Heft 17 vom 22.08.1991 3/17 scan 2026-05-29

Konstanz: Tausende müssen täglich pendeln



Konstanz: Tausende müssen täglich pendeln

Konstanz. Die Stadtverwaltung hat in der unregelmäßig erscheinenden Reihe „Statistische Informationen“ im Juli eine Untersuchung über die Pendler-,. Ströme" von und nach Konstanz veröffentlicht. Diese Untersuchung demonstriert zum einen das Ausmaß der Mobilität, die die kapitalistische Gesellschaft den Lohnabhängigen aufgezwungen hat; sie kann zum anderen als deutlicher Beleg dafür gelten, wie unzureichend das Netz des öffentlichen Personennahverkehrs in der Region ausgestaltet ist.

Nach der Untersuchung, die auf den Daten der Volkszählung 1987 basiert, sind insgesamt 6096 Beschäftigte gezwungen, jeden (Arbeits-)Tag als Pendler nach Konstanz anzureisen. Dazu kommen noch einmal 2437 Studierende und Schüler an Universität, Fachhochschule und Gymnasien, die ebenfalls außerhalb wohnen. Insgesamt über 8500 Menschen also, die aus beruflichen Gründen zum Teil erhebliche Strecken zurücklegen müssen, um zum Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz zu gelangen. Von den Berufspendlern kommen 95,2% aus dem Landkreis Konstanz und dem Bodenseekreis, Entfernungen bis zu 80 km, die täglich zurückgelegt werden müssen, sind also nichts ungewöhnliches. 4,8% kommen aus anderen Kreisen und damit von noch weiter entfernt.

Die Zahlen im einzelnen: 4944 Leute fahren aus dem Kreis Konstanz zur Arbeit, davon aus der noch nahegelegenen Gemeinde Reichenau 758, 1269 kommen aus Allensbach (Entfernung: rund 11 km), aus Überlingen (ca. 25 km) reisen 193 an, 234 aus Stockach (etwa 30 km), 525 aus Singen (einfache Fahrt ca. 40 km).

Von den 5805 aus dem Kreis Konstanz und dem Bodenseekreis einpendelnden Beschäftigten benutzen insgesamt 20,8% öffentliche Verkehrsmittel, 79,2% kommen mit dem PKW an den Arbeitsplatz. Das muß erstaunen, sind doch die von Bundesbahn, Stadt und Landkreis angebotenen Verbindungen häufig bei weitem nicht ausreichend und führen zu teils erheblichen Zeitverzögerungen. Einen indirekten Beleg für diese Aussage läßt sich aus der städtischen Untersuchung selbst herauslesen: Die Arbeitsstätten der überwiegenden Mehrzahl der 4944 Berufseinpendler aus dem Landkreis Konstanz (83,1%) liegen in den Stadtteilen Petershausen, Altstadt und Industriegebiet. Bekanntlich ist die Altstadt sowohl mit der Bahn als auch mit dem Bus relativ problem zu erreichen, zumindest tagsüber. Kein Wunder also, daß Leute, die in diesem Stadtteil arbeiten zu mehr als 30% mit öffentlichen Verkehrsmittel anreisen. Schlechter schon sieht es mit der Anbindung in Petershausen aus; dementsprechend niedriger liegt hier der Anteil der Pendler, die den öffentlichen Nahverkehr nutzen: 84,3% reisen mit dem PKW an. Und wer wie 999 Einpendler das Pech hat, im Industriegebiet zu arbeiten, ist häufig zu Fuß vom Konstanzer Bahnhof aus ebenso schnell am Arbeitsplatz wie mit dem Bus. Kein Wunder also, daß hier 91,5 Prozent der auswärtigen Beschäftigten mit dem eigenen Auto anreisen.

Bei der (berechtigten) Klage über zunehmenden Verkehr darf diese — durch die jüngste Konstanzer Untersuchung gut dokumentierte — Mobilität keineswegs außer Acht lassen. Sie ist auch eine Seite der zunehmenden Zentralisierung im Monopolkapitalismus. Für Leute, die ihre Arbeitskraft unter in den vergangenen Jahren ständig zunehmendem Leistungsdruck 20, 30 oder 40 Kilometer vom Wohnort verausgaben müssen, zählt jede eingesparte (Anfahrts-) Minute viel. Nicht nur ein drastischer Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist deshalb vonnöten, sondern längerfristig auch die Umgestaltung dieser Form des Wirtschaftens — (jüg)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.