Heft 15 vom 25.07.1991 3/15 scan 2026-05-29

"Kreuz und Schwert" - Ausstellung im Schloss Mainau



Nach Morden verstärkter Widerstand des kurdischen Volkes

Aus Erklärungen nach dem Mord am HEP-Vorsitzenden von Amed und Massendemonstrationen in Kurdistan

Vedat Aydin, Bezirksvorsitzender der HER (Partei der Arbeit des Volkes), ermordet

Kurdistan-Komitee in der BRD e.V. 9. Juli 1991

In der Nacht des 4. Juli war der HEP-Bezirksvorsitzende von Amed (Diyarbakir) Vedat Aydin von Todesschwadronen des Amtes für Spezialkriegsführung verschleppt worden und war seither spurlos verschwunden. Vier als Polizisten verkleidete Mitglieder der für den kolonialfaschistischen türkischen Staat im Rahmen seiner Konterguerillaaktivitäten tätigen Mörderbande haben Vedat Aydin gegen Mitternacht unter dem Vorwand, eine Aussage von ihm aufnehmen zu wollen, mitgenommen. Seither war er spurlos verschwunden. Alle Bemühungen seiner Familienangehörigen, Parteifreunde, des IHD (Menschenrechtsverein) und verschiedener demokratischer Institutionen, etwas über seinen Verbleib und sein Schicksal in Erfahrung zu bringen, blieben erfolglos, da die türkischen Behörden behaupteten und behaupten, von nichts zu wissen — bis am 8. Juli auf einem Landstück seine Leiche gefunden wurde, mit unzähligen Einschüssen und Spuren von Folter.

In den letzten Wochen hat der kolonialfaschistische Staatsterror in Nordwestkurdistan einen Höhepunkt erreicht. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, daß zur gleichen Zeit die „internationalen Eingreiftruppen“ angeblich zum „Schutz" der Kurden in Südkurdistan (irakisch besetzter Teil unseres Landes) vor Saddam Hüsseyin ausgerechnet in Nordwestkurdistan (I), also im türkisch besetzten Teil unseres Landes, stationiert werden sollen, zu der dieser grausame Staatsterror an der kurdischen Zivilbevölkerung von dem engen NATO-Verbündeten, dem türkischen Staat, immer massiver wird. Wir halten es für notwendig und auch für die Pflicht der europäischen Presse, vor allem dann, wenn diese sich dem Schutz der Menschenrechte und der Demokratie verbunden fühlt, nicht nur über die schreckliche Lage der Kurdinnen und Kurden im irakisch besetzten Teil Kurdistans zu berichten, sondern die Aufmerksamkeit auch auf den blutigen Staatsterror im türkisch besetzten Teil zu lenken. Denn dort, in Nordwestkurdistan, ist die Lage zunehmend gespannt und neue Massaker deuten sich an.

Das kurdische Volk läßt sich auch von dem immer brutaler werdenden Staatsterror nicht einschüchtern und von seinem gerechten Kampf um Demokratie, Unabhängigkeit und Freiheit nicht abbringen Die Nachricht von der grausame Ermordung Vedat Aydins hat eine Welle des Protestes ausgelöst. . . Nur eine Berichterstattung über die tatsächlichen Verhältnisse und über die grausame Vernichtungspolitik am kurdischen Volk durch den NATO-Bündnispartner Türkei

kann ein erneutes Massaker an der kurdischen Zivilbevölkerung, das abseits der internationalen Aufmerksamkeit erst ermöglicht wird, noch verhindern. Dieser brutale Mord an Vedat Aydin durch die Todesschwadronen des Amtes für Spezialkriegsführung des türkischen Staates müßte Grund genug sein, in der europäischen Presse diesen schmutzigen und unmenschlichen Spezialkrieg zu verurteilen und durch internationalen Druck zu versuchen, diesen endlich zu stoppen.

Beerdigung des ermordeten HEP-Vorsitzenden wurde zur Massendemonstration**

Kurdistan-Komitee in der BRD. 10.7.1991, 21.45 Uhr

Heute, am 10, Juli 1991, wurde Vedat Aydin in Diyarbakir beerdigt. Vedat Aydin war am 4.7. von vier als Polizisten verkleideten Männern unter dem Vorwand, eine Aussage aufnehmen zu wollen, aus seinem Haus verschleppt worden. Seine Entführer sind Mitglieder der Todesschwadrone des „Amtes für spezielle Kriegsführung“ der Türkischen Republik. Schon als seine Leiche gefunden wurde und sich herausstellte, daß Vedat Aydin grausam gefoltert und ermordet wurde, erhob sich in ganz Nordwestkurdistan (türkisch besetzter Teil unseres Landes) eine Welle des Protestes gegen diesen erneuten Akt des Staatsterrors. Heute, am Tag der Beerdigung, die zur Massendemonstration gegen diesen Staatsterror wurde, antwortete das türkische Regime mit grenzenloser Steigerung seines Terrors gegen die kurdischen Massen.

