Bald ein Frauenhaus in Konstanz?
Bald ein Frauenhaus in Konstanz?
Sind mißhandelte Frauen Sozialhilfefälle? Seit 15 Jahren gibt es in der (Ex)BRD Häuser für mißhandelte Frauen, die dort Unterschlupf und Hilfe finden. Seit zwei Jahren gibt es in Konstanz eine Initiative von Frauen, die sich für ein Frauenhaus einsetzt. Noch immer gibt es in Konstanz kein Frauenhaus, doch die Initiative, die dem Verein „Frauen helfen Frauen in Not" angehört, hat schon viel Arbeit geleistet.
Für alle Frauen der Gruppe war zu Beginn der Arbeit klar, daß das Frauenhaus selbstverwaltet, also autonom, sein soll. Ihr Konzept sieht vor, daß auch die Kinder hilfesuchender Frauen im Frauenhaus Schutz vor gewalttätigen Männern in der Familie finden. Die Söhne hilfesuchender Frauen sollen jedoch nur bis zum Alter von zwölf Jahren im Frauenhaus aufgenommen werden, da die Erfahrung in Frauenhäusern gezeigt hat, daß ältere Jungen " oft bereits das Verhalten ihrer Väter übernommen haben.
Als im Herbst 90 die Frauenhausinitiative an die Stadt den Antrag stellte, in Konstanz ein Frauenhaus einzurichten, leitete Oberbürgermeister Eickmeyer diesen Antrag an den Landkreis weiter. Frauen der Freien Grünen Liste (FGL) und der SPD protestierten im Gemeinderat gegen diese Abschiebung an den Landkreis, jedoch ohne Erfolg. Peinlich wurde es für Bürgermeister Hansen (CDU), als die ARD ihn in einem Interview nach einem Frauenhaus in Konstanz fragte. Hansen redete jedoch vor der Kamera ungeniert über die NotdB wendigkeit einer solchen Einrichtung, Leider wurde dieses Interview im Fernsehen nie gesendet, doch es war Grund genug, aktive Frauen in Konstanz aufhorchen zu lassen.
Bald darauf schwenkte auch die CDU um, und vom Kreisrat kam die überraschende Nachricht, daß die Institution Frauenhaus in Konstanz geschaffen werde. Es schien so. als hätte selbst der konservative Teil des Konstanzer Gemeinderats nicht mehr umhin können, sich für ein Frauenhaus auszusprechen und bee'ie sich nun, das Unvermeidliche wenigstens in seiner Form zu bestimmen. Die Sozialdezernentin des Kreises. Ursula Görke gründete einen Arbeitskreis, der das Konzept für das zukünftige Frauenhaus erarbeiten soll. Maria Theresia Jung (SPD) setzte sich dafür ein. daß in diesem Gremium auch Vertreterinnen von „Frauen helfen Frauen in Notsitzen. Ansonsten sind in dem Arbeitskreis Vertreterinnen der Beratungsstellen, der Sozialämter, der Telefonseelsorge und des Hauses Nazareth in Konstanz. Interfraktionelle Treffen zum Thema „Frauenhaus", von M.Th. Jung initiiert, mußten für Männer geöffnet werden, da Frauen der CDU und FWG, bekannt durch ihre Attacken gegen die Frauenbeauftragte, nicht mit der Institution Frauenhaus sympathisieren.
Vorgesehen ist nun ein dezentrales Frauenhaus mit drei Einrichtungen in den Städten Konstanz, Singen und Radolfzell. Insgesamt sollen zwanzig neue Plätze entstehen, obwohl die Frauenhausinitiative allein für Konstanz schon zwanzig Plätze forderte. In Radolfzell wird der Sozialdienst katholischer Frauen mit bereits sechs bestehenden Plätzen für mißhandelte Frauen erweitert werden. Während die Frauenhausinitiative in Singen die alleinige Trägerschaft übernehmen kann, wurde in Konstanz der Frauenhausinitiative die alleinige Trägerschaft durch die Stadt untersagt. Befürchtet wird von der Konstanzer CDU und FWG eine zu einseitige. nicht auf den Zusammenhalt der Familie bedachte Sozialarbeit. Die vielen Scheidungen heutzutage müsse man nicht noch unterstützen. Nicht so ausgesprochen wird, daß emanzipierte Frauen in höchstem Maße die herkömmlichen Familienstrukturen gefährden.
