Die soziale Marktwirtschaft zwingt immer mehr Menschen in die Obdachlosigkeit
Die soziale Marktwirtschaft zwingt immer mehr Menschen in die Obdachlosigkeit
Konstanz. Nicht weniger als 113 Menschen ohne eigenes Dach über dem Kopf hat eine Arbeitsgemeinschaft in Konstanz gezählt, die im Auftrag der Stadtverwaltung der Frage nachging, wieviel Leute in der Tourismusmetropole „in ungesicherten Verhältnissen“ leben — also keine eigene Wohnung haben. Die Arbeitsgemeinschaft — sie besteht aus Vertretern des Sozialamts, der AG für gefährdete Jugendliche (AGJ) sowie, bezeichnenderweise, des Rechts- und Ordnungsamts — hat fleißig diese Opfer des Kapitalismus gezählt und legte dem Sozial- und Spitalausschuß Mitte November einen entsprechenden Bericht vor.
Die Zahlen, das sei vorab festgehalten, sind mit Vorsicht zu genießen, die Dunkelziffer derer, die der behördlichen Zählaktion entgangen sind, liegt mit Sicherheit hoch. Auch gibt der Bericht natürlich keinen Aufschluß über die Hunderte, wenn nicht Tausende, die gezwungen sind, in Löchern zu hausen, die selbst bei viel gutem Willen kaum noch als Wohnung zu bezeichnen sind. Immerhin wird hier einmal offiziell festgestellt: die vielbejubelte Marktwirtschaft, diese beste aller Welten, produziert immer mehr Obdachlose, und zwar mit rasanten Zuwachsraten.
Doch zu den Zahlen im einzelnen: Von den 113 Leuten ohne Wohnung sind 54 Frauen, 24 Kinder, 35 Männer. Unter den Gründen dafür, daß sie in Pensionen, Wohnwagen, Hütten oder Containern zu hausen gezwungen sind, rangiert mit 35% an erster Stelle die Kündigung der Wohnung durch den Vermieter wegen Eigenbedarf, „mietwidriges Verhalten“ oder weil dem der Zustand der Wohnung nicht gepaßt hat. Rund 25% gaben als Grund die Trennung von der Familie bzw. dem/der Partner/Partnerin an. Nur in ganzen 5% waren Mietschulden für die Obdachlosigkeit verantwortlich. In solchen Fällen kann manchmal das Sozialamt den kapitalistischen Brutalitäten die Spitze nehmen. Immerhin 54000 DM wurden für solche Zwecke 1990 ausgegeben.
Uber die Ursachen solcher Verhältnisse hat sich die Arbeitsgemeinschaft natürlich ausgeschwiegen. An Lösungsvorschlägen fällt der AG denn auch nicht viel mehr als der matte Vorschlag ein, in Konstanz ein Nachtasyl (mit sage und schreibe vier Betten, und in den schon vorhandenen Containern) und noch einige WGs einzurichten. Ach so: die Entwicklung des Elends soll künftig laufend dokumentiert werden. Wer sagt's denn.— (jüg)