Deschner: Kriminalgeschichte des christentums
Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums
„Das Desiderat, nach dem alle christlichen Lobhudeleien schreien"
Wie schon in der Nummer 23/1990 angekündigt, wollen wir nun Karlheinz Deschners Intention, seine Forschungsmethode und seinen wissenschaftstheoretischen Hintergrund darstellen, die seinem auf zehn Bände konzipierten Werk „Kriminalgeschichte des Christentums“, von denen bisher drei erschienen sind, zugrundeliegen Wir stützen uns dabei auf seine „Einleitung zum Gesamtwerk".
Der Leser könne weder auf eine gloria et honor ecclesiae noch auf die Darstellung vermeintlicher oder wirklich positiver Folgen des Christentums hoffen, denn dies sei schon in Millionen von Schriften geschehen. Grundsätzlich mißt Deschner die Geschichte der Kirchen und des Christentums an den allgemeinen Begriffen des Kriminellen und Humanen, darüberhinaus an den zentralen ethischen Gedanken der Synoptiker sowie dem Pazifismus und „Antikapitalismus" der antiken Gemeinden. Weiterhin geißelt er den schreienden Widerspruch zwischen dem Leben der Christen und ihrer Lehre, den sie billig durch den ewigen Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit zu bagatellisieren versuchten. Jedoch werde das christliche Ideal nicht nur partiell, sondern ständig verfehlt. Nichtsdestotrotz spielten sich Kirche/Christentum als erste Moralinstanz auf.
Mit welcher Intensität Staat und Kirche aufeinander eingewirkt hätten, dies zu entfalten ist eine von Deschners Hauptintention. Die ganze Geschichte des Christentums sei in ihren hervorstechendsten Zügen eine Geschichte des Kriegs. Der Christ wolle die ganze Welt mit seiner alleinseligmachenden Wahrheit beglücken. Eingehend will Deschner die Entstehung und Vermehrung des Kirchenbesitzes erörtern. Weitere Schwerpunkte sind das barbarische Strafgebaren der Kirche, ihre Stellung zu Sklaverei, Arbeit und Kapital, ihr geschichtfälscherisches Tun (die mittelalterliche Fälschungswerkstatt als „Ordnungsinstanz von Kirche und Staat"), ihre „Umdeutung der historischen Ereignisse im Sinne einer hagiologischen Kausalität" (Lotter; sprich: Wunder- und Reliquienschwindel, Heiligenviten), Niedergang von Wissenschaft und Erziehung im Mittelalter. Ausnutzung von Aberglaube un Unwissenheit.
Worauf beruht Deschners Arbeit? Zum einen auf den schriftlichen Quellen der zeitgenössischen Historiographie, zum zweiten wertet er historische Sekundärliteratur aus. und dann zieht er Erkenntnisse aus den historischen Hilfswissenschaften (Numismatik, Heraldik, Sphragistik u.a.) und anderen Wissenschaftsbereichen (z.B Archäologie, Ökonomie. Politik, Jura. Geographie, Statistik) heran. Die Fülle des Materials ließe sich nur selektiv verwerten Befassen wir uns nun mit Deschners Methode und seinen geschichtsphilosophischen Axiomen: Die Methodenwahl resultiere aus der jeweiligen theoretischen Anschauung. Unterschiedliche Methoden erzeugten Differenzen im Fragen Betrachten und Bewerten. Zudem behauptet Deschner: Wie jeder Mensch, so sei auch er einseitig und voreingenommen. Ein jeder habe seinen „Standort". Daher könne seine Untersuchung auch nicht unparteiisch sein. Die Einseitigkeit einzugestehen sei wichtiger als verlogen „Objektivität" und „Wahrheit“ zu heucheln. Entscheidend sei. wie viele und wie gute Gründe unsere Einseitigkeit belegten. „Jeder urteilt persönlich, spekulativ, ist schon durch seinen Fragehorizont konditioniert.... Viele Fachhistoriker bestritten inzwischen die Möglichkeit geschichtlicher Objektivität. Die Gültigkeit der Geschichtsschreibung relativiere sich dadurch. daß jede Historikergeneration dieselben Geschichtsintervalle wieder umschriebe. Doch Paradigmata änderten sich. wenn sich die wirtschaftlich-politischen Konstellationen modifizierten, ganz abgesehen vom Einwirken der Zwänge „außerszientifischer Maßgaben" aus dem „metawissenschaftlichen Umfeld".
„Historiographische“ Tatsachen seien noch keine „historischen“ Tatsachen, seien doch schon die Quellen (Inschriften. Urkunden) stets nur Beschreibungen von Fakten. Jede Quelle oder Geschichtsdarstellung werde vor dem Hintergrund der eigenen Weltanschauung geschrieben. Deshalb tritt Deschner für eine wertende Geschichtsschreibung ein. da Wertfreiheit nur Heuchelei sei und den Herrschenden diene. Inwieweit stimmen Wirklichkeit und Darstellung der Geschichte bei Deschner überein? Dazu zitiert er Wittgensteins Aussage über einen mathematischen Satz: „Nicht. daß er uns als wahr einleuchtet, sondern daß wir das Einleuchten gelten lassen. macht ihn zum mathematischen Satz" Oder Einstein: „Soweit die Gesetze der Mathematik sich auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht gesichert; und soweit sie gesichert sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit." Wenn das schon für die Mathematik gelte, um wieviel mißtrauischer müßten wir die Geschichtsschreibung betrachten. die stets selektiert („aus dem Zusammenhang reißt“) und interpretiert. Trotzdem verficht Deschner keinen reinen Subjektivismus, der genausowenig wie reine Objektivität existiere. Daß alle Aussagen unsicher seien, heiße nicht, daß sie alle gleich unsicher seien. Es gebe Sichtweisen, die sich durch mehr oder bessere Argumente abstützen ließen. Seine allgemeinen Schlußfolgerungen versucht er durch Quantifizierung (Zusammenstellung vergleichbarer Fälle) abzusichern. Gegen Ende seiner Einleitung weist er auf d. Doppelbedeutung des Geschichtsbegriffs (res gestae und rerum gestarum memeriae) und den dreifachen Aspekt der Histcncgraphie (sie erzählt, ist und bewirkt Geschichte) hin Die Quellentradition selbst höfiere die Unterdrücker und ignoriere die Unterdrückten. Schlußendlich kann Deschners "Realitätskonstrukt" nur die historisch relevanten Ereignisse und Tendenzen der "Kriminalgeschichte des Christentums" berücksichtigen. (anw)