Schultz-Hector: Alles für die Eliteförderung - auf Kosten der Ausbildung für alle anderen
Schultz-Hector: Alles für die Eliteförderung — auf Kosten der Ausbildung für alle anderen
Mit Beginn des Schuljahres 1991/1992 wird es in Stuttgart, Rastatt, Kirchzarten bei Freiburg und in Meersburg, das als Internat geführt wird, einen achtjährigen Bildungsgang zum Abitur geben. Während die Kultusministerkonferenz im Herbst über die bundesweite Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre beraten wird, hat sie bereits diesem Schulversuch in Baden-Württemberg zugestimmt. Aufnahmekriterien sind eine entsprechende Grundschulempfehlung und ein „persönliches Gespräch" mit dem betreffenden Kind an der aufnehmenden Schule. Die gestrafften Lehrpläne für die Eliteschule, an der Sitzenbleiben mangels Leistungen unmöglich ist, setzen u.a. Selbständigkeit, Kreativität in allen Fächern und Teamwork voraus. Alle Schüler sollen vier Kernfächer als Leistungsfächer mit jeweils fünf Wochenstunden belegen. Daraus werden für das schriftliche Abitur zwei Prüfungsfächer ausgewählt, die als Leistungsfächer abgerechnet werden, sowie ein drittes Prüfungsfach, das als Grundkursfach gerechnet wird. Jeder Schüler muß Geschichte oder Religion als viertes mündliches Prüfungsfach wählen. Während der gesamten Schulzeit bleibt der Klassenverband und damit die Wahl der Fächer erhalten.
Schon vor der Ernennung von Frau Schultz-Hector zur Nachfolgerin von Kultusminister Mayer-Vorfelder machte sie deutlich, daß die Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien eine Sogwirkung auf die Ausbildungszeiten insgesamt entwickeln soll, dabei sollen die Universitäten den Hauptbeitrag leisten. Als Beispiel führte Frau Schultz-Hector an, daß die Ausbildung zum Chemiker an der Universität in Konstanz neun Semester dauere, an der Universität in Clausthal-Zellerfeld beispielsweise 16 Semester. Ähnlich sei es im Studiengang Physik, der in Osnabrück zehn Semester, an der Berliner TU dagegen 17 Semester durchschnittlich dauere.
Als Hauptargumente führt die Landesregierung die zwölfjährige Ausbildungsdauer in der ehemaligen DDR und die unterschiedlichen Ausbildungszeiten innerhalb der EG an, wobei sie jedoch nicht erwähnt, daß in den genannten Gebieten die Hochschulqualifikation auf andere Art und Weise als bei uns erreicht wird. Wie bisher in der DDR schließt in einigen europäischen Staaten die Oberstufe an eine einheitliche Ausbildung für alle Schüler an, in einigen Staaten sogar in Ganztagsschulen.
So dauert beispielsweise die gemeinsame Unterrichtung an den Grundschulen in Frankreich fünf Jahre, in England und Wales sechs Jahre, in Irland und Spanien acht und in Dänemark an der Folkeskole sogar neun Jahre. Damit setzt die Differenzierung also wesentlich später als bei uns ein. Schon jetzt haben ausländische Schüler ungeheure Schwierigkeiten, sich in das bundesdeutsche Ausbildungssystem „einzufädeln“, während es umgekehrt wesentlich einfacher ist, sich in ein Ausbildungssystem einzugliedern, das eine längere integrierte Sekundarstufe I hat.
In bezug auf den kommenden Binnenmarkt 1992 wird es schon jetzt angesichts 100 verschiedener Möglichkeiten, in der Bundesrepublik den Hochschulabschluß zu erhalten, eine Vielzahl von Gleichwertigkeitsprüfungen geben müssen: Soll ein Kind der dänischen Folkeskole in die Haupt-, Realschule oder in ein Gymnasium? Eine noch größere Differenzierung bei uns mit acht- und neunjährigen Gymnasialzeiten wird auch ausländische Schüler noch weiter diskriminieren.
