Heft 6 vom 22.03.1991 3/6 scan 2026-05-29

Veranstaltung "Befreiung im Singular: Kritik am weiblichen Egozentrismus"



Veranstaltung „Befreiung im Singular: Kritik am weiblichen Egozentrismus“

Im Rahmen der von der Frauenbeauftragten initiierten Veranstaltungsreihe „Frauenthemen" war die Berliner Professorin Christina Thürmer-Rohr am 14.3. an der Universität zu hören. Zu dem angekündigtem Vortrag „Befreiung im Singular: Zur Kritik am weiblichen Egozentrismus“ kamen mehr als 200 Interessierte. Christina Thürmer-Rohr sah sich angesichts des Golfkrieges nicht in der Lage, den erwarteten Vortrag zu halten. Vielmehr bat sie um das Interesse der Zuhörerinnen für einen erst kürzlich erstellten Beitrag, der sich vor allem auf das Verhältnis „Erste Welt — Dritte Welt" beziehe. Sie referierte im folgenden die von Frauen der „Dritten Welt“ formulierte Kritik, daß Frauen aus westlichen Ländern an der Ausbeutung der Menschen aus Trikontstaaten indirekt profitierten. Aufgrund dieser Verantwortung, die niemand in der westlichen Welt ableugnen könne, sei es „Luxus", sich zum Pazifismus, zur Ökologie, zum Feminismus oder zur Reflexion zu bekennen. Wer jeden Krieg verdamme, lasse außer acht, daß die Ausbeutung der armen Länder am besten „funktioniert", wenn Frieden herrscht, d.h. die Ausgebeuteten sich gegen Kolonialismus und Unterdrückung nicht wehren. Wer sich in den westlichen Staaten erst dann engagiert, wenn er Bilder von ölverschmierten Seevögeln sieht und sich wegen der brennenden Ölfelder um das Weltklima sorgt, sei nur am eigenen Wohlergehen interessiert und blende das Morden und Verhungern in südlicheren Regionen aus.

Wer sich hier für mehr Gleichberechtigung und weibliche Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum einsetzt, könne dies nur auf dem Rücken der unterdrückten Menschen in der „Dritten Welt“ tun. Der letzte Vorwurf, der das Nachdenken als luxuriös bezeichnet, richte sich vor allem dagegen, daß im Westen die Menschen alle Zeit zum theoretisieren und diskutieren hätten, während in anderen Teilen der Welt Elend und Tod herrschten.

Frau Thürmer Rohr betonte mehrmals, daß sie keine definitiven Lösungen für die aufgeworfenen Probleme habe, sondern selber voller Fragen sei. Das einzige, was mensch sagen könne, sei, daß es jetzt an „uns“ wäre, den Frauen aus der „Dritten Welt“ zuzuhören und den Anspruch der weißen Frauenbewegung, allen Frauen ihre Auffassung von Feminismus (ungeachtet der vielfältigen kulturellen und politischen Unterschiede) beizubringen, ganz bestimmt falsch gewesen sei. — (ans)

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