„Frauen helfen Frauen in Not" wird demnächst zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt einen Vertrag schließen, der die gemeinsame Trägerschaft für das zukünftige Frauenhaus vorsieht.
Aufgrund der zu erwartenden Aggression und Gewalt von Männern gegen das Frauenhaus soll der Standort des Hauses weitgehend anonym bleiben und im besten Fall sich in einem Wohngebiet mit „sozialer Kontrolle" befinden. Bis 1993 sollen die Räume für Frauen und Kinder realisiert und beziehbar sein.
In Singen wird es das erste Frauenhaus im Kreis geben, denn die dortige Frauenhausinitiative hat bereits ein Haus gefunden, das die Stadt anmieten, sowie die Renovierung und dem Umbau finanzieren wird.
Der größte Streitpunkt in Konstanz zwischen Vertreterinnen von „Frauen helfen Frauen in Not" und Vertreterinnen der Stadt und des Kreises ist die Finanzierung. Frau Görke, Sozialdezernentin, setzt sich für Pflegesätze ein. Hierbei würden die Bewohnerinnen des Frauenhauses einen Tagessatz von 60 bis 70 DM bezahlen müssen, da die Personalkosten des Frauenhauses auf die Bewohnerinnen selbst umgelegt würde. Nach einem Monat Aufenthalt würden die Ehemänner, Väter der Kinder und Familien der Frauen vom Sozialamt zur Geldzahlung aufgefordert.
Die Frauenhausinitiative befürchtet dadurch für die mißhandelten Frauen. die beim Eintreffen in das Frauenhaus eh schon am Ende ihrer Kräfte sind. weitere Komplikationen. Die Frauen würden sich durch die Notwendigkeit der Sozialhilfe stigmatisiert fühlen.
Deshalb fordert die Frauenhausinitiative einen eigenen Haushaltstitel. der einen festen Posten im Etat der Stadt einnimmt. Dadurch wäre es möglich, daß die Frauen im Frauenhaus nur die Miete bezahlen müßten und den erwerbstätigen Frauen, auch mit einer Halbtagsstelle, der Gang zum Sozialamt erspart bliebe.
Durch die Regelung nach dem Bundessozialhilfegesetz, die mißhandelte Frauen zum Sozialhilfefall degradiert, hätten die Behörden es wieder geschafft, die alltägliche Gewalt gegen Frauen nicht als gesellschaftliches Problem mit gesellschaftlichen Konsequenzen zu behandeln. Hinzu kommt, daß das Geld sowohl bei der Sozialhilfe für mißhandelte Frauen als auch bei einem eigenen Haushaltstitel für das Frauenhaus von denselben Stellen kommt: vom Kreis, teilweise von der Stadt. Der Unterschied, daß bei der Sozialhilfe die Familienangehörigen zur Kasse gebeten werden können, ist verschwindend gering, da die Erfahrung auf Sozialämtern gezeigt hat, daß in solchen Fällen das verlangte Geld meistens ausbleibt.
So liegt die Vermutung nahe, daß mit der Sozialhilfe mißhandelte Frauen weiterhin als Ausnahmen betrachtet werden sollen. Für Frauen, die oftmals durch eine Trennung von ihren Ehemännern einen sozialen Abstieg erfahren, ist das Sozialamt eine zusätzliche Belastung.
Für Frauen findet am 10. Oktober eine Veranstaltung zum Frauenhaus statt, im alten Zebra-Kino (Bücklestr. 15a) wird um 20.00 Uhr der Film. „Die Geduld der Frauen ist die Macht der Männer" gezeigt Der Film zeigt den Alltag in einem Frauenhaus in Berlin.
Anschließend berichtet Elke Naschold von „Frauen helfen Frauen in Not" im Kulturladen (Bücklestr. 33) über die aktuelle Lage in Konstanz im Streit um ein Frauenhaus. — (rjl)