Heft 14 vom 11.07.1991 3/14 scan 2026-05-29

Daimler-Benz: Reuter attackiert Gewerkschaften

Anlässlich der Aktionärsversammlung Protestaktionen von Belegschaften und Kriegsgegnern


Daimler-Benz: Reuter attackiert Gewerkschaften

Anläßlich der Aktionärsversammlung Protestaktionen von Belegschaften und Kriegsgegnern

Beschäftigte von Daimler-Benz demonstrierten vor der Aktionärshauptversammlung am 26. Juni 1991 in Stuttgart-Bad Cannstatt. Aus Wilhelmshaven kam eine Delegation von AEG Olympia. Von 1978 bis heute ist dort die Belegschaft von 11 000 auf 2720 Personen verringert worden. Die Schließung des Standorts droht. Aus Eiweiler im Saarland kam eine Delegation, um gegen die Schließung des dortigen Werks zu demonstrieren, das der Daimler-Benz Tochterfirma DASA gehört. Beide Werke liegen in strukturschwachen Regionen. Der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet für viele Beschäftigte Langzeitarbeitslosigkeit. Den Aufgang von den Parkplätzen zur Aktionärsversammlung säumten außerdem zehn Särge aus Pappe. Abwechselnd legten sich fünf Mitglieder der Kampagne „Entrüstet Daimler" vor die Särge und demonstrierten als „lebende Leichen“. All dies schreckte aber den Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter recht wenig. Stattdessen blies er zum Angriff auf die Gewerkschaften. Er kritisierte in recht scharfer Form den letzten Tarifabschluß, drohte unverhohlen mit Produktionsverlagerungen nach Osteuropa und Fernost und ließ Gewerkschaft, Betriebsräte und Belegschaften spüren, wie wenig die Konzernspitze auf die Interessen der lohnabhängig Beschäftigten eingehen wird. Für 1991 kündigte er eine Steigerung des Umsatzes um 11 Prozent auf 95 Milliarden DM an. Die Golfkriegsgegner verunglimpfte er als Irrläufer, die für eine Welt ohne Sicherheit eintreten würden. Den in der.Halle anwesenden Demonstranten aus Wilhelmshaven versprach er die Schließung ihres Standortes, obwohl kurz vorher noch der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Feuerstein von konkreten Signalen für den Erhalt des Standorts gesprochen hatte. Der größte Industriekonzern der BRD läßt die Waffen klirren, weltweit und im eigenen Haus. Im neu erschienenen Geschäftsbericht verspricht Reuter den Aktionären Kostensenkung. Er schreibt: „Das Haus Daimler-Benz betreibt denn auch seine bereits seit längerer Zeit laufende Durchforstung der Kosten mit zusätzlichem Nachdruck und noch ehrgeizigeren Zielsetzungen. Wir versprechen uns davon für die nächsten vier bis fünf Jahre eine nachhaltige konzernweite Senkung des Kostenvolumens in einer Größenordnung von vier Milliarden DM.“ Dabei wird vor nichts zurückgeschreckt, nicht vor Stilllegung in strukturschwachen Gebieten, nicht vor Rüstungsexporten, nicht vor dem Abbau von Sozialleistungen.

„Sehnsucht nach dem weiten großen Meer“

Vorstandsvorsitzender Edzard Reuter fordert eine neue Konzernkultur. Die Arbeiter sollen dem Konzern nicht nur mit ihrer Arbeitskraft zur Verfügung stehen, sondern mit Begeisterung sich dem Konzern unterwerfen. Das senkt die Kosten. Letztes Jahr hatte Reuter mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupery die Aktionärshauptversammlung eröffnet: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufträge zu vergeben und Arbeit zu verteilen — sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten großen Meer.“ Das zu bauende Schiff ist die weltweite Führungsrolle des Daimler-Benz-Konzerns. Wie der Belegschaft die Sehnsucht dazu eingebleut wird, das zeigen die Erfahrungen der letzten zwölf Monate. Laut Reuter ist das Ziel des Konzerns „eine friedliche Welt mit umweltverträglichem Wohlstand für alle:“

„Wohlstand für alle“

Wie sieht dieser Wohlstand für alle in Wirklichkeit aus? Kostensenkungsprogramme werden eingeleitet, die dazu führen, daß im Werk Kassel die ersten Abteilungen in 91/4-Stunden-Schichten arbeiten und daß die bezahlte 1/2 Stunde Pause für die Dreischichter gestrichen werden soll.

