"Der Kollektivismus wird entwickelt werden"
„Der Kollektivismus wird entwickelt werden“
Interview mit dem Generalsekretär der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan
**Auf Einladung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) besuchte Mitte August eine Delegation von mehreren Mitgliedern bundesdeutscher Kurdistan-Solidaritätsgruppen die Mahsum-Korkmaz-Akademie der PKK im Bekaa-Tal im Libanon. Die Delegation hatte dabei Gelegenheit, mit zahlreichen Mitgliedern und Sympathisanten der PKK ausgiebige Gespräche zu führen. Während ihres Besuchs fanden im Lager auch die Feierlichkeiten aus Anlaß des siebten Jahrestages der Aufnahme des bewaffneten Befreiungskampfes in Kurdistan statt. An diesen mehrere Tage währenden Feiern nahmen trotz verschiedener Behinderungen von libanesischer und syrischer Seite etwa 20000 Menschen teil, die zum Teil mehrere Wochen lang aus den verschiedensten kurdischen Gebieten unter großen Strapazen und Risiken in das Lager gereist waren. Die Delegation wird ihre Interviews, Gespräche und Eindrücke im „Kurdistan-Report“, eventuell auch in einer Broschüre, veröffentlichen.
Im folgenden dokumentieren wir Fragen, die die Politischen Berichte an Abdullah Öcalan, den Generalsekretär der PKK, richten konnten.**
— (aus: Politische Berichte Nr. 19/91. rül)
Frage: Die PKK hat oft festgestellt, daß die armen Bauern und die Arbeiter die entscheidende soziale Klassenbasis des Befreiungskampfes sind. Inzwischen beteiligt sich auch die städtische Mittelklasse zahlreich am Befreiungskampf. Wie will die PKK das Bündnis dieser Klassen im Befreiungskampf ordnen? Wird es z.B., wie bei den Arbeitern, eigene Verbände der Bauern und der städtischen Mittelklassen geben?
Öcalan: Wir werden nicht zu viele spezifische Organisationen bilden. Wir sind mehr für die massenhafte Teilnahme der Menschen am politischen Kampf, nicht mit ihren eigenen Organisationen, sondern indem sie sich den Massen anschließen. Es ist nicht unser Problem, daß jede Klasse sich ihre eigene Organisation bildet. Das wäre sogar antidemokratisch. Alle müssen sich der Bewegung entsprechend ihren Fähigkeiten anschließen.
Es wäre auch falsch, bei uns von einer ausgeprägten Trennung der Klassen zu sprechen. Außerdem sehe ich es nicht als realistisch an, eine Politik zu betreiben, die sich nur auf Klassen stützt. Es war ein wichtiger Fehler des Sozialismus, die Gesellschaft nur im engen Klassenrahmen zu betrachten. Ich möchte zum Beispiel nicht so viel von der Arbeiterklasse reden. Bei uns ist die Arbeiterklasse einer der opportunistischsten Teile der Bevölkerung. Die dogmatischen Klassenmaßstäbe sind gefährlich. Das gilt wohl für die gesamte Welt, aber noch mehr für uns.
Wir müssen die Klassenrealitäten beachten, aber nicht überbewerten. Jeder Klasse ihre Organisation, jeder Klasse ihre Partei, das ist sehr gefährlich. Es gibt dafür auch keine Grundlage. Die Klassen sind miteinander verbunden. Aus diesem Grund muß man ihre jeweiligen Hauptforderungen finden und eine Organisationsform, die alle tragen können. Aber man muß auch die Avantgarde immer nach der Arbeit und nach der Produktivität bestimmen, Fähigkeit und Arbeit müssen zur Avantgarde werden. Das ist unser Verständnis von Sozialismus. Wir nutzen die Arbeit des Menschen und die Fähigkeit des Menschen am besten.
Frage: Der kurdische Befreiungskampf nimmt derzeit einen raschen Aufschwung. In Südkurdistan ist die PAK entstanden. Kollaborierende Kräfte wie Talabani und Barzani verlieren Einfluß. Welche Folgen hat dies für die Bildung eines kurdischen Nationalkongresses? Kann dieser Kongreß schon bald zusammentreten? Welche gesellschaftlichen Kräfte und politischen Organisationen sollen ihm angehören? Und bedeutet diese Entwicklung, daß die regionale Spaltung und das Ausspielen von Kurden gegen Kurden bald der Vergangenheit angehört?
