Heft 9 vom 01.05.1991 3/9 scan 2026-05-29

1. Mai-Aufruf des DGB

Soziale Einheit in Frieden und Freiheit


1. Mai-Aufruf des DGB

Soziale Einheit in Frieden und Freiheit

Der Aufruf des Deutschen Gewerkschaftbundes zum 1. Mai ist geprägt von der Annektion der DDR durch die BRD. „Zum ersten Mal seit der Zerschlagung der freien Gewerkschaften durch die Nazidiktatur im Jahre 1933 rufen wir — der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Gewerkschaften — alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im geeinigten Deutschland auf, sich an unseren Veranstaltungen und Kundgebungen zum 1. Mai zu beteiligen. Als freie, von Staat, Parteien und Arbeitgebern unabhängige Einheitsgewerkschaften richten wir unsere Forderungen an all diejenigen, die in Staat und Wirtschaft Verantwortung tragen.“ Die Forderungen, die dann aufgestellt werden sind unvollständig und bieten auch 'kaum Ansatzpunkte für eine konkrete Kritik an den Verhältnissen in Deutschland. So werden z.B. unter der Überschrift „Den Sozialstaat verwirklichen" „nur“ die Lebensbedingungen der Menschen in den neuen Bundesländern angegriffen, dann auf das Sozialstaatsgebot verwiesen und regeln wird sich das dann offensichtlich alles von allein. So jedenfalls scheint es der DGB zu sehen. Im Passus „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ wird der DGB unter Berücksichtigung z.B. der Tarifergebnisse der IGMetall in Ost-Berlin schon fast unverschämt. Stufenpläne, die festschreiben, daß eine Gleichstellung der Arbeitsbedingungen erst bis 1996 realisiert wird, werden als Mittel dargestellt, die das Ziel der Gleichbehandlung verwirklichen helfen. Zur Ausländerpolitik und zu faschistischen Umtrieben und -Terror wird in dem Aufruf überhaupt nicht Stellung bezogen. In Anbetracht der Lage hätte der Aufruf kämpferischer sein müssen. Vielleicht trugen die jüngsten Angriffe der Kapitalisten und aus Regierungskreisen gegen die Gewerkschaften dazu bei, daß dies nicht so ist. Der DGB Konstanz mobilisiert mit einem eigenen Flugblatt ohne inhaltlichen Beitrag zur 1. Mai-Veranstaltung. Der zentrale Aufruf war erst nach zweimaligem Nachfragen in der Geschäftsstelle zu bekommen — und dann nicht im Original, sondern nur als Kopie. — (wmo)

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