In Diyarbakir stand das Leben heute still. Alle Geschäfte beteiligten sich an der Rolladenschließaktion, die Atmosphäre war äußerst gespannt. Schon gestern nacht ab 24 Uhr wurden alle Menschen, die auf der Straße angetroffen wurden, verhaftet und erst heute morgen wieder freigelassen.

Ab 13 Uhr (10.7.91) war die ganze Stadt mit Kommandoeinheiten und Panzern umzingelt, die Telefonleitungen kritischer Zeitungen unterbrochen. Es herrschte Ausgangsverbot.

Aus allen Teilen des Landes kamen unendlich lange Fahrzeugkolonnen mit Menschen, die an der Beerdigung teilnehmen wollten, darunter auch der Generalsekretär der HEP (Partei der Arbeit des Volkes) und Abgeordnete.

Um 16.30 Uhr wurde der Demonstrationszug von über 30000 Menschen von Polizisten und Soldaten angegriffen und auseinandergeschlagen. Zwischen Polizei und Militärkräften und etwa 10000 Demonstranten entwickelte sich eine Straßenschlacht, die immer heftiger wurde. Es heißt auch, daß die Guerilla eingegriffen haben soll. Bis 16.30 Uhr wurden drei Tote und 30 Verletzte durch Schüsse von Zivilpolizisten bekannt. Abgeordnete von Diyarbakir waren am Nachmittag im Hotel eingekesselt.

Bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg nach Diyarbakir zur Beerdigung kamen fünf Menschen aus Adana ums Leben und mehrere wurden verletzt.

Ein aus 7000 Fahrzeugen bestehender Konvoi wurde am Stadtrand von Diyarbakir von Polizeikräften angegriffen, die Menschen verteidigten sich mit Stöcken und Steinen. Der HEP-Generalsekretär Fehmi Isiklar hielt eine Rede, dann setzte sich der Zug Richtung Friedhof in Marsch. Der Sarg Vedat Aydins war in eine Fahne der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) gehüllt, und es wurden ständig Parolen gegen den faschistischen türkischen Staat und für den nationalen Befreiungskampf Kurdistans und die PKK gerufen.

Spezialteamkräfte und Zivilpolizisten eröffneten das Feuer auf die Demonstranten. Alle marschierten jedoch trotzdem entschlossen weiter. Etwa 30000 Menschen erreichten den Friedhof im Stadtteil Mardinkapi und begannen dort einen Sitzstreik. Die ganze Gegend um den Friedhof wurde umzingelt, und die staatlichen Sicherheitskräfte verwehrten der Presse und Abgeordneten den Zugang.

10000 Menschen, die aus Mardin gekommen waren, wurden bereits vor der Stadt aufgehalten. Auch in Batman, Ergani und Diyarbakir fanden Protestaktionen wie Rolladenschließungsaktionen statt. Später wurde dann der Bus des HEP-Generalsekretärs Fehmi Isiklar und der Abgeordneten mit vom Hubschrauber geworfenen Bomben angegriffen. Dabei wurden der HEP-Generalsekretär Fehmi Isiklar und die Abgeordneten Ibrahim Aksoy. Ahmet Türk, Adnan Ekmen und die HEP-ZK-Mitglieder Ibrahin Incedursun und Sirri Sakik verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert. Ekmans Lage ist sehr bedrohlich. Incedursun hat schwere Schußverletzungen, und Fehmi Isiklar wurde durch Knüppelschläge und Fußtritte schwer verletzt. Auch seine Lage ist bedrohlich.

Am späteren Nachmittag befanden sich mehrere hunderttausend Demonstranten in und an den Zufahrten von Diyarbakir.