Öcalan: Es wird die Aktivitäten für die Bildung der nationalen Einheit beschleunigen, aber auf anderen Ebenen. Die Initiative der Arbeit und die Entwicklung der eigenen Kraft werden in den Vordergrund treten. Die Bildung eines revolutionären Nationalkongresses wird in der Zukunft immer notwendiger werden. Solche Gruppen wie Talabani und Barzani sind überwunden. Sie stehen außerhalb der Realität des kurdischen Volkes. Im Ausland falsche Diplomatie, im Inland reaktionäre, feudale Stammesmerkmale — das ist ihre Mentalität. Man kann das kurdische Volk nicht mehr mit diesen Leuten befrieden.
Wir haben das Wesen des kurdischen Volkes erreicht. Seine Energie kommt jetzt immer schneller zum Ausdruck. Aus diesem Grund wird sich der Gedanke an einen revolutionären Kongreß der nationalen Einheit immer mehr durchsetzen. Die Alternative der PKK wird sich auf dieser Basis entwickeln.
Meiner Meinung nach kann der revolutionäre Nationalkongress in den nächsten Jahren konstituiert werden. Das ist ein Revolutionskongreß, ein Volkskongreß. Er wird die Hauptgesetze der kurdischen Revolution und ihre Hauptinstitutionen bestimmen, angefangen mit einem Nationalrat und einer provisorischen Regierung. Diese Einrichtungen kann er bestimmen.
Frage: Die Imperialisten versuchen, den kurdischen Befreiungskampf mit Gewalt zu unterdrücken. Gleichzeitig suchen sie tiefe Feindschaft zu schaffen zwischen Türken und Kurden, Kurden und Arabern, Arabern und Türken. Welchen Beitrag kann die PKK leisten für Frieden und Freundschaft zwischen den Völkern der Region, Frieden und Freundschaft ohne Sklaverei, ohne imperialistische Hegemonie in der Region?
Öcalan: Die Bestimmung der Politik in dieser Region hängt mit dem Zuständen zusammen, die der Imperialismus in dieser Region geschaffen hat. Der Charakter der Region besteht auf dieser Grundlage. Diese müssen überwunden werden. Und sie werden jetzt ein bißchen überwunden. In dem Maße, in dem die PKK den Willen des Volkes zum Ausdruck bringt, in dem Maße wird sie auch in dieser Region dem Frieden den Weg öffnen. In diesem Sinne ist die PKK eine sehr wichtige Stufe auf dem Weg zur Freiheit für die Völker. Freiheit, Frieden und Freundschaft können so lange nicht verwirklicht werden, solange nicht der bestehende Status quo überwunden wird. Der Status quo in dieser Region ist in sich widersprüchlich, falsch und eine Bedrohung für den Frieden. Er beinhaltet ständige gegenseitige Feindschaft und den gegenseitigen Angriff aufeinander. Der Grund dafür liegt darin, daß die Regime in dieser Region von außen abhängig sind und im Innern reaktionär. Die PKK ist eine von den Kräften, die erklären, daß sie diese Situation überwinden wollen.
Frage: Der Zusammenbruch des realen Sozialismus verändert weltweit auch die Widersprüche zwischen den Staaten, den Ost-West-Gegensatz, den NordSüd-Gegensatz, die Widersprüche zwischen den imperialistischen Staaten. Welche Folgen hat dies aus der Sicht der PKK für den Befreiungskampf. Zum Beispiel: Der BRD-Imperialismus schwingt sich erneut zur beherrschenden Macht in Europa auf und strebt auch nach Einfluß im Mittleren Osten. Damit wachsen auch die Widersprüche zu anderen Imperialisten, z.B. den USA, zu Großbritannien und Frankreich. Kann der kurdische Befreiungskampf diese Widersprüche zum Vorteil des kurdischen Volkes ausnutzen?