• In Untertürkheim laufen Bestrebungen, für bestimmte Engpaßbereiche die tägliche regelmäßige Arbeitszeit pro Schicht auf 10 Stunden auszuweiten. Für Personalvorstand Topitzsch ist die Richtung schon heute klar: Die täglichen Arbeitszeiten müssen sich stärker an der maximal möglichen Auslastung der Anlagen und den konkreten Bedürfnissen der Produktion vor Ort orientieren. Seine Vorstellungen im Klartext: Vier Tage mit Schichten an eun Stunden oder drei Schichten am Tag mit je sieben Stunden . . .

• Weniger spektakulär aber genauso brisant sind die vielen schleichend ablaufenden Veränderungen. So soll zum Beispiel die jedem Akkordarbeiter zustehende Verteilzeit von 5% auf 3,5% gekürzt werden.

  • Pausen werden in immer mehr Bereichen durchgefahren. Aber auch die Angestellten sehen sich einem ständig größeren Druck ausgesetzt. So sollen nach einer OGK- (d.h. Optimierung Gemeinkosten) Analyse allein in der Zentrale 3000 Arbeitsplätze eingespart werden.
  • Die Gruppenarbeit, die nun nach Opel auch bei Mercedes-Benz Einzug hält, ist in der von der Firma gewollten Form ein geschickt verpacktes Kostensenkungs- und Produktivitätssteigerungsprogramm. Die Produktivität soll mitdieser Arbeitsorganisation um bis zu 15% steigen.

„Unsere Sehnsucht ist eine friedliche Welt“

Doch „leider“ braucht die Welt dafür Waffen und Daimler-Benz nutzt die Möglichkeiten, besser ins Geschäft zu kommen. Die Daimler-Benz Tochter MBB steht mit der südkoreanischen Regierung in Verhandlung über die Lieferung von Tornado-Flugzeugen. Nach Indien soll Raketentechnik geliefert werden. Mit dem französischen PeugeotUnternehmen Panhard erstellt DaimlerBenz eine „Machbarkeitsstudie“ zum Bau eines Radpanzers. Bekannt ist, daß die geplanten deutsch-französischen Militärfahrzeuge in erster Linie für den Export bestimmt sind — und da kennt sich Panhard bestens aus. Das Unternehmen belieferte bisher 40 Länder mit Panzerwagen. Zudem bereiten MBB und das französische Staatsunternehmen Aerospatiale gerade den Bau eines gemeinsamen Militärhubschraubers vor, für den jetzt schon völlige Exportfreiheit vereinbart wurde.

Beispiele für Rüstungsexporte: * Kurdistan: Nach Angaben des ARDFernsehmagazins „Monitor“ soll MBB bis 1990 Spezialhubschrauber zur Bekämpfung kurdischer Aufstände in den Irak geliefert, munitioniert und gewartet haben. ' Irak: 20 Sattelschlepper mit Tiefladern für den Transport von 75 Tonnen und mehr (Typ MB 3336/A) lieferte Mercedes-Benz an den Irak. Die von Daimler als Panzertransporter angebotenen Tieflader wurden bei der Firma Marrel in Wülfrath für den Transport von Scud-Raketen präpariert. Für die Lieferung unter dem harmlosen Namen „Projekt 144“ lag keine Genehmigung des Bundesamtes für Wirtschaft vor.

Steuergeschenke: „Neid muß man sich hart erarbeiten“

meinte Reuter. Reuter arbeitete so hart, daß der Daimler-Benz-Konzern allein 1989 staatliche Gelder in Höhe von 2,7 Milliarden DM für Forschungszwecke kassierte. Zum Vergleich: 1990 zahlte Daimler-Benz Steuern in Höhe von 2,4 Milliarden DM. Mit 4,37 Milliarden Mark floß jede fünfte Mark, die der Bund von 1983 bis 1989 zur Förderung rein ziviler Entwicklungen in der Wirtschaft ausgab, an Unternehmen, die der Stuttgarter Konzern mittlerweile unter seinem Dach vereinigt hat. Neben solchen Summen verblassen selbst die Forschungszuwendungen an ganze Bundesländer.

Quellen: Daimler-Benz Geschäftsbericht für 1990. „Entrüstet Daimler!“, Ergänzungen zum Geschäftsbericht 1990. Hrsg: Stuttgarter Koordinierungskreis der Aktion „Entrüstet Daimler“. Bezugsadresse: OHNE RÜSTUNG LEBEN, Furtbachstr. 10. 7000 Stuttgart 1. Tel: 0711/ 6409620 — (ros)

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