Der klammheimliche Hochschulnotstand
Der klammheimliche Hochschulnotstand
Zur Situation der Studierenden an der Universität Konstanz
Die Universität Konstanz platzt aus allen Nähten. In den Gebäuden auf dem Gießberg, die ursprünglich für ca. 4 000 Studentinnen konzipiert wurden, müssen sich derzeit ungefähr 9200 Menschen zurechtfinden, wenn sie sich dem Studium der exakten oder spekulativen Wissenschaften hingeben wollen. Völlig überfüllte Veranstaltungen mit dem Charme von Telekollegs, Sprechzeiten bei Profs und Beratungsstellen von einer oder zwei Stunden pro Woche(f), zig Meter lange Schlangen für einen Kaffee in der Cafeteria, eine Bibliothek, in der die wichtigen Bücher meist verliehen sind, ständige Verschärfungen der Zulassungsbedingungen und Prüfungsordnungen zur Regulierung der Studentinnenzahlen, all das ist längst Unialltag und scheint kaum noch jemand zu kratzen.
Was nämlich bei diesem Hochschulnotstand, der nun schon seit Jahren andauert und sich zunehmend verschärft, am meisten erstaunt, ist die Widerspruchslosigkeit, mit der er hingenommen wird. Außer dem raunenden Klagen einzelner, das öffentlich nicht wahrgenommen wird, gibt es keinen wie auch immer formulierten Protest. Die in jeder Fachrichtung .beliebteste' Reaktion der Studis auf diese Zustände, die das Studium zur Qual machen, ist eine mit hilfloser Geste zur Schau gestellte Ratlosigkeit sowie die Ausbildung eines Einzelkämpferinnenbewußtseins: schauen, trotz allem einigermaßen gut durchs nächste Semester zu kommen. Die Kommilitoninnen werden in diesem Kampf oft nur als lästige Konkurrenz wahrgenommen, die das eigene Vorankommen bremst. Besonders stark entwickelt sich dieses Konkurrenzbewußtsein unter denjenigen, die dabei sind, sich eine juristische Ausbildung zu ergattern.
Universität Konstanz: Trotz untragbarer Studienbedingungen
Der Kampf Student gegen Studentin findet vor allem in der Bibliothek statt. Da werden Bücher versteckt und geklaut; bestimmte Seiten mit prüfungsrelevantem Inhalt herausgerissen oder geschwärzt, auf inhaltliche Fragen eines/r Kommilitonin bewußt falsch geantwortet. Handelt es sich also bei den Angehörigen der Juristischen Fakultät um einen besonders bösartigen Menschenschlag?
Ein etwas genauerer Blick auf die Prüfungssituation der Bücherkämpferinnen macht solche Reaktionen schon verständlicher: Wenn mehrere hundert Studierende eines Semesters eine Hausarbeit zum selben Thema schreiben sollen und dazu vier Wochen Zeit haben — das ist auch unter günstigeren Bedingungen ein äußerst knapper Zeitraum für eine Hausarbeit in der Größenordnung von dreißig Seiten — und die dazu relevanten Gesetzestexte und Kommentare in der Bibliothek nur vier- oder fünffach vorhanden sind, dann geht es schlicht darum, wer mit diesen paar Büchern arbeiten kann und wer nicht. Oft werden dann solche Prüfungen auch noch dazu benutzt, kräftig zu sieben und an die fünfzig Prozent der Prüflinge durchfallen zu lassen. Ein Rückblick auf vier Wochen Arbeit, die umsonst war, erhöht dann die Bereitschaft, sich beim nächsten Mal einfach durchzusetzen. Ein Weg, der aus dieser Misere hinausführt, ist aus der Sicht der Betroffenen kaum vorstellbar.
Landesregierung, Profs und Industrie, die bekanntlich seit der Abschaffung der verfaßten Studierendenschaft 1977 die Studienbedingungen praktisch allein bestimmen, haben da schon wesentlich genauere Vorstellungen, was den Umgang mit dem Hochschulnotstand betrifft. Sie nutzen ihn nämlich gezielt, um eine härtere Auslese und eine Umstrukturierung der Universitäten nach den Bedürfnissen der Industrie, also zunehmende Verschulung und ausschließliche Förderung der schwer prestigeträchtigen High-Tech-Disziplinen Informationstechnologie und Bio- bzw. Gentechnik durchzusetzen. So ist auch in Konstanz von vorneherein klar, wofür Gelder bereitstehen und wofür nicht: Das zur Zeit mit großem Elan von den Verantwortlichen auf dem Gießberg betriebene Anliegen ist nicht etwa die Schaffung neuer ProfessorInnenstellen, sondern ein Bioinformatik-Zentrum — das aus sprachkosmetischen Gründen neuerdings „Forschergruppe für Nukleinsäure-Chemie" heißt — sowie ein Zentrum für molekulare Toxologie. In beiden Einrichtungen, die nicht billig, sein werden, wird unter anderem profitverdächtige Gentechnologie betrieben werden. Auch das hauptsächliche Motiv für die jüngste Prüfungsverschärfung in den Verwaltungswissenschaften, dem weitaus größten Fachbereich mit derzeit ca. 3500 Studentinnen, wurde von den Verantwortlichen offen ausgesprochen: Industrielle hatten ihr Bedürfnis nach „nachvollziebaren Prüfungsleistungen" geäußert.
