Heft 6 vom 22.03.1991 3/6 scan 2026-05-29

Erklärung bundesdeutscher Geschichtswerkstätten

Gegen den Missbrauch historischer Vergleiche zur Rechtfertigung des Golfkriegs


Erklärung bundesdeutscher Geschichtswerkstätten

Gegen den Missbrauch historischer Vergleiche zur Rechtfertigung des Golfkrieges

Mit der Absicht, daß nie wieder Krieg und Völkermord von deutschem Boden ausgehen soll, erforschen die Geschichtswerkstätten historische Themen wie Antisemitismus, den Holocaust, den Völkermord an Sinti und Roma, den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur, Deserteure und die Auswirkung von Kriegen in der Zivilbevölkerung.

Die Menschen in Europa und insbesondere die Deutschen, welche die Verantwortung für zwei Weltkriege tragen, wissen: Krieg ist immer mit ungeheuren menschlichen Opfern, unsäglichem Leid und großen materiellen Schäden verbunden. Es sind diese Erfahrungen, die in der Bundesrepublik einer allgemeinen Kriegseuphorie entgegenstehen. Von kriegsbereiten Politikerinnen und einem Teil der Medien hingegen wird derzeit mit unzulässigen oder verkürzenden historischen Vergleichen versucht, die bereits praktizierte Unterstützung des Golfkrieges und dessen Opfer zu rechtfertigen sowie den Waffeneinsatz der Bundeswehr ideologisch vorzubereiten.

Eine dieser Behauptungen lautet, daß die „historische Verantwortung" gegenüber dem israelischen Staat die Deutschen zur aktiven Teilnahme an diesem Krieg gegen das irakische Volk verpflichte. Als Historikerinnen, die schon lange (und meist vergeblich) „historische Verantwortung" einklagen, bejahen wir das Existenzrecht des israelischen Volkes — wie auch aller anderen Völker des Nahen Ostens. Wenn aber von der „historischen Verantwortung“ der Deutschen die Rede ist, dann besteht diese vor allem darin, Verhältnisse im eigenen Land zu schaffen, die Rüstungsproduktion und Rüstungsexport unmöglich machen. Eine vollständige Umstellung von Rüstungs- auf Zivilgüter-Produktion ist angesichts der Giftgasexporte und gerade vor dem Hintergrund von Auschwitz die historische Verantwortung Deutschlands.

Die „historische Verantwortung" der Deutschen für den Mord an den Menschen jüdischen Glaubens kann nicht mit dem Kriegseintritt an der Seite Israels abgegolten werden. Sie besteht vielmehr darin, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten, die materielle Wiedergutmachung an alle Zwangsarbeiterinnen zu leisten, sowie Rassismus und Antisemitismus den Boden zu entziehen. Wir erinnern in diesem Zusammenhang daran, daß die lautesten Befürworter einer vorgeblichen Solidarität mit Israel genau jene sind, die in der Vergangenheit das staatliche Vergessen und einen neuen Nationalismus befördert haben. Eine Regierung, die in dieser verantwortungslosen Weise Waffenhandel ermöglicht, subventioniert und geduldet hat, sollte nicht von historischer Verantwortung reden, sondern zurücktreten.

Diejenigen, die den Krieg befürworten, vergleichen Saddam Hussein mit Hitler und die Situation am Golf mit derjenigen vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Damit werden nicht nur Hitler und der Nazi-Faschismus verharmlost, sondern auch dem latenten Wunsch Vorschub geleistet, sich der Verantwortung für die deutsche Geschichte zu entledigen. Deutschland, so wird suggeriert, erhalte eine „zweite Chance", sich — diesmal auf der „richtigen" Seite — zugleich mit dem „Hitler von Bagdad" das eigene Versagen 1933-1945 vom Hals zu schaffen, den „Tyrannenmord" nachzuholen, zu dem es damals nicht fähig war.

Die Gleichsetzung „Saddam = Hitler" legitimiert darüber hinaus den Völkermord am irakischen Volk und soll Krieg als das einzig wirksame Mittel der Konfliktlösung erscheinen lassen. Nicht zuletzt richtet sich dieser Vergleich gegen eine der wenigen Konsequenzen, die aus der Erfahrung mit dem Nazi-Faschismus gezogen wurde: Gegen die im Grundgesetz enthaltene Forderung, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe.

Wir Historikerinnen aus den Geschichtswerkstätten warnen vor diesen gefährlichen Verdrehungen historischer Tatsachen und ihrer Indienstnahme zum Zweck der Rechtfertigung des Golfkriegs. Nur der sofortige Stopp dieses Krieges und ein friedlicher Ausgleich der streitigen Interessen können Leben und Sicherheit aller Menschen im Nahen Osten auf Dauer garantieren.

Geschichtswerkstatt Tübingen; Alexander-Seitz-Geschichtswerkstatt Marbach a.N.; Geschichtswerkstatt Achim; Geschichtswerkstatt Marburg; Geschichtswerkstatt Großbottwar; Geschichtswerkstatt Reutlingen; Geschichtswerkstatt St. Ingbert; Geschichtswerkstatt Hannover; Geschichtswerkstatt Berlin; Geschichtswerkstatt Garbsenburg; AK Nachkriegsgeschichte Freiburg, Volker Ilgen, Rainer Gries, Dirk Schindelbeck; Mitarbeiterinnen des Stadtteilarchivs Ottensen e.V.; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten Ba-Wü; Interessengemeinschaft Zwangsarbeit unter dem NS-Regime; Archiv der Münchner Arbeiterbewegung; Fachschaftsrat Geschichte Münster, Geschichtswerkstatt Dortmund; Geschichtswerkstatt Göttingen; Bildungszentrum und Archiv zur Frauengeschichte Baden-Württembergs e.V, Tübingen; Stefan Weigang, Hannover; Marianne Koerner, Göttingen; Prof. Dr. Jutta Held, Universität Osnabrück; Christian Tressel u. Dieter Remig (Geschichtswerkstatt Bonn) sowie Mitarbeiterinnen der Geschichtswerkstatt Filderstadt; AG Stadtgeschichte Salzgitter, Geschichtswerkstatt Gießen-Wetziar.

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.