Heft 9 vom 01.05.1991 3/9 scan 2026-05-29

Am 30.4.1991 endet die Friedenspflicht

IG-Metall fordert 10% mehr Lohn, Unternehmer bieten 4%


Am 30.4. 1991 endet die Friedenspflicht

IG-Metall fordert 10% mehr Lohn. Unternehmer bieten 4%

Die diesjährige Tarifrunde in der Metallindustrie verspricht mehr als nur eine Routineangelegenheit zu werden, bei der — nicht unüblich — die Forderung (10%) und das Angebot (4%) addiert und dann halbiert werden. Die baden-württembergischen Metallunternehmer haben die Forderungen der Gewerkschaft (10% mehr Lohn und Gehalt, mindestens jedoch 280.- DM, 168.- DM mehr für Azubis) seit Wochen stur damit beantwortet, daß sie 4% mehr Lohn und Gehalt angeboten haben. Die bisher gültigen Tarifverträge waren abgelaufen und alle Verhandlungen, die in der Zeit der „Friedenspflicht" stattgefunden haben, blieben ergebnislos. Grund: Die Unternehmer hatten nichts zu verhandeln, die 4% waren das erste und letzte Angebot.

Ab 30.4. endet nun die „Friedenspflicht", innerhalb derer Kampfmaßnahmen untersagt sind. Die IG-Metall wird es in dieser Tarifauseinandersetzung sicher nicht schwer haben, ihre Basis in den Betrieben zu mobilisieren; allzu unverschämt ist das Angebot der Unternehmer, nicht nur verglichen mit den Abschlüssen in anderen Tarifbereichen, wie etwa im Bereich der ÖTV, die 6% und deutliche Strukturverbesserungen durchsetzen konnte, allerdings auch nicht nur am Verhandlungstisch, sondern unterstützt durch Streikmaßnahmen. In den „Metall-Nachrichten heißt es dazu: „Mit 4% Einkommenserhöhung wollen uns die Unternehmer vom Verband der baden-württembergischen Metallindustrie (VMI) abspeisen.. . .

4 Prozent wird aber schon die Preissteigerung in diesem Jahr betragen! Von den erhöhten Steuern ganz zu schweigen." Ab dem 30.4. will auch die IG-Metall mit Warnstreiks beginnen.

Gegen die maßlose Knausrigkeit der Metall-Unternehmer hat sich angesichts der hervorragenden Ertragslage („Unternehmer lassen die Sektkorken knallen", FR) aber auch jetzt schon Widerstand geregt: 15 000 Beschäftigte bei Mercedes-Benz in Sindelfingen verlängerten ihre Vesperpause um eine halbe Stunde; in Mannheim verließen 8 000 ihren Arbeitsplatz und gingen auf den Hof.

Ansätze betrieblicher Aktivitäten gibt es auch in der Region. So hat der Vertrauensleutekörper der IG-Metall bei den Bodenseewerken in Überlingen in einem Flugblatt an die Belegschaft anschaulich erläutert, warum ein Ausgleich für die Teuerung und eine Teilhabe am Produktivitätszuwachs notwendig sind. Bei einem Umsatz von ca 260 Millionen Mark 1990 konnte ein Bruttogewinn von über 13% erzielt werden. Die Forderungen der IG-Metall sind also finanzierbar.

Am 23.4. beteiligten sich auch 50 Kollegen aus der Verwaltungsstelle Singen an einer Protestaktion vor dem Verhandlungslokal der Tarifparteien in Freiburg. Sie forderten die Unternehmer auf, den Verhandlungstermin ernst zu nehmen und ein echtes Angebot zu machen. Diese aber blieben hart und boten weiterhin nur 4%. Weitere Verhandlungen wird es deshalb zunächst nicht mehr geben, worüber auch? — Die versammelten Kollegen verabschiedeten eine Resolution, in der sie am Schluß feststellten: „In sieben Tagen endet die Friedenspflicht.“ Die Feststellung kann wohl getrost als Drohung verstanden werden. Für den 30. April sind in verschieden Firmen bereits Warnstreiks angesagt.

Wer sich die Frage stellt, ob die Forderungen der IG-Metall nicht unsolidarisch gegenüber den Beschäftigten „drüben" seien, sollte wissen, daß sich deren Lohn und Gehalt prozentual nach den hier vereinbarten Tarifen richten, also indirekt auch das Arbeitslosengeld. Und auf dieses werden viele angewiesen sein.— (uli.wmo)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.