Heft 4 vom 21.02.1991 3/4 scan 2026-05-17

Ein von langer Hand geplanter Krieg

Dem Westen geht es darum, eine vom Imperialismus unabhängige Entwicklung zu verhindern


Ein von langer Hand geplanter Krieg

Dem Westen geht es darum, eine vom Imperialismus unabhängige Entwicklung zu verhindern

Die konkreten Pläne für den Krieg, der jetzt am Persisch-Arabischen Golf geführt wird, sind über ein Jahrzehnt alt, stehen folglich in keinerlei Zusammenhang mit dem irakischen Überfall auf Kuwait. Die Planungen und Vorbereitungen für diesen Krieg stammen aus der Zeit Mitte/Ende der 70er Jahre.

Im Februar 1979 wurde der Schah im Iran durch das iranische Volk gestürzt. Dies löste die sog. „2. Ölkrise" aus, weil der Iran sich nunmehr weigerte, sein Öl weiterhin an den Westen zu verschleudern, ohne einen angemessenen Preis dafür zu bekommen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt schwenkten die USA von der Politik der Stützung von „Ordnungsmächten“ auf eine Politik der direkten militärischen Intervention im Mittleren Osten um. In der Folgezeit der „2. Ölkrise" wurde die „Schnelle Eingreiftruppe" (Rapid Deployment Force) aufgestellt. Das konkrete Szenario einer militärischen Besetzung der Ölgebiete im Nahen und Mittleren Osten wurde entworfen, eine Gefährdung der Ölquellen zum Ausgangspunkt für einen Dritten Weltkrieg erklärt. Im Frühjahr 1980 vollführten die USA und die NATO einen riesigen Drohaufmarsch im Indischen Ozean und im Golf gegen den Iran. Jimmy Carter drohte mit Krieg. Die Situation ähnelt aufs Haar der jetzigen, nur daß der Kriegsgegner Iran und nicht Irak hieß.

Bereits 1974/75, nach der „1. Ölkrise", wurden entsprechende Szenarien einer Erstürmung der Ölquellen im Mittleren Osten theoretisch durchgespielt. Die „Middle East Task Group“ wurde gebildet und das Pentagon mit der Erstellung von Kriegsszenarien beauftragt. Die Presse der westlichen Welt war voll von Kriegshetze. Das Feindbild waren damals die habgierigen Ölscheichs, die mit dem Finger am Ölhahn die gesamte Welt bedrohen würden, da sie die Industrieländer lahmlegen und die ganze Welt erpressen konnten. Der Hintergrund war der kurzfristige Ölboykott einiger arabischer Länder gegen die USA und die Niederlande infolge des israelisch-arabischen Krieges im Oktober 1973.

Die angebliche Abhängigkeit des Westens vorn arabischen Erdöl war und ist jedoch eine Propagandalüge. Die erdölfördernden und -exportierenden Staaten sind auf Gedeih und Verderb vom Ölexport abhängig, da ihre meist wüstenhaften Länder keinen einzigen anderen nennenswerten Rohstoff und v.a. keine entwickelte Industrie besitzen. Beispiel Irak: der Irak ist zu 95 % abhängig vom Verkauf dieses einen Rohstoffs. Er besitzt keine eigene entwickelte Industrie, nicht einmal eine nennenswerte öl-weiterverarbeitende Industrie.

Es geht also nicht mal um den Besitz der Ölquellen: die gehören dem Westen nämlich ohnehin. Der Irak hat ja auch nicht Kuwait überfallen, um das Erdöl zurückzuhalten, sondern um es zu verkaufen. Es geht allenfalls um den Ölpreis. Die konservativen Golfmonarchien (wie Saudi-Arabien, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate u.a.), die über keinerlei soziale Basis verfügen, betreiben eine Niedrigpreispolitik beim Erdöl. Als parasitäre Marionettenbourgeoisien investieren sie ihre Gewinne nicht im Land, sondern lassen alles Kapital ins westliche Ausland abfließen (Bsp.: Kuwait besitzt 14 °b der Daimler-Aktien). Da sie inzwischen mehr Geld in der westlichen Industrie verdienen als im Erdölgeschäft, sehen sie die Ölförderländer ganz aus der Perspektive der „Ersten Welt" und sind bestrebt, den Ölpreis niedrig und die Ölförderländer abhängig zu halten. Diejenigen Regime jedoch, die sich auf eine (ideologisch begründete) Massenbasis stützen können, nämlich das arabischnationalistische im Irak und das islamisch-fundamentalistische im Iran, sind bestrebt, den Erdölpreis zu erhöhen, um die Erdölgewinne im Inland verwenden zu können (und sei es auch nur für eine militaristische Machtpolitik wie im Irak).

Dem Westen geht es damit auch darum, eine vom Imperialismus unabhängige Entwicklung zu verhindern, wie sie in mehreren arabischen Staaten (Algerien, Libyen. Syrien, im Irak, im Südjemen, früher auch Ägypten) gescheitert ist. Die Militarisierung der Region ist dafür ein treffliches Mittel, weil dadurch nämlich die Ölförderländer gezwungen sind, in der industrialisierten „Ersten Welt“ Waffen und Rüstungsindustrien zu kaufen. Somit fließen die Ölgewinne („Petrodollars") in den Westen zurück, werden in der dortigen Industrie investiert; dies nennt sich „Petrodollar-Recycling". So wurden im iranisch-irakischen Krieg (1980-88) über 100 Milliarden Petrodollars gerecycelt und damit durch das Öl relativ reich gewordene „3. Welt"-Länder an einer unabhängigen Entwicklung gehindert. Darum unterstützte der Westen jahrelang den Aggressionskrieg des Saddam Hussein gegen den Iran und schürte ihn kräftig durch gigantische Waffenlieferungen, aber auch direkte militärische Intervention auf Seiten des Irak („Tankerkrieg" der USA u.a. westlicher Staaten gegen den Iran 1987). Nun, da der Irak die Frechheit besaß, die westlichen Waffen gegen die westliche Marionette Kuwait einzusetzen, werden aus der gesamten Nah- und Mittelost-Region aufs Neue gigantische Mengen an Petrodollars durch Waffenkäufe recycelt. — (bhs)

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