichtlich ist, daß in der CDU starke Kräfte am Wirken sind, den Samstag nicht ins Wochenende einzubeziehen. Das Wirtschaftsministerium und das Sozialministerium drängen auf flexiblere Arbeitszeiten. Die Industrie verlangt die Ausweitung der Maschinenlaufzeiten, besonders in Hinblick auf den EGBinnenmarkt und auf die Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie ab 1. April 1993. Konzerne wie Bosch wollen Arbeitszeitmodelle wie von BMW Regensburg einführen, das heißt zwei Neun-Stunden-Schichten täglich und Samstagsarbeit und zum Zeitausgleich größere Freizeitblöcke. Daimler-Benz arbeitet weiter an seinem Flexi-Il-Modell, das in eine ähnliche Richtung geht. Die Konzerne verlangen eine weitere Entkoppelung von individueller Arbeitszeit und Maschinenlaufzeit. Das Wochenende, vor allem der Samstag, soll auf Verlangen der Konzerne in die Arbeitszeitverteilung einbezogen werden. Der Widerstand dagegen ist groß. Gelänge es, den Samstag tatsächlich schulfrei zu erkämpfen, dann wäre dies ein weiteres Argument gegen Samstagsarbeit im Betrieb. In der Frage des schulfreien Samstags steckt die Frage, wie diese Gesellschaft ihre Arbeitszeit gestaltet: Flexibel, das heißt mit Samstagsarbeit, für die Interessen der Konzerne, oder an den Reproduktionsbedürfnissen der Lohnabhängigen und der Lehrer und der Schüler orientiert. — (ros)

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