Öcalan: Als erstes muß gesagt werden, daß man anstelle des Ost-West-Konfliktes sich nicht zu sehr auf den Nord-SüdKonflikt verlassen darf. Der Nord-SüdKonflikt gibt zwar die Realität ein wenig wieder, aber man darf ihn nicht überbewerten. Die Widersprüche im Norden können sich auch plötzlich sehr schnell zuspitzen. In der Sowjetunion ist die Situation instabil. Aus diesem Chaos können noch größere Widersprüche entstehen. Die Widersprüche in Europa entwickeln sich sowieso. Was ich damit sagen will, ist, daß es keine einheitliche Front im Norden gegen den Süden gibt. Außerdem gibt es im Süden die übelsten Kollaborateure des Nordens. Man kann sogar sagen, daß sie noch schlimmer sind als die im Norden, sehr schlimm. Stattdessen denken wir in einem differenzierteren Sinne. Die PKK zu analysieren heißt, die Realität des kurdischen Volkes zu analysieren. Ein Mitglied der PKK zu analysieren, bedeutet, die PKK zu analysieren. Kurdistan zu analysieren, die Widersprüche in Kurdistan zu lösen, bedeutet, den Mittleren Osten zu analysieren, seine Widersprüche zu lösen. Und den Mittleren Osten zu einem Ergebnis zu führen, wird sicherlich die ganze Welt beeinflussen. Das ist eines der Schlüsselpunkte dieser Welt.
Aus diesem Grund ist es eine wichtige Entwicklung, daß Deutschland als führende Kraft in Europa entsteht. Das traditionelle Interesse Deutschlands am Mittleren Osten ist eine wichtige Tatsache. Sie haben in der gesamten Geschichte versucht, die Türken als Kilometerstein zu benutzen. Aber ich glaube, daß die Türken, denen sie bisher immer vertraut haben, diese Rolle nicht mehr spielen können. Es gibt kein türkisches Reich mehr.
Die Kurden können ihr Gewicht erhöhen, weil sie jetzt nach vorne treten. Man muß wirklich sehen, ob dieser neue Auftritt Deutschlands wirklich imperialistisch ist, oder ob er demokratisch ist, ob man überhaupt mit diesen Begriffen arbeiten kann. Wenn es eine demokratische Entwicklung ist, eine Außenpolitik mit demokratischen Grundsätzen, dann kann es gute Beziehungen zu Kurdistan geben. Das kann zu einem positiven Ergebnis führen. Aber ich glaube nicht, daß die deutsche Regierung mit einer klassischen Kolonialmachtpolitik, mit der Zusammenarbeit mit den Türken, sehr weit kommen wird. Sie würde sogar eher in Schwierigkeiten kommen. Insbesondere der radikale Kampf des kurdischen Volkes würde sie in Schwierigkeiten bringen. Aber wenn diese Politik wirklich die Menschenrechte, den Frieden und die Freundschaft zwischen den Völkern zur Grundlage macht, dann hat sie auch eine Chance für die Zukunft. Die Modelle, die die Sowjetunion und die USA in dieser Region, im Mittleren Osten bisher geschaffen haben, haben Bankrott gemacht. Können die Deutschen dort eine neue Herangehensweise, eine andere Politik entwickeln? Können sie, wenn diese beiden Systeme überwunden werden, als eine dritte Kraft bei der Neuordnung eine Rolle spielen?
Ich möchte auch noch folgendes betonen: Diese Neuordnung, die die USA jetzt zu entwickeln versuchen, ist in Wirklichkeit ein ziemlich veraltetes Modell, das keine Zukunft hat. Das sowjetische Modell arbeitet sowieso überhaupt nicht. Aus diesem Grund bedarf es einer Neuordnung des Mittleren Ostens. Ob dabei die Deutschen oder die Japaner mitsprechen werden, muß man gucken und dann analysieren. Japan möchte zum Beispiel entsprechend seiner ökonomischen Kraft auch eine politische Kraft im Mittleren Osten werden. Ich glaube, daß auch die Deutschen eine solche Herangehensweise haben. Wir versuchen, das auszuwerten. Wenn diese Politik demokratischen Grundsätzen folgt, auf demokratischer Ebene passiert, dann können wirklich wichtige Beziehungen entstehen. (Frage an die Delegation:) Aber ich möchte Euch fragen, gibt es das in der Entwicklung des größer werdenden Deutschlands, etwas Neues, das die US- und Sowjet-Expansion überwindet, etwas wirklich Neues?