Soeben erreicht uns die Nachricht, daß es inzwischen 20 Tote gibt und viele Journalisten der kurdischen Zeitung „Yeni Ulke" (Neue Heimat) und Mitglieder der Menschenrechtsvereine und Rechtsanwälte schwer verletzt worden sind und es von vielen keine Spur gibt. Der HEP-Abgeordnete der Provinz Kars, Mehmut Alinak, erklärte telefonisch vom Demir-Hotel: „Wir wurden Zeugen davon, daß der Staat offiziell den Krieg eröffnet hat. Es wurde ohne jeden Grund auf die Menschen geschossen, wer immer zu treffen war. Viele Menschen sind tot oder verletzt.“

Hunderte von Personen verschwinden

ERNK (Nationale Befreiungsfront Kurdistans) Europaorgamsation, 13. Juli 1991

Während der Beerdigung des HEP-Vorsitzenden von Diyarbakir, Vedat Aydin, am 10. Juli schossen die Sicherheitskräfte des kolonialistischen türkischen Staates in die Menschenmenge. Über die Zahl der Toten und Verletzten gibt es keine genauen Angaben, obwohl bereits drei Tage seitdem vergangen sind. Das Leben der ca. 1 000 Personen, die verschwunden sind, ist in Gefahr.

Der kolonialistische türkische Staat weigert sich beharrlich, genauere Informationen über die Menschen zu geben, die er ermordet, verletzt und interniert hat. Am 10. Juli 1991 schossen die Spezialeinheiten während der Beerdigung willkürlich auf die Menschenmenge und warfen Tränengas, das Informationen zufolge Vergiftungen hervorruft. Viele der Menschen, die sich davor schützen wollten, stürzten von 40 bis 50 Meter hohen Felsen herunter. Ein Tag nach dem Ereignis schossen Spezialeinheiten und Soldaten auf die Personen, die in einem Garten in der Nähe der Felsen nach ihren toten oder verletzten Verwandten suchten. Niemandem wird gestattet, das Gelände zu betreten. Die Türkische Republik (TR) plant, die Toten und Verletzten heimlich zu beseitigen, um ihre Verbrechen zu vertuschen. Dies ist einer der Gründe, warum die Zahl der Toten nicht bekannt werden konnte.

Die meisten der Verletzten scheuen sich, zur Behandlung in staatliche Krankenhäuser und Institutionen zu gehen, da sie Internierung und Folter befürchten. Viele Menschen wurden vom Staat gefangen genommen, doch die TR gibt keine Informationen an die Öffentlichkeit über sie. Es wird geplant, auch diese Gefangenen zu massakrieren. Einige der verletzten Augenzeugen, die als gesund aus dem Krankenhaus entlassen wurden, berichten, daß auch Ärzte und Krankenschwestern, die die Verletzten gut behandelt haben, unter Druck gesetzt werden und gegen sie Terror ausgeübt wird. Die Zahl derjenigen, deren Leben ernsthaft in Gefahr ist und über die man bislang keine Nachricht erhielt, liegt bei ca. 1000. (Wir geben die Namen der 208 vermißten Personen, die wir erfahren konnten, in der heiligenden Liste bekannt.)

Das kurdische Volk nimmt die unmenschliche Grausamkeit des türkischen Staates nicht hin und schaut nicht tatenlos zu. Aus Protest gegen dieses Vorgehen haben Händler am 12. Juli in Diyarbakir, Idil, Kiziltepe, Mus. Lice. Bismil, Tatvan und einigen anderen Städten ihre Läden und Betrieben geschlossen. Auch unser Volk, das im Ausland lebt. verurteilt die Massaker der TR voller Haß und führt verschiedene Aktionen durch. Die Todesschwadronen, die den patriotischen kurdischen Politiker Vedat Aydm ermordeten, haben Todeslisten aufgestellt. Die Gefahr, daß die meisten Vermißten, von denen man seit Tagen keine Nachricht erhalten konnte, auf diese Listen kommen und ermordet werden, ist groß. Wir rufen die internationalen Institutionen und die europäischen Staaten dazu auf. sich um den Verbleib dieser Menschen. die in Lebensgefahr sind, zu kümmern. Sie müssen die türkische Regierung mit effektiven Maßnahmen unter Druck setzen und Delegationen bilden. die die Verbrechen, die der türkische Staat in Kurdistan verübt, an Ort und Stelle eingehend prüfen. Es darf nicht vergessen werden, daß solche Bemühungen. einen großen Beitrag zur Rettung der zu Hunderten verschwundenen Menschen, die in Lebensgefahr sind, leisten. Wir rufen die internationalen Presseinstitutionen, die in der Vergangenheit ähnliche Verbrechen vieler faschistischer Diktaturen angeprangert und eine ausgesprochen große Rolle bei der Rettung der Menschheit von der Plage solcher Regimes gespielt haben, dazu auf, in derselben Weise die Massaker des faschistischen türkischen Regimes an Ort und Stelle in Kurdistan zu untersuchen und die gleiche Rolle auch in unserem Land Kurdistan zu spielen.

