Besuch bei der PDS in Dresden
Besuch bei der PDS in Dresden
Reisebericht der ALL-Delegation, Teil 2
Abends dann ein Treffen mit Stadtverordneten aus Dresden und allen an einer Diskussion mit uns Interessierten. Zum einen ging es um konkrete kommunalpolitische Fragen, zu denen die DresdnerInnen ihre bisherigen praktischen Erfahrungen mit BRD-Gesetzen und den im ..wilden Osten" üblichen Praktiken vermittelten. Klar wurde dabei. daß unsere Erfahrungen mit einem regulierten bzw. zumindest punktuell gebändigten Kapitalismus in der ehemaligen DDR nur bedingt anwendbar sind. Im „wilden Osten“ herrscht das Recht des Stärkeren; selbst wenn rechtliche Regelungen bestimmten Schweinereien — Massenentlassungen, Zweckentfremdung von Wohnraum, Zubetonierung der Landschaft durch Autobahnen — entgegenstehen, gibt es keine Instanz, die dem Gehör verschaffen könnte. Zum anderen prallten unsere sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit dem bürgerlichen Staat und mit der realsozialistischen Gesellschaft hart aufeinander. Viele Begriffe, die wir nach wie vor benutzen und die für uns einen realen Sinngehalt haben, erscheinen den DresdnerInnen als hohle Phrasen bzw. als ML-Weisheiten, die auf den Müll der Geschichte gehören. Wir hingegen hatten den Eindruck, daß sich viele Genossinnen Illusionen über demokratische Beteiligungsmöglichkeiten im bürgerlichen Staat machen und daß sie die Brutalität, mit denen der Imperialismus seine Interessen verfolgt, stark unterschätzen. Beides führt dazu, daß sie in ganz anderer Weise darauf vertrauen, zu einer akzeptierten Oppositionskraft zu werden, sofern sie nur die herrschenden Spielregeln einhalten und sich als Verfechter der besten aller Demokratien geben.
Wie stark diese unterschiedlichen Positionen sich auch in der jeweiligen Praxis niederschlagen, zeigte sich dann bei der Diskussion am nächsten Morgen, wo es um die Möglichkeiten ging, wie am besten der faschistischen Bewegung in Dresden entgegengetreten werden kann. Die DresdnerInnen stellen in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten die Diskussion und Überzeugung mittels besserer Argumente. Die wenigen unverbesserlichen und oftmals aus dem Westen angereisten Faschisten, die dann noch übrig blieben, seien mit den Mitteln des Rechtstaates auszuschalten. Die Einschränkung des Agitationsspielraums der Faschisten und die Be- oder gar Verhinderung ihrer Demonstrationen lehnten sie mit Verweis auf die demokratischen Grundrechte der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit ab. Problematischer noch als diese Position, die weitgehend ausblendet, in welchen konkreten Verbrechen sich die faschistische Mobilisierung niederschlägt, war für uns, daß sie mit der völligen Übernahme bürgerlicher Sichtweisen zum Komplex Hütchenspieler und Flüchtlinge einherging. Die Aufregung der Dresdner Bürgerinnen, daß die einen Schmarotzer sind, nur darauf aus, andere Leute und dazu noch Deutsche auszunehmen, während die anderen allemal zuviel sind und in Deutschland eigentlich nichts verloren haben, wurde von vielen geteilt. Die Mittel der Faschisten wurden mißbilligt, ihren Zielen — die Hütchenspieler zu vertreiben — jedoch mit Verweis auf die gesellschaftliche Stimmungslage zumindest eine Teilakzeptanz zugesprochen.
Mittags stand dann wieder Erholung auf dem Programm, einer von uns schaute sich Dresden etwas näher, während die anderen den Zoo besichtigten. Abends dann noch der Besuch bei einer jungen Genossin, die bereits in Konstanz war. Sie ist in der Neustadt aktiv, einer Szene-Hochburg in Dresden, die in letzter Zeit sowohl von den Spekulanten als auch von Faschisten ins Visier genommen wird. Bei diesem Besuch trafen wir auch ihren Vater, einen alten SED-Genossen und ehemaligen Leiter eines Agrochemiekombinats. Im Gegensatz zu unseren anderen Gesprächspartnerinnen hatte er zum Umbruch in der DDR ein wesentlich distanzierteres Verhältnis. Er war nicht der PDS beigetreten. Für ihn war im Gegensatz zu den meisten anderen Genossinnen nicht alles fraglich geworden, was er und viele andere in den letzten 40 Jahren mitaufgebaut hatten. Er zeigte sich illusionslos. was seine berufliche Perspektive als ehemaliger mittlerer Führungskader angeht, schätzte jedoch auch die Chancen einer gewandelten PDS als Wahlpartei gering ein. Gleichwohl verfiel er weder in eine zynische Haltung, die die momentanen Anstrengungen als von vorneherein sinnlos abwertet, noch in einen pragmatischen Opportunismus gegenüber den neuen Verhältnissen. Er stellte lapidar fest, daß der erste Anlauf zum Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft — die Pariser Kommune — nur drei Monate gedauert habe, der zweite Versuch nach 70 Jahren gescheitert sei, ein Weg mit vielen Irrtümern, jedoch auch reich an wertvollen Erfahrungen. Die Menschheit werde früher oder später einen neuen Anlauf nehmen, um eine Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung aufzubauen.
Nach all den offenen Fragen und den vielen gegenüber uns geäußerten Zweifeln, die bei unseren sonstigen Gesprächen im Mittelpunkt standen, vermittelte uns dieser Mann die Gewißheit, daß entgegen aller bürgerlichen Propaganda die Klassenfrage und die Frage einer Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung früher oder später durch die objektiven Verhältnisse wieder auf der Tagesordnung der Geschichte stehen werden.
Abschließend waren wir zu einem Grilltest in einer Schrebergartenkolonie eingeladen. Dort haben mehrere Genossinnen eine Gartenparzelle. Sie sind zusammen mit 170 Kleingartenfreunden im „Gartenverein an der Windmühle" organisiert, der sogar eine eigene Zeitschrift herausgibt: den Windmühlenanzeiger. Ähnlich wie bei uns wird dort herumgebuddelt, Riesenfrüchte gezüchtet, kleine „Bungalows“ gebaut und ab und zu zusammen gefeiert. Überrascht waren wir allerdings davon. daß in Dresden allein 80000 Kleingärten existieren.
Nach einem Abend voll mit spannenden Gesprächen, gutem Essen und nicht zuwenig Flüssignahrung überreichte uns ein Genosse, der gleichzeitig Vereinsvorsitzender und Herausgeber des Windmühlenanzeigers ist. sämtliche bisher erschienenen Exemplare, auf daß wir auch von dieser Seite ihres Alltags einen tieferen Einblick in die Alt-SRD mitnehmen.
Die Genossinnen sprachen die Hoffnung aus, daß es diesmal nicht wieder so lange dauern möge, bis wir uns Wiedersehen, um die sicher notwendige. aber auch sehr interessante Auseinandersetzung über die Perspektiven einer linken Politik weiterzuführen.