(Antwort aus der Delegation): Es gibt Kräfteverschiebungen zwischen den Imperialisten. Was dabei herauskommt, hängt von den Kämpfen der Völker ab, unter Umständen der Dritte Weltkrieg. Öcalan: Es wird nicht zu einem Dritten Weltkrieg kommen. Stattdessen meine ich, man müßte sie dazu zwingen, eine demokratische Entwicklung einzuschlagen. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es ein Sozialismusmodell, eine sozialistische Bewegung in Deutschland. Aber diese wurde unterdrückt. Der Imperialismus des Deutschen Reiches hat sie unterdrückt. Was sich in Deutschland dann entwickelte, war die gefährlichste imperialistische Haltung und Politik. Der Faktor Hitler ist meiner Ansicht nach ein sehr wichtiger Faktor. Wenn die Deutschen aus diesem Faktor die richtigen Lehren gezogen haben, dabei aufrichtig sind, wenn sie wirklich eine Lehre aus dieser Hitler-Zeit gezogen haben, dann müssen sie, anstatt die Welt in einen dritten Weltbrand zu bringen, auf jeden Fall in Richtung Demokratie wirken. Sie müssen nach meiner Ansicht noch vor ihrer eigenen Geschichte Angst haben und sich aus diesem Grund zur Demokratie zwingen.
Was sie jetzt erleben, ist Passivität. Desinteresse. Gleichgültigkeit in Deutschland, nicht Imperialismus. Es ist gut. wenn sie dies überwinden. Meiner Ansicht nach kann man sie zu Demokratie, zu einer demokratischen Politik nach außen zwingen.
Vielleicht kenne ich mich nicht so sehr gut aus, und vielleicht übertreibe ich auch ein bißchen. Ich würde gern mit Genscher darüber reden, damit er schlauer wird. Wenn er Selbstvertrauen hat, dann soll er keine Angst haben. Es gibt Sachen, die ich ihn fühlen lassen möchte.
Bismarck war ein Wolfspolitiker. Die Ergebnisse dieser Politik haben in zwei Weltkriegen zu einer Niederlage geführt. Und Genscher versucht, eine ähnliche Politik nach 100 Jahren zu führen. Ich hoffe, daß er nicht dasselbe Ende nimmt. Ich will im positiven Sinne hoffnungsvoll sein. Zum Beispiel hat Genscher bei den letzten Bombenangriffen (gemeint sind die Angriffe der türkischen Streitkräfte auf kurdische Lager im irakisch besetzten Teil Kurdistans, Anm. d. Red.) von einer Verletzung der Menschenrechte gesprochen. Da kann man ein bißchen hoffen.
Frage: Eine ganz andere Frage: Den arabischen Staaten hat ihr Ölreichtum bisher vor allem Unglück gebracht: direkte imperialistische Interventionen, wie im Iran, oder reaktionäre Regime wie in Saudi-Arabien, am Golf, im Irak. Ein freies Kurdistan hätte auf seinem Boden viele Ölquellen. Welche Vorstellungen hat die PKK, diesen Reichtum für den wirtschaftlichen Aufbau eines unabhängigen Kurdistan zu nutzen, ohne erneut in Abhängigkeit vom Imperialismus zu geraten?
Öcalan: Viel wichtiger als Öl ist das Wasser. Vielleicht wird Wasser noch eine viel wichtigere Rolle im Schicksal des Mittleren Ostens spielen als das Öl. Die Kurden haben auch von daher einen großen Schatz. Außerdem ist es ständig nötig, Wasser zu verbrauchen. Wenn man die Quellen des Wassers verschließt, kann man im ganzen Mittleren Osten wichtige Wirkungen erzielen. Jetzt ist Wasser ein Gegenstand ständigen Streits zwischen den Arabern und den Türken. Wenn sich die Kurden des Wassers annehmen, ist es möglich, daß wir das Wasser als politisches Mittel benutzen. Meiner Ansicht nach hat Öl eine begrenztere Rolle.
Außerdem wird Kurdistan im Mittleren Osten touristischen Zwecken dienen können. Es ist eine Weide des Mittleren Ostens. Überall um Kurdistan herum ist Wüste. F- hat große potentielle Reichtümer. Kurdistan liegt zwischen drei Nationen, Arabern, Türken und Perser. Es kann allen drei Nationen nützlich sein, sie beeinflussen. Wir werden versuchen, unsere internationale Rolle richtig zu spielen: Für die Völker. demokratisch, unabhängig.
Frage: Im Zusammenhang mit der Diskussion über die Fehler des „realen Sozialismus“ nennt die PKK — soweit wir wissen — u.a. drei Fehler, die in diesen Ländern gemacht wurden: den Fehler des Nationalismus, des Bürokratismus und des zu starken Zentralismus. Welche Konsequenzen zieht die PKK daraus, z.B. für die Struktur der PKK, der ERNK? Und welche Rolle soll die PKK in einem befreiten Kurdistan spielen? Wie soll das Verhältnis zwischen Partei und Staat aussehen?