Der Studienalltag wird immer härter, langweiliger, phantasieloser. Selbst der Deutschlandfunk klagt in einer Sendung über die Universitäten: „Phantasie und Kreativität sind ein Mangel. Nicht zuletzt als Ergebnis einer Ausbildung, die artiges Funktionieren belohnt, statt Eigensinn zu fördern." Kreativität, selbstständiges Arbeiten, praktische Erprobung theoretischer Kenntnisse und sprachlicher Fähigkeiten sind immer weniger gefragt. Statt dessen werden Inhalte .entschlackt', um in komprimierter Form in Massenvorlesungen gelehrt und abgefragt zu werden. Ein kritisches Hinterfragen des gepaukten Stoffs oder gar ein selbstständiges Formulieren einer eigenen, wissenschaftlich begründeten Position ist da oft nicht mehr gefragt oder wird gar als Herausforderung, als Infragestellung der wissenschaftlichen Autorität aufgefasst. So wird in vielen Veranstaltungen heute nur mehr eine dogmatische Einheitslehre verkündet, wo noch vor wenigen Jahren verschiedene Positionen verglichen, begründet oder abgelehnt wurden.
In den meisten Fachbereichen wird den Studentinnen gleich im ersten Semester unmißverständlich klargemacht, daß sie sich den HERRschenden Studienbedingungen zu fügen haben oder gehen können. Im letzteren Falle wird ihnen niemand nachtrauern; auch das wird oft betont. Offensichtlich ist der Hochschulnotstand in den Augen der Verantwortlichen keineswegs ein Problem der mangelnden Ausstattung der Universitäten, sondern ganz eindeutig ein Problem zu vieler Studentinnen.
Es ist also anpassen angesagt. Ein wenigstens in Ansätzen selbstbestimmtes Studium ist nur noch in wenigen Inselbereichen des Geistes- und Sozialwissenschaften möglich. Am schwersten haben es bei diesen Zuständen die Frauen. Sie werden gleich auf mehreren Ebenen diskriminiert und unterdrückt. Das fängt schon an bei der Zimmersuche, die unerläßliche Voraussetzung für die Ermöglichung eines Studiums ist. Auf dem Wohnungsmarkt kann es frau passieren, daß sie von sexistischen Vermietern, die sich ihrer der Wohnungsnot geschuldeten Machtposition bewußt sind, mit der Forderung nach sexuellen Dienstleistungen, quasi als .zusätzliche Miete', belästigt wird. An der Universität kommt zur alltäglichen sexistischen Anmache noch die Ausgrenzung aus der männlich dominierten Wissenschaftsproduktion und -lehre. Einer Frau, die sich in einen Fachbereich wagt, der als Männerdomäne gilt, kann es durchaus passieren, daß mann ihr mehr oder weniger offen zu verstehen gibt, es sei selbstverständlich, wenn sie weniger als ihre Herren Kommilitonen gefördert wird, da mann davon ausgeht, daß sie sowieso nur zum Vergnügen studiert, um dann früher oder später ihren Ernährer zu heiraten. In einem solchen Klima nimmt das Nichtvorhandensein von öffentlich geförderter feministischer Forschung nicht wunder. Die Situation ist verfahren. Daß die Zustände an der Universität unhaltbar sind, ist offensichtlich. Doch das einzige was daran etwas im Sinne der Studierenden ändern könnte, nämlich politische Aktivitäten der Studentinnen selbst, findet kaum statt. Selbst die spärlichen Möglichkeiten der inoffiziellen und unabhängigen Studierendenvertretung werden kaum genutzt. Zu den Vollversammlungen kommt fast niemand mehr. Studentische Eigeninitiativen wie die Zeitung „UNIted Magazine" oder das neugegründete „studentische Institut", das es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Gegenentwürfe zum herrschenden Lehrbetrieb in Konstanz zu etablieren", können sich auch nicht gerade über zu viele interessierte Mitarbeiterinnen beklagen. Zynisch formuliert könnte mensch es so ausdrücken: „Das einzige, was zur Zeit gut läuft, ist das AStA-Cafe." Und dieser Satz beleuchtet auch treffend die vereinzelte Lebenslage des 1990er Studis: Was gefragt ist, das ist Entspannung, eine Pause vom alltäglichen Kampf um Selbstbehauptung in einer zermürbenden Wissenschaftsfabrik. Politisches Engagement für eine Verbesserung der Zustände würde noch zusätzliche Energie beanspruchen und scheint zudem aussichtslos. Zumindest in nächster Zeit wird sich also am Hochschulnotstand nichts ändern. — (b)