Wohnungsnot wächst weiter
Wohnungsnot wächst weiter
Wobak-Geschäftsbericht mit neuen Hiobszahlen
Konstanz. The same procedure as every year — oder Jedes Jahr das alte Lied: Der Geschäftsbericht der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (Wobak) für das Jahr 1990 liest sich über weite Stecken wie ein Protokoll des Versagens der Marktwirtschaft in Sachen Wohnungsbaupolitik. Erneut hat sich die Wohnungsnot in einem Ausmaß verschärft, das sogar dem „Südkurier“ das Attribut „dramatisch" abnötigt.
Gegenwärtig stehen in der 75000 Einwohner zählenden Stadt Konstanz mehr als 2700 Wohnungssuchende auf den Wartelisten der Wobak, das sind ungefähr 3,6% der Gesamteinwohnerzahl und außerdem rund 400 mehr als noch vor einem Jahr. Damit ist jedoch die Zahl der Wohnungssuchenden keineswegs exakt beziffert, denn vermutlich nocheinmal soviele gehen — aus unterschiedlichen Gründen — gar nicht erst zur Wobak und lassen sich registrieren.
Ebenfalls 400 dieser Wohnungssuchenden stuft die Wohnungsbaugesellschaft selbst in die Kategorie „ausgesprochene Notfälle" ein, mit anderen Worten: es handelt sich um Leute, die praktisch auf der Straße stehen. Diese, inzwischen auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit mit regelmäßigem Lamento beklagte Entwicklung ist nichts anderes als die Folge des ganz normalen Kapitalismus. Denn die Besitzer der Ware Wohnraum verhalten sich in geradezu klassischer Weise marktkonform: Sie treiben die Preise für eine knappe Ware 1 in die Höhe — so lernt's jeder BWLer im ersten Semester. Insofern ist der alljährliche Wobak-Geschäftsbericht das Eingeständnis, daß es der Markt eben nur für die (Wohnungs-)Besitzer richtet, während alle anderen in den Mond schauen. Denn, und das mag auch ein Grund für die plötzliche öffentliche Wahrnehmung des Problems sein, von „der Wohnungsnot sind keinesfalls nur die ärmeren und sozialschwachen Bevölkerungsteile betroffen, sondern auch der Mittelstand und die nach normalen Maßstäben eigentlich ganz gut verdienenden Bürger“, vermeldet Klaus-Jürgen Zierow, der neue Chefleitartikler des „Südkurier“, ob dieser Tatsache offenkundig besonders besorgt. (Nebenbei übrigens: den Namen wird man sich merken müssen, denn so rechts, wie der Mann schreibt, will er beim schwarzen Heimatblatt was werden.)
Tatsächlich jedoch trifft die Wohnungsnot nach wie vor hauptsächlich diejenigen am härtesten, die sowieso kaum etwas haben und dafür zumeist noch schwer schuften müssen. So befinden sich unter den 2700 Wohnungssuchenden über 400 Menschen ohne deutschen Paß, das entspricht einem Anteil von ca. 15%; ihr Anteil an der Konstanzer Gesamtbevölkerung liegt dagegen unter 10%. Auch ansonsten trifft diese Aussage zu: bei weiteren 16 Prozent der Wohnraumsuchenden handelt es sich um junge Familien mit einem oder mehreren Kindern, bei 15% um Alleinerziehende (Mütter), 13% in Wohnungsnot sind ältere Menschen, 10% Schwerbehinderte, 6% kinderreiche Familien. Aus- und Übersiedler, die sich ihr Dasein im „Vaterland" bestimmt auch anders vorgestellt hatten, schlagen mit weiteren 16 % in der Wobak-Statistik zu Buche. Allen gemeinsam: Sie sind arm.
Wie ein Hohn muß es in diesem Zusammenhang wirken, wenn der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Werner Straub ausführt, die Stadt Konstanz habe „dem sozialen Wohnungsbau einen sehr hohen Stellenwert beigemessen.“ Die Zahlen für das vergangene Jahr belegen, wie weit es mit diesem Stellenwert her ist: 1990 konnte die Wobak sage und schreibe 31 (!) öffentlich geförderte Mietwohnungen (an der Petershauser Straße, im Bereich des ehemaligen Klosters Petershausen) fertigstellen, weitere 32 sollen im Herbst 91 dazukommen. Das war's dann auch schon. Selbst wenn das von der Wobak formulierte „ehrgeizige Ziel“, künftig jedes Jahr 100 neue Mietwohnungen fertigzustellen, eingehalten werden kann, wäre das angesichts der Zahl der Wohnungssuchenden nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Tatsächlich muß jedoch stark bezweifelt werden, daß diese Zahl erreicht werden kann. Denn erstens fließen die städtischen Gelder in ihrem Gros eben nicht in den sozialen Wohnungsbau, sondern in die bekannten Luxussanierungsprojekte; neuestes Beispiel dafür: der Hafenbereich von Klein-Venedig bis zum Konzil soll publikumswirksam aufgemotzt und für das Kaufhaus Breuninger mundgerecht zubereitet werden. Zweitens ist auch Straub selbst klar, daß die notwendigen staatlichen Gelder, die nötig wären, um auch nur erste Erfolge im Kampf gegen die Wohnungsnot zu erzielen, mit Sicherheit nicht fließen werden — die Ost-Kolonisierung läßt schön grüßen. Und drittens weiß noch kein Mensch, wie sich der von der Bundesregierung verfügte Verlust der Gemeinnützigkeit für Wohnungsbaugesellschaften, von dem auch die Wobak betroffen ist, auf lange Sicht auswirken wird.
Ratlosigkeit, das soll jedoch nicht verschwiegen werden, herrscht augenscheinlich auch bei der Opposition. Von der FGL ist zu dem Thema sowieso nichts zu hören; bei der ALL herrscht ebenfalls Sendepause, und daß es so etwas wie eine Wohnrauminitiative gab, wissen viele schon nicht mehr. Eine grundsätzliche Debatte stände hier dringend an. — (jüg)