Öcalan: Ich lege das Schwergewicht auf eine Politik, die das Absterben der Partei verfolgt. Meine Einwirkung auf die PKK geht in diese Richtung. d.h. in Richtung Überwindung, Absterben der Partei.
Die PKK gleicht nicht den anderen typischen Parteien. Es gibt auch Kritik an ihr, daß sich die Partei nicht ordnet. Das stimmt ein bißchen. Ich reiße die Partei ständig aus ihrer Selbstzufriedenheit, Selbstgenügsamkeit, Trägheit als Partei heraus. Meiner Ansicht nach kann die Partei vor dem Volk immer gefährlich werden. Jeden Augenblick können Bürokraten und Diktatoren entstehen, auch jetzt. Aus diesem Grund, um das zu verhindern, „verparteilose“ ich sie.
Ich setze alle meine Kraft ein, damit keine privilegierte Kaste, keine privilegierte Clique entsteht. Diese Gefahr ist sehr groß. Ich sehe sehr real, wie gefährlich eine Kastenbildung ist. Niemand kann innerhalb der PKK sich derzeit als eine wichtige Kraft bezeichnen. Meine Situation ist eine sehr anonyme Situation, die sich in den Parolen der Bevölkerung ausdrückt. Wirklich sehr anonym.
Zum Beispiel sind das Politbüro, die Zentrale oder andere Einrichtungen der PKK bei uns sehr flexibel und nicht besonders stark. Solche Einrichtungen habe ich nie ernst genommen. Das zeigt auch gleichzeitig, was für einen Staat ich versuche zu gründen. Jemand, der die Partei in dieser Form beeinflußt. schafft, wird den Staat ebenso gestalten. In dem Augenblick, in dem wir zum Staat werden, werden wir zugleich eine Politik der Überwindung des Staates hin zum Absterben des Staates entwickeln.
Ich kann hier auf eine theoretische Aussage von Engels hinweisen: Im Sozialismus ist die Gründung des Staates der Anfang des Absterbens des Staates. Ich fühle mich diesem Prinzip verbunden.
Partei und Staat sind sicherlich notwendig, aber zu dem Ziel, um „partei-los" und ..staats-los“ zu werden, um Partei und Staat zu überwinden, damit sie absterben, aufhören zu existieren. Sie müssen diesem Ziel dienen.
Meiner Ansicht nach sind die Sowjets in dieser Frage erfolglos geblieben. Was jetzt interessant an Gorbatschow ist, daß er die kommunistische Partei völlig unwichtig macht. Dasselbe gilt wohl für den Staat. Wenn ich mich nicht irre, wenn er dies wirklich bewußt macht, dann kann es kein schlechtes Ergebnis sein. Aber ich habe dazu keine endgültige Wertung.
Frage: Eine Frage zur aktuellen Situation in Kurdistan. Die Angriffe auf kurdische Politiker haben zugenommen. Der türkische „Supergouverneur“ ist zurückgetreten. Die imperialistischen „Schutztruppen“ bleiben in der Region und richten sich womöglich auf ein direktes militärisches Eingreifen gegen den kurdischen Befreiungskampf ein. Wird Kurdistan 1992 ein großes Kriegsgebiet sein, oder sieht die PKK Anzeichen für eine mögliche politische Lösung der Kurdenfrage, z.B. im Rahmen der bevorstehenden Nahostkonferenz? Wird sich die PKK/ERNK z.B. mit politischen Forderungen an diese Konferenz wenden?
Öcalan: Diese Frage wird uns oft gestellt: Ob die politischen Lösungen die Oberhand haben werden, oder ob der revolutionäre Kampf sich weiter entwickelt. Das sind Fragen, die miteinander in Verbindung stehen. Die Entwicklung der Revolution kann politische Verhandlungen mit sich bringen. Das Gegenteil kann auch der Fall sein. Das Nichteintreten von politischen Lösungen kann die Revolution noch weiter radikalisieren.
1992 kann in diesem Zusammenhang ein wichtiger Wendepunkt sein. Oie Türken stehen vor einer Wahl. Nach den Ergebnissen dieser Wahl können einige türkische Parteien Verhandlungen anbieten. Aber es gibt keinen Grund, in dieser Frage besonders hoffnungsvoll zu sein.
