Heft 2 vom 24.01.1991 3/2 scan 2026-05-17

"... hat mit Kriegstreiberei nichts zu tun"

Konstanz


"... hat mit Kriegstreiberei nichts zu tun"

Da der „Südkurier“ an einer breiten Berichterstattung über die Antikriegs-Aktivitäten derzeit nicht vorbei kommt, versucht man am Fischmarkt alles, um die Aktivitäten zu allgemeinen Willensäußerungen für .den Frieden“ umzuschreiben und mit der gebetsmühlenartigen Wiederholung der „Verbrechen“ des „Despoten“ Saddam Hussein die richtige rechte Linie reinzukriegen. Opfer dieses Vorgehens sind gegenwärtig vor allem die Schülerinnen und Schüler, von denen sich viele an Aktionen beteiligt haben. So zitiere das Blatt nach der Demonstration von 20OO Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden einen besorgten KSPler, der sich angeblich darüber beschwert habe, „daß einzelne Teilnehmer die USA als Alleinschuldtragenden hingestellt haben“. Auch im „Südkurier“-Kommentar zur Demonstration am 19.1. benutzt diesmal Erich Gropper die Schüler: „Was die Jugend von heute ganz sicher nicht braucht, sind ideologisch gefärbte Belehrungen aus der linken Ecke“, die ihnen angeblich eine „kleine, aber lautstarke Minderheit“ erteilt hat. Der breite Beifall für Forderungen nach Abzug der Alliierten und sofortigen Rückzug des deutschen Militärs muß bis in die Redaktionsstuben am Fischmarkt zu hören gewesen sein. Erschrocken mag die „Südkurier“-Crew haben. daß so viele die kapitalistischen Länder des Westens für den Krieg verantwortlich machen.

An dieser Nuß knackt das bürgerliche Monopolblatt derzeit schwer — um die Tatsache, daß die USA und ihre Verbündeten den Krieg begonnen haben, kommt man eben trotz aller Kasuistik nicht herum. Schon am Tag zuvor hatte sich Chefredakteur Appenzeller, angesichts der Breite der Proteste selbst an die Demo-Front geeilt, Pfiffe eingehandelt, als er bei einer abschließenden Andacht in der Lutherkirche zum Besten gab, Saddam Hussein sei der Alleinschuldige an dem Krieg.

Für die Ausgabe vom 19.1. besann sich Appenzeller dann wieder seiner eigentlichen Fähigkeiten als Schreibtischtäter. In einem Leitartikel sucht er, freilich größtenteils vergebens, Argumente um jene „Überlegungen“ zu rechtfertigen, „die zum Eingreifen der Alliierten geführt haben.“ Ganz zum Schluß fallt ihm dann doch noch eines ein, zumindest für eine Beteiligung der BRD an dem Gemetzel. Deutschlands Ansehen nämlich, hat Appenzeller entdeckt, wird schweren Schaden nehmen, falls Deutsche nicht mitschießen und -bomben. Warum0 „Deutschland steht verfassungsbedingt korrekt, abseits. Aber wenn der Krieg (hoffentlich erfolgreich) vorbei st, werden sich die, die ihn gegen den Aggressor gewannen, gegenseitig auf die Schulter klopfen und auf jene herabschauen die sich nicht engagierten.“ Richtig erkannt. Appenzeller, was ist schon das Leben einiger tausend Araber wert, wenn Deutschlands Größe auf dem Spiel steht. Ein Hundsfott, wer das Kriegstreiberei nennt.

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