„Kreuz und Schwert“ — Ausstellung im Schloß Mainau

Unter dem Titel „Kreuz und Schwert — Der Deutsche Orden in Südwestdeutschland, in der Schweiz und im Elsaß" läuft seit dem 24. Mai eine Ausstellung im Schloß Mainau, die noch bis zum 28. Juli besucht werden kann. Zwei Gründe sind vermutlich ausschlaggebend, den Deutschen Orden gerade hier öffentlichkeitswirksam präsentieren zu wollen: Zum einen konnte er 1990 auf sein 800 jähriges Bestehen zurückblicken, zum zweiten war die Mainau von 1272 bis zur Aufhebung des Ritterordens im Jahre 1805 DeutschordensKommende. Seit 1930 befindet sich die Insel Mainau im Besitz des schwedischen Königshauses.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts setzte sich der Deutsche Orden an der Weichselmündung fest und beherrschte dank seiner Brutalität bald das Land der Pruzzen (Preußen). Durch geschickte Bündnispolitik dehnte der Orden seine Herrschaft in kurzer Zeit über das ganze Baltikum aus. 1242 konnte Nowgorod den Deutschrittern eine militärische Niederlage zufügen und so dessen weitere Ostexpansion eindämmen. In der Schlacht bei Grunwald im Jahre 1410 wurde der Deutsche Orden von Polen und Litauern besiegt und büßte in den folgenden Jahrzehnten seine hegemoniale Stellung in der baltisch-westslawischen Region ein. In Preußen und im Baltikum hauste der Orden vandalistisch und blutrünstig. Wer nicht „freiwillig" in das Joch der feudalen Sklaverei und der sogenannten Christianisierung wollte, wurde massakriert. Doch darüber erfährt der Besucher der Ausstellung nichts. Es wäre ja auch eine Verfehlung des Ausstellungsthemas. Er kann es höchstens ahnen, wenn er Auszüge aus der Deutschordensregel vom 13. Jahrhundert liest: Der Deutsche Orden „ist geziert mit manch ehrsamen Glied, denn sie sind Ritter und erwählte Streiter, die aus Liebe zum Gesetz und zum Vaterland die Glaubensfeinde mit starker Hand vernichten. Sie empfangen auch aus überfließender Liebe die Gäste, Pilger und armen Leute. Sie dienen auch voller Milde und mit glühendem Geist den Siechen, die im Spital liegen.“ Jedoch sein humanitäres Anliegen ist dem einfachen Volk wohl nicht so bekannt gewesen, denn es kursierte im 15./16. Jahrhundert folgender Spottvers: „Essen, trinken, schlafen gähn, ist alles, was die Deutschen Herren han.“ Aber immerhin, die Macher der Ausstellung haben nicht nur den Mut, ein solches Verslein zu zitieren, sondern lassen sogar noch einen „Anonymus aus der Redaktion der Kommunistischen Volkszeitung, Frankfurt am Main, 1977" zu Wort kommen: „.Nach Nowgorod, nach Nowgorod!' war die Losung der Kaufherren von der Deutschen Hanse. Ihr Interesse am Handelsmonopol und Monopolprofit war die treibende Kraft der Feldzüge. Mit dem Ruf .Taufe oder Tod' führten die Ritter vom Deutschen Orden die Losung der Kaufherren durch und zogen gegen die Völker des Ostens.“

Außer diesen und noch einigen nicht erwähnten bemerkenswerten Zitaten, sind die meisten Exponate nicht besonders umwerfend. Ich persönlich war nur von einigen Bildern in Holzeinlegearbeit besonders angetan. Ansonsten sieht man — abgesehen von Waffen aus der Ritterzeit — das Übliche, was in jeder Domschatzkammer auch ausgestellt ist, auf der Mainau aber in der Regel auf einem ästhetisch niedrigeren Niveau: So zum Beispiel Handschriften, gedruckte Bücher, Urkunden mit Siegeln, Meißener Porzellan, Gemälde, Kelche, Monstranze, Umhänge für den repräsentativen Gebrauch etc. In Relation zu den vielen Inseltouristen suchen nur wenig Leute die Ausstellung auf. Etliche Be5"- eher verzichteten auch auf die Ausstellung, weil sie nach elf Mark Eintritt für die Insel noch eine zusätzliche Mark für die Ausstellung berappen mußten. Nur als Konstanzer hat man es da besser. Man zahlt ..nur' sechs Mark für Inselbesuch und Aus Stellung. — (anw)

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