Konfliktlösung in der Polizeikantine
Konfliktlösung in der Polizeikantine
Wie gelingt es Ortsvorsteher, Jugendkonflikte zu entschärfen?
Auch in Konstanz häuften sich in letzter Zeit faschistische Übergriffe auf Jugendliche (wir berichteten). Vorläufiger „Höhepunkt“ war dabei sicher der Überfall von 20 bis 30 teils auswärtigen teils stadtbekannten Faschisten in der Nacht zum Samstag, den 15.9. auf ein Fest mehrerer Jugendlicher in Dettingen. Mit Schlagwaffen und Gassprays griffen die Schläger meist schwächer und jünger aussehende Jugendliche an. Die Polizei versuchte das Ganze als eine Art Pfadfinderspiel abzutun - eine Auseinandersetzung jugendlicher Banden.
Zu derselben Einschätzung kam offensichtlich auch der Ortsvorsteher von Dettingen-Wallhausen, Albert Griesmeier. Er lud je neun Faschos und betroffene Jugendliche vom Bolzplatz mit einer Einladung zu einem Gespräch: „Spannungen und Probleme zwischen jungen Menschen einer Stadt sind an sich sicher nichts Besonderes. Viele Eltern und Bürger, nicht nur in DettingenWallhausen, zeigten sich aber doch sehr erschrocken über den Vorfall vor ein paar Wochen auf dem Bolzplatz in Dettingen. In verschiedenen Gesprächszirkeln reifte daher die Erkenntnis, daß ein Gespräch zwischen den beiden Gruppen zu einem sicher notwendigen Konfliktabbau beitragen könnte. Da uns von Ihrer Seite Bereitschaft zu einem solchen Gespräch signalisiert wurde, lade ich Sie zu einem Round-TableGespräch ein. Es findet statt am Montag, 18.11.1991, 20.00 Uhr in „Old Mary.s Pup“, Konstanz, Kreuzlinger Str. 19. In der Hoffnung auf eine interessantes Gespräch mit sachkundigen Gesprächspartnern, das vielleicht zu positiven Ergebnissen führt, verbleibe ich ..."
Teile der hiesigen Antifa trafen sich am Sonntag vor dem Treffen um zu beraten was zu tun wäre und eine starke Mehrheit war gegen eine Beteiligung von Seiten der Antifa an einem solchen Treffen. Konsens war jedoch auch, daß Eingeladene nicht daran gehindert werden, an dem Treffen teilzunehmen. Die Eingeladenen waren allesamt dafür, an dem Treffen teilzunehmen und so war klar, daß die ursprünglich geplante Verhinderung dieses Treffens geplatzt war. Aber wahrscheinlich wäre ein Verhindern eh nicht möglich gewesen, da sich Polizei und Faschos anscheinend noch vor dem Treffen auf einen Standortwechsel geeinigt hatten. Die zum Treffen gekommenen Jugendlichen wurden in Bullenwagen zur Lutherwache gekarrt, wo das Treffen dann auch stattfand und mit gemeinsamem Saufen endete. Ein erfolgreicher Beitrag zur Konfliktlösung also. Die Kids vertragen sich wieder und fertig ist die Laube. Ach wie schön ist es doch in der Provinz, wo solche Methoden „Erfolg“ haben und das Zusammenspiel von Ortsvorstand und Polizei keine weiteren Folgen hat. Gegen einige der Faschos laufen noch Ermittlungen wegen des Angriffs auf dem Bolzplatz. Woher, wenn nicht von den Bullen hat Griesmeier die Adressen der Eingeladenen. Wenn dies so ist, dann liegt ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz vor. Der Sache sollte weiter nachgegangen werden. Die FGL im Gemeinderat könnte mit einer Anfrage sicher mit zur Klärung beitragen.
Warum aber fand das Treffen denn überhaupt statt? Innerhalb der Konstanzer Antifa gab es den Konsens „Keinen Fußbreit den Faschisten" und nun sitzen Jugendliche mit Faschos zusammen und saufen. Sicher, das ist auch das Ergebnis von Einschüchterung durch die Faschos. Jeden Tag Gefahr zu laufen, von diesen Schlägern verprügelt zu werden ist mit der Zeit kaum mehr zu ertragen. Aber es dreht sich eben nicht nur um einen Streit von Jugendlichen. Diese Faschos hier stehen für Angriffe auf Flüchtlingsheime für die Umsetzung einer menschenverachtenden Politik und eine Diskussion mit ihnen ist unter solchen Voraussetzungen nicht möglich. Dieser Zusammenhang muß klar gemacht werden in den Köpfen derjenigen, die an dem Treffen teilnahmen. Die Initiatoren tragen auf diese Weise dazu bei, faschistische Positionen gesellschaftsfähig zu machen. Vielleicht werden diese Jugendlichen jetzt in Ruhe gelassen — andere aber sicher nicht, denn Gewalt ist Programm bei den Faschisten.— (wmo)