Die größere Möglichkeit, die größere Wahrscheinlichkeit ist wohl, daß die Revolution sich entwickelt. Ich glaube, daß das kurdische Volk auf der Basis des Serhildan in den Städten und des Guerillakampfes in den Bergen seine revolutionäre Wahl treffen und sich entwickeln wird.
Der Weg zu politischen Verhandlungen ist voller Fallen. Ich glaube nicht, daß die Türken wirklich aufrichtige Verhandlungspartner sein werden. Das beste ist, ihnen eine starke Revolution aufzuzwingen. Darauf werden wir besonders achten.
Ich glaube, daß 1992 ein Jahr sein wird, in dem die Revolution sich entwickeln wird. Die Maßnahmen, die wir getroffen haben, zeigen uns jetzt schon, daß dies auf jeden Fall so wird. Es wird auf keinen Fall ein Zurückdrehen geben. Und wieweit wir uns entwickeln werden, kommt auf unsere Taktik an und darauf, wie weit wir sie meisterhaft anwenden.
Frage: Wenn der Befreiungskampf so rasch fortschreitet wie in den letzten Monaten, wird es bald größere befreite oder fast befreite Gebiete in Kurdistan geben. Welche sozialen und politischen Reformen strebt ihr in diesen Gebieten als erstes an? (Landreform, Gesundheitsreform, Bildungswesen, politische Verwaltung usw.)
Öcalan: Es ist wohl möglich, fast befreite Gebiete zu schaffen. Ich glaube, daß die wichtigste Lösung, daß das wichtigste Ergebnis darin bestehen wird, daß die Bevölkerung sich moralisch stärkt.
Ich glaube, daß die Bevölkerung einen großen Kollektivismus entwickeln wird und dazu erzogen werden wird. Ich glaube nicht, daß wir den kleinen Besitz, den die Bauern haben, noch weiter verkleinern, sondern die kleinen Bauern entwickeln werden. Der Kollektivismus wird entwickelt werden. Es wird so sein, daß die Menschen psychologisch, moralisch aufgerichtet werden. Das kann zu einer großen Produktivkraft werden. Kurdistan wird zuerst kollektiviert werden. Privatisierungen wird es auf dieser Basis geben. Wichtig ist, daß Kurdistan erst durch die Kurden gewonnen werden muß. Dann können sie es sich erst untereinander aufteilen.
Natürlich wird es schwierige Bildungsfragen geben. Die Ausbildung wird lange Zeit mit revolutionären und politischen Inhalten gefüllt sein. Wir werden versuchen, die revolutionären und politischen Inhalte hoch zu halten. Wir werden versuchen, revolutionäre Familienkollektive zu schaffen. Zum Beispiel gibt es in England diese Beispiele der Kooperativen der primitiven Sozialisten (Owen). Es gibt einige Beispiele aus der Sowjetunion. Bei uns wird es einen noch interessanteren Kollektivismus geben.
Aber dabei wird keine Bürokratie entstehen. Wir werden nicht den Staatskapitalismus damit in Verbindung bringen. Man darf dabei nicht die auf die Bürokratie und diesen Staatskapitalismus gestützte Entwicklung des Staates wie in der Sowjetunion zulassen. Der Partei- und Staatsapparat darf kein eigener Apparat werden, der mehr Rechte hat. Eine wirkliche Volkssolidarität, das sind für uns sehr wichtige Fragen. Und in diesen Fragen werden wir für den Sozialismus auf jeden Fall eine Bereicherung sein. Wir werden in diesen Fragen sehr vorsichtig sein, sehr an unseren Prinzipien festhalten.
Zum Schluß: Ich habe versucht, über Euch, über die Freunde des kurdischen Volkes, unsere Ansichten weiter zu entwickeln. Ich hoffe, ich glaube, daß ihr diese Ansichten richtig verbreitet werden. Es ist wichtig, daß all das von einer Gruppe redigiert und in Zeitschriften und Broschüren wiedergegeben wird. Das erwarten wir auch. Bisher haben die Journalisten und die Zeitungen das immer verdreht und nur teilweise wiedergegeben. Ihr könnt es genauso wiedergeben, wie es war. ich bedanke mich, auch an all die anderen Freunde über euch, und ich möchte euch Grüße unter Genossinnen und Genossen an alle anderen ausrichten. Ich bitte euch, daß ihr auf uns vertraut und weiterhin entschlossen arbeitet.