Die Wirkung auf EG-Ebene wird darin bestehen, Elitebildung und Ausdifferenzierung auch auf andere Staaten auszudehnen. Eine Wirkung, die sich bei uns mit dem Argument „EG-Binnenmarkt" schon entsprechend entwickeln konnte. Bereits jetzt existieren in Baden-Württemberg zehn Gymnasien mit bilingualen Zügen in einem verstärkten Französisch- oder Englischunterricht in der jeweiligen Landessprache. Das Freiburger Deutsch-Französische Gymnasium sucht sich nur noch die Jahrgangsbesten aus den Fünftkläßlern heraus. Bei den entsprechenden Leuten macht es einen Unterschied, ob man das Abitur an der Staudinger Gesamtschule oder am Deutsch-Französischen Gymnasium gemacht hat. In einer Expertenrunde des „Stuttgarter-Zeitungs-Clubs" äußerte die Direktorin Schultze-Wolters von IBM Deutschland, daß derjenige, der das Abitur in acht Jahren schaffe, auf jeden Fall mehr Chancen habe, wobei auch eine gewisse „soziale Robustheit“ Voraussetzung sei.
Nicht unerheblich sind sicherlich auch die Kosten, die mit einer achtjährigen Gymnasialzeit eingespart werden können. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat angesichts steigender Schülerzahlen und des Ersatzbedarfes aufgrund der in den nächsten zehn Jahren altershalber ausscheidenden Lehrkräfte und der ausstehenden Arbeitszeitverkürzung für Lehrer für die nächsten zehn Jahre einen zusätzlichen Bedarf von 40700 Lehrerinnen und Lehrern errechnet. Die Landesregierung will offensichtlich alles auf einmal. Mehr Elitebildung bei gleichbleibender Lehrerzahl und das, ohne mehr Geld aus dem Staatshaushalt zur Verfügung stellen zu müssen. Das kann eigentlich nur gehen, wenn die Ausbildung für diejenigen, die nicht zur Elite gehören, verschlechtert wird. — (c.)
Regierungserklärung von Erwin Teufel am 26.2.1991
Wir bekennen uns zum gegliederten Schulwesen, in dem jedes Kind die Schule findet, die seiner Begabung und Leistung entspricht. Wir bekennen uns zum dualen System in der Berufsausbildung, das Schule und Praxis verbindet. Es ist das beste Berufsschulsystem, das wir kennen.
Für unsere Schulen ist die zentrale Herausforderung der 90er Jahre, bedingt durch den europäischen Integrationsprozeß, der Wettbewerb zwischen den nationalen europäischen Bildungssystemen. Die neue Landesregierung wird sich deshalb diesem Wettbewerb stellen und die notwendigen Maßnahmen ergreifen, damit unsere Kinder in diesem Wettbewerb bestehen können und auf das Leben in einem zusammenwachsenden Europa vorbereitet werden.
Ein entscheidender Faktor im internationalen Wettbewerb der Bildungssysteme ist die Zeit der Erstausbildung. Nach meiner Überzeugung kann sich unsere Gesellschaft auf Dauer nicht die ältesten Berufsanfänger und die jüngsten Rentner im internationalen Vergleich leisten. Notwendig ist die Verkürzung der Erstausbildung und eine Intensivierung der Fort- und Weiterbildung. Es gibt dafür keinen einzigen Grund als das wohlverstandene Interesse unserer jungen Menschen. Ich halte die Entwicklung, daß ein Großteil unserer Studienabsolventen erst mit 30 Jahren oder noch später die Möglichkeit erhält, für sich und andere im Berufsleben Verantwortung zu übernehmen, für unzumutbar und schädlich — für die jungen Menschen ebenso wie für unsere Gesellschaft."
Kultusministerin Schultz-Hector zum Haushaltsplan 1991/92
„Die Verkürzung der Ausbildungszeiten wird eine wichtige Aufgabe in den 90er Jahren sein. Dem kann sich auch die Schule insgesamt nicht entziehen. Wir müssen deshalb im Gymnasium denjenigen Schülern entgegenkommen, die mit Fleiß und Können schneller dasselbe Ziel erreichen wollen und können. Viele Kinder sind heute in ihrem Reifeprozeß weiter und können auch früher ins Berufsleben oder ins Studium entlassen werden."
Kultus und Unterricht 7/91