Heft 25-26 vom 12.12.1991 3/25-26 scan 2026-05-29

„Die Macht muß auf die unterdrückte Mehrheit übertragen werden“

Interview mit Patricia Delile, PAC


„Die Macht muß auf die unterdrückte Mehrheit übertragen werden“

Interview mit Patricia Delile, PAC

Die Entwicklung des Befreiungskampfes in Azania (Südafrika) ist aus den Schlagzeilen der bürgerlichen Presse weitgehend verdrängt. Tatsächlich gewinnt der Befreiungskampf in Azania weiter an Kraft, während das rassistische Regime verzweifelt versucht, die Befreiungsbewegung zu spalten, um sich an der Macht zu halten. Eine Verstärkung der Unterstützung für den Befreiungskampf in Azania ist deshalb dringend. Das folgende Interview mit der Sprecherin des Pan Africanist Congress of Azania (PAC) für Auswärtige Angelegenheiten, Patricia Delile, wurde vor drei Wochen geführt. Voraussichtlich Anfang Februar werden Vertreter des Befreiungskampfes in Azania eine Rundreise in der BRD durchführen können, um über die weitere Entwicklung zu berichten und die Zusammenarbeit mit der Solidaritätsbewegung in der BRD ZU festigen. - (Politische Berichte 25/91, rill)

Frage: Die Berichterstattung in den Medien hier über die Entwicklung in Azania konzentriert sich auf die sogenannten „Stammeskonflikte“. Mindestens einmal pro Woche zeigt das Fernsehen Berichte über blutige Schießereien durch Unbekannte, darüber, daß Schwarze Schwarze töten usw. Wer steckt wirklich hinter diesen sogenannten „Stammeskonflikten, wer schürt sie? Die Inkatha-Bewegung Buthelezis, die rassistische Regierung, ihre Polizei, ihr Militär, faschistische Siedlergruppen ?

Antwort: Der PAC ist der Ansicht, daß das kolonialistische Siedler-ApartheidRegime Südafrika die Gewalt schürt, die unter den Unterdrückten tobt. Das rassistische Regime benutzt dafür Todesschwadrone, Askaris u.a. Das Koevoet und das Buffalo-Bataillon 32 wurden bereits in Angola gegen die Befreiungskämpfer der SWAPO eingesetzt. Sie sind keine Azanier. Nachdem Namibia die Unabhängigkeit errungen hatte, bekamen die Bataillone von Koevoet und Buffalo automatisch die Staatsbürgerschaft des rassistischen Südafrika verliehen, um sie vor der Empörung des namibischen Volkes zu schützen, dessen Söhne und Töchter durch die brutalen Aktivitäten dieser Todesschwadrone entweder ermordet oder verstümmelt worden waren. Die Askaris sind frühere afrikanische Guerillas, die sich, nachdem sie von den burischen Sicherheitskräften gefangengenommen wurden, entschieden, sich gegen den Befreiungskampf zu wenden. Alle diese oben genannten Todesschwadrone werden von dem rassistischen Regime eingesetzt. um Verwirrung unter unserem Volk zu schaffen, indem sie die Leute umbringen. Dabei maskieren sie sich mit dem Namen gewisser afrikanischer politischer Parteien und nutzen so die ideologische Schwäche dieser Organisationen aus.

Frage: Was kann der PAC tun, was können andere Gruppen und Organisationen des Befreiungskampfes tun, um diese sogenannten „Stammeskonflikte“ zu stoppen? Welche Politik verfolgt der PAC zu diesem Problem ?

Antwort: Diese furchtbare Plage im azanischen Befreiungskampf kann gestoppt oder bekämpft werden durch die Bildung einer breiten Einheitsfront aus allen Kräften, die im Widerspruch zu dem rassistischen Regime stehen, und dadurch, daß die ideologische und politische Erziehung der unterdrückten afrikanischen Massen auf diese Weise intensiviert wird.

Frage: Vor einiger Zeit verständigten PAC und ANC sich auf die Schaffung einer „Patriotischen Front", um die Kräfte des Befreiungskampfes gegen das Siedlerregime zu vereinigen. Welche Schritte hat es seitdem gegeben und was erwartet der PAC von dieser Einheitsfront? Wie sind zum Beispiel die Aussichten für die Bildung einer Einheitsfront in der Frage einer verfassunggebenden Versammlung? Wird es eine Einheitsfront der Jugendverbände geben, zwischen den Gewerkschaften usw. ?

Antwort: Vom 25. bis 27. Oktober haben sich im Hotel Malibu in Durban 92 Organisationen versammelt, um zur Bildung einer Einheitsfront, einer „Patriotischen Front“ beizutragen. Diese Patriotische Konferenz hat unter anderem beschlossen:

a) Die Macht muß von dem weißen, rassistischen Minderheitenregime auf die unterdrückte afrikanische Mehrheit übertragen werden.

b) Die Versammlung zur Vorbereitung der verfassunggebenden Versammlung muß ein Forum sein, um „die Modalitäten der Übergabe dieser Macht an das Volk auszuarbeiten“.

c) Diese Modalitäten müssen sich konzentrieren auf die Errichtung einer gewählten verfassunggebenden Versammlung, die basiert auf dem Grundsatz „Ein Mensch, eine Stimme" bei allgemeinem Wahlrecht und einem einheitlichen Staat.

d) Die verfassunggebende Versammlung wird der Mechanismus sein, um eine neue, nicht-rassische und demokratische Verfassung zu schaffen.

e) In der Zwischenzeit muß eine Übergangsverwaltung errichtet werden, um die Wahlen zu überwachen.

Frage: Das weiße Siedlerregime versucht, den Eindruck zu verbreiten, als gebe es keine Apartheid mehr, als bestehe dieses System nicht mehr. Tatsächlich kontrolliert das Regime weiterhin das gesamte Land, die gesamte Industrie, alle Reichtümer Azanias, den brutalen Staatsapparat, die Sicherheitskräfte usw. All dies ist weiterhin unter der Kontrolle der weißen Siedler, der imperialistischen Konzerne in eurem Land. Was sind nach eurem Eindruck die Ziele der amtierenden weißen Regierung: einfache Verlängerung der Lebensdauer des Regimes der Weißen, zusammen mit ein paar kleinen „Reformen“?

Antwort: Bei den Reformen ist unser Eindruck, daß das rassistische Regime einfach sein Leben verlängern will. Das rassistische Regime Südafrika kann dieses Land nicht länger regieren, weil das unterdrückte afrikanische Volk sich weigert, mit dieser illegalen und illegitimen Regierung zusammenzuarbeiten. Hinzu kommt, daß die Wirtschaft des Landes auseinanderbricht infolge der internationalen Sanktionen gegen das Regime. Die Arbeitslosenrate nähert sich der Zahl von 9 Millionen Arbeitslosen. Aber das rassistische Regime ist noch nicht bereit, die Macht abzugeben. Es hat beschlossen, mit finanziellen Tricks zu versuchen, sein Leben zu verlängern. Daher die sogenannten „Reformen".

Frage: Wie ist die Situation der politischen Gefangenen in Azania? Die Presse hier versucht, den Eindruck zu verbreiten, als gebe es in Azania keine politischen Gefangenen mehr. Was antwortet ihr auf solche Behauptungen ?

Antwort: Es gibt weiterhin politische Gefangene. Aber das rassistische Regime will sie nicht als politische Gefangene anerkennen, weil sie den bewaffneten Kampf gegen das Regime geführt haben. Es sagt, diese Personen seien Mörder, politische Mörder.

Frage: Die größte Partei des weißen Siedlerregimes veröffentlichte vor einigen Wochen ihre Vorstellungen für eine neue Verfassung. So verlangt sie beispielsweise sogenannte „Minderheitenrechte" für die weißen Siedler mit dem Ziel, daß diese so an der Macht bleiben können.

Was ist Euer Eindruck von diesem Verfassungsvorschlag und welche Position nimmt der PAC in der Frage der verfassunggebenden Versammlung ein?

Antwort: In seinem Programm stellt der PAC fest: „Unser politisches Ziel ist die Regierung der Afrikaner durch die Afrikaner und für die Afrikaner, wobei wir jedermann, der Afrika gegenüber loyal ist und bereit ist, die demokratische Herrschaft einer afrikanischen Mehrheit zu akzeptieren, als Afrikaner akzeptieren. Wir garantieren keine Minderheitenrechte, weil wir für die Rechte von Individuen eintreten, nicht von Gruppen.“ Frage: Die Regierung der BRD ist einer der bedeutendsten imperialistischen Stützen des weißen Siedlerregimes. Regierungssprecher in Bonn verkündeten vor ein paar Wochen, man sei bereit, der südafrikanischen Armee dabei zu „helfen", sich mit den militärischen Einheiten des ANC zu „vereinigen". Was für ein Trick ist das? Einfach ein Propagandamanöver, um die militärische Unterstützung für das weiße Regime fortsetzen zu können?

Antwort: Der PAC versteht die Position der westlichen Staaten, auch wenn er sich nicht billigt. Das rassistische Südafrika ist nichts anderes als ein Außenposten der westlichen Vorherrschaft. Der Westen ist deshalb bereit, das rassistische Regime in jeder Form zu unterstützen, um seine wirtschaftlichen Interessen zu sichern. Aus diesem Grund wollen die westlichen Staaten unseren Kampf vom bewaffneten Kampf abbringen. Mit ihrem Versuch, den ANC von diesem Kampf abzubringen, versuchen sie, die Kräfte des Befreiungskampfes zu spalten. Der Kampf wird aber weitergehen, mit oder ohneden ANC.

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.