Heft 22 vom 31.10.1991 3/22 scan 2026-05-29

Privat oder öffentlich?

Fragen zur Debatte um Kinderbetreuungseinrichtungen


Privat oder öffentlich ?

Fragen zur Debatte um Kinderbetreuungseinrichtungen

Auf dem letzten baden-württembergischen kommunalpolitischen Treffen von linken Gemeinderäten und Gruppen am 21.9. in Mannheim war ein Schwerpunktthema die Unterbringung von Kindern in öffentlichen Einrichtungen. Aus der Diskussion stellten sich folgende Fragen, die nicht ausdisktutiert werden konnten.

— Ist es richtig, nur öffentliche, staatlich-kommunale Einrichtungen zu fordern, oder soll nicht so viel Geld bereitgestellt werden, daß jeder die Einrichtung wählen oder gründen kann, die seinem Weltbild und Bedürfnis am ehesten entspricht? Über ein hohes Kindergeld (600/800 DM) wäre es möglich, daß private Einrichtungen gebildet und bezahlt werden können. Allerdings wäre hier die Gefahr, stärker noch als bisher beim Erziehungsgeld, das Kinderkriegen zu einer Verdienstquelle zu machen.

— Ist es dagegen nicht sinnvoller, für alle Kinder die gleichen Einrichtungen in kommunaler Trägerschaft bereitzustellen, die unter bestmöglichster Kontrolle von Elternbeiräten, Gewerkschaften oder anderer Gremien, den festgelegten Mindeststandard überwachen?

Einigkeit bestand darüber: Es muß ein Unterschied gemacht werden zwischen Einrichtungen für Vorschulkinder und Angeboten für Klein- und Schulkinder. Die Versorgung für Vorschulkinder müßte eine Angleichung an die Schulpflicht erfahren. Alle Erfahrungen zeigen, daß in heutiger Zeit der Besuch des Kindergartens für jedes Kind unabdingbar ist. Daß Kinder soziale Erfahrungen und Fertigkeiten in verschiedensten Bereichen erlangen, kann die Familie schon lang nicht mehr leisten.

Bei der Kleinkindbetreuung und der Schulkinderbetreuung muß da schon differenziert werden, denn die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Bei den Kleinkindern reichen die Bedürfnisse der Eltern von: das Kind nur bei den Eltern aufwachsen zu lassen, über: betreut auch von Familienmitgliedern, vielleicht auch Tagesmüttern, bis zu: Krabbelstube oder gar Kinderkrippe. Die Schulkinder lassen ihre eigenen Bedürfnisse sprechen, ständige Aufsicht ist nicht erwünscht und nicht nötig, oft würden schon Räume als Treffpunkte, einige interessante Angebote und Anregungen reichen, ein Mittagessen und vielleicht ein möglicher Ansprechpartner.

Vielleicht muß eine gar so konträre Diskussion nicht sein. Voraussetzung für den ganzen Bereich wäre eine große qualitative Steigerung, hohe Mindeststandards in den öffentlichen Einrichtungen, die dann als Maßstab für private Träger gelten müssen. Diese Standards unter Kontrolle geeigneter Gremien würden das Bedürfnis vieler Betroffener nach Privatisierung erübrigen. Und diejenigen, die ihre Bedürfnisse nicht befriedigt sehen, können immer noch private Einrichtungen wählen. Was auf keinen Fall passieren darf: daß sich die Armen mit schlechten und billigen öffentlichen Einrichtungen begnügen müssen.

Hier spielt dann natürlich die Finanzierung die größte Frage. Sollen wir von der Forderung nach Nulltarif abweichen, und wollen wir stattdessen das hohe Kindergeld? Übergeben wir die Einrichtungen Firmen, die dann nach verschiedensten Gesichtspunkten arbeiten, und wie sieht es mit den Zuschüssen aus? Hier gibt es Diskussionsbedarf. — (unb)

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