Heft 25 vom 12.12.1990 2/25 scan 2026-05-10

Widerstand gegen Golfkriegsvorbereitungen!

Bundeswehr bereitet Kriegseinsatz vor / Antikriegserklärungen und -aktionen sind dringlich


Widerstand gegen Golfkriegsvorbereitungen!

Bundeswehr bereitet Kriegseinsatz vor/Antikriegserklärungen und -aktionen sind dringlich

Wir drucken im folgenden in Berichtsform die Mitteilungen eines Bundeswehrsoldaten über die Situation in den für einen Golfkriegseinsatz bestimmten Fallschirmjägertruppen ab. — (red)

„Ich will mich nicht im Golfkrieg fürs Öl verheizen lassen!“

Seit zwei Monaten wird in der I. Luftlandedivision der Bundeswehr nicht nur über den Golfkrieg diskutiert, sondern es laufen verschiedene Vorbereitungen für den Kriegseinsatz.

—'In Sanitätskursen werden ausführlich die Folgen des Einsatzes chemischer Waffen, wie sie von hiesigen Firmen im Irak produziert werden, behandelt. Dabei wird gegenüber den Rekruten dargestellt, daß es für die kämpfende Truppe keinen Schutz gegen die heutigen chemischen Waffen gibt. Dies liegt daran, daß den Giftgasbomben bzw. -Granaten Blausäure beigemischt wird, die den Gummi der Atemschutzmasken zerfrißt und sofort den qualvollen Tod herbeiführt. Wer als Soldat in ein chemisches Kampffeld gerät, hat keine Überlebenschance. Deshalb wird von Unteroffiziersdienstgraden den Rekruten beiläufig empfohlen, sich in einem solchen Fall gleich zu erschießen.

— Teile der Fallschirmjägerbataillone werden Anfang Januar 1991 zu einem Großmanöver in die Türkei verlegt, darunter Einheiten aus der Luftlandebrigade (LLBrig) in Calw. Bei einem Krieg im Grenzgebiet zum Irak ist im Nachhinein sehr schwer festzustellen, ob die Bundeswehreinheiten sich noch im Rahmen des vom Grundgesetz gezogenen Aktionsradius bewegt haben oder nicht. Darüberhinaus bietet die Notwehrargumentation — man ist bei einem Manöver angegriffen worden und mußte sich „verteidigen" — öffentlichkeitswirksame Möglichkeiten.

— Im Kriegsfälle würde über die Verwicklung der Türkei, so wird in der Truppe zum Teil argumentiert, der Bündnisfall eintreten und die AMF-Truppen (Schnelleingreiftruppen unter direktem NATO-Kommando) der Bundeswehr zusammen mit französischen und belgischen Luftlandetruppen unmittelbar ins Kriegsgebiet geflogen und dort zum Einsatz kommen.

— Teile des Kaders der Fallschirmjägertruppen sind geradezu geil auf einen Einsatz im Golfgebiet. Sie stellen sich die Sache als kurzes Abenteuer vor und sind davon überzeugt, daß ihre Truppe den irakischen in Bezug auf die technische Ausrüstung und den Ausbildungsstand haushoch überlegen und deshalb in der Lage sei, den Irak im Erstschlag zu enthaupten.

Gegenteilig die Stimmung bei den W12ern (Wehrpflichtige, 12 Monate). Die Furcht, in einen Kriegseinsatz am Golf hineingezogen zu werden, nimmt (begründet) zu. Es kommt vereinzelt zu Kriegsdienstverweigerungen und zur Verweigerung von Sprungübungen, um nicht kriegseinsatzfähig zu werden.

— Dämpfend auf die Stimmung wirkt, daß kürzlich zwei Soldaten in Altstadt bei Fallschirmspringerübungen schwerstverletzt bzw. getötet worden sind. In einem Fall klappte bei einem Absprung aus 500 Meter Höhe der entfaltete Fallschirm in einer Höhe von 40 Meter wieder zusammen; der betroffene Soldat ist durch den Sturz querschnittsgelähmt. Im anderen Fall wurde ein Soldat in der Hektik bei einem in Vierergruppe hintereinander absolvierten Sprung aus dem 12 Meter hohen Sprungturm nicht angeschlauft und stürzte aus dieser Höhe senkrecht ab in den Tod.

— Dampfend auf die Stimmung wirkt auch die Aussicht, daß an Fallschirmen schwebende Soldaten wie abschußreife Pflaumen am Himmel hängen und auch nicht wissen, ob sie z.B. in ein giftgasverseuchtes Gebiet springen. Deswegen wird die Fallschirmleine im Krieg erst in einer Höhe von 50 bis 40 Metern über dem Erdboden gezogen. Passiert hier ein Fehler oder gibt es eine Verzögerung, endet die Sache bei einer Freifallgeschwindigkeit von ca. 250 km/h tödlich. — (sim)

Aus: Antifaschistische Bildungspolitik Nr. 25/90

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