500 Jahre Indigena-, Schwarzen- und Volkswiderstand
500 Jahre Indigena-, Schwarzen- und Volkswiderstand
Veranstaltung in Konstanz zu zweitem Kontinentaltreffen der amerikanischen Kampagne
Am Dienstag, den 10. Dezember, stellte Dieter Müller von Medico International im Rahmen der Veranstaltungsreihe anläßlich des 10jährigen Bestehens des Dritte Welt Ladens die Kontinentale Kampagne des lateinamerikanischen Indigena-, Schwarzen- und Volkswiderstands vor. Sie richtet sich gegen die Absicht der ehemaligen Kolonialmächte, den Völkermord an der indigenen Bevölkerung und die Ausplünderung des amerikanischen Kontinents heute als „Begegnung zweier Welten" zu feiern und die Kontinuität dieses Prozesses zu verschleiern.
Zu Beginn der Veranstaltung zeigte er Bilder des 2.Kontinentaltreffens der Kampagne in Quetzaltenango/Xelaju und berichtete daran anschließend ausführlich über die dort geführten Diskussionen.
Es war das zweite Treffen dieser Art, ein erstes hatte bereits im Juli 1990 in Quito in Ecuador stattgefunden. Bei dem Treffen in Xelaju Anfang Oktober letzten Jahres kamen 224 Delegierte aus allen Ländern des amerikanischen Kontinents von Alaska bis Südchile erneut zusammen, um sich mit 500 Jahren europäischer Eroberung und Unterdrückung auseinanderzusetzen und über die eigenen Perspektiven zu beraten.
Zuerst fanden Sitzungen der einzelnen Regionalgruppen