Heft 5 vom 07.03.1991 3/5 scan 2026-05-29

Zur Situation der Erzieherinnen

Kämpferische Bereitschaft nicht vorhanden


Zur Situation der Erzieherinnen

Kämpferische Bereitschaft nicht vorhanden

Konstanz. Der Beruf der Erzieherin ist in den letzten unattraktiver geworden. Zum eine ist die Bezahlung schlecht, zum zweiten steigen die Anforderungen ständig, weil durch die funktionale Erosion der bürgerlichen Kleinfamilie immer mehr erzieherische Aufgaben von gesellschaftlichen Institutionen (z.B. Kindergärten, Horte, Heime) wahrgenommen werden. Auch der Anteil der behinderten und verhaltensauffälligen Kinder ist stark angestiegen. Dadurch dehnte sich der Aufgabenbereich der Erzieherin stark aus. Die Entlohnung ist jedoch schlecht geblieben, und auch die Ausstattung mit Fachpersonal, Räumlichkeiten und Sachmitteln hat nicht mit dem Aufgabenumfang Schritt gehalten.

Schauen wir uns den Kindergartenbereich mal näher an: Offiziell muß z.B. eine Erzieherin eine Gruppe von bis zu maximal 28 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren betreuen. Dies erfordert eine verstärkte Anwendung von repressiven Mitteln, ganz zu schweigen davon, daß dem einzelnen Kind viel zu wenig Zuwendung zuteil wird. Aber auch in etwas kleinenen Gruppen mit zwei erwachsenen Bezugspersonen kann statistisch gesehen jedes Kind nur knapp acht Minuten am Vormittag individuell betreut werden. In der Praxis sieht es häufig so aus, daß ein Großteil der Erziehungsarbeit an den sogenannten auffälligen Kindern geleistet wird, dagegen andere Kinder notgedrungen vernachlässigt werden. Auch die räumliche Enge erzeugt Konflikte und Aggressionen unter den Kindern, wird doch offiziell schon ein Flächenanteil von 2,2 Quadratmetern pro Kind (incl. Mobiliar) als ausreichend betrachtet. Da wundert es nicht, wenn Hindernisse für die Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit nicht beseitigt werden können, und das Ganze endet damit, daß Kinder mehr zur Freude der Erwachsenen beschäftigt werden (z.B. schön basteln und malen). Dies wird dann schon als Förderung des Kindes angesehen.

In größeren Städten hat sich der Unmut der Erzieherinnen über die schlechten Arbeitsbedingungen und die unzureichende Bezahlung schon stärker Luft gemacht, denken wir z.B. an den KitaStreik in Westberlin letztes Jahr. Aber wie ist die Stimmung unter den Erzieherinnen hier in Konstanz und Umgebung. Unmut und Frust sind weit verbreitet. Er äußerte sich bisher eher informell und seit etwa einem halben Jahr auch kollektiver. Immerhin ist es gegenüber früheren Jahren ein Fortschritt, daß sich viele Erzieherinnen trotz der Zersplitterung der Arbeitsstätten gemeinsam getroffen haben, um ihre Unzufriedenheit zu äußern; sowohl untereinander als auch gegenüber ihrem unmittelbaren (in der Regel kirchlichen) Träger als Arbeitgeber. Diese scheinen in der Regel die Erzieherin als aufopferungsvolle Frau zu sehen. Schlechte Arbeitsbedingungen sollen nicht als „Bedrängnis" wahrgenommen werden. Im übrigen reden sie sich damit heraus, daß sie zwar grundsätzlich die Schwierigkeiten der Arbeitssituation der Erzieherinnen einsähen, aber eine Verbesserung der Bezahlung und Arbeitsbedingungen sei von Trägerseite her nicht finanzierbar. Da seien z.B.die Landeswohlfahrtsverbände der richtige Ansprechpartner. Fragt sich nur, wo die ganzen Kirchensteuern bleiben? Außerdem werden 43% des Erzieherinnengehalts von der Stadt und 30% vom Land getragen. Unzufriedenheit unter den konstanzer Erzieherinnen gibt es zuhauf, jedoch ist bisher nur vereinzelt Bereitschaft da, für ihre Vorstellungen und Forderungen auch zu kämpfen bzw. zu streiken, und sei es nur für einen Tag. Mangels Courage wird zur Zeit noch der individuelle „Ausstieg“, sei es der Rückzug aus dem Berufsleben oder Umschulung bevorzugt.

Die Kosten, die bei der öffentlichen Erziehung jetzt gespart werden, müssen in einigen Jahrzehnten für Integrations- und Therapiemaßnahmen aufgebracht werden. Ob sich das langfristig marktwirtschaftlich rechnet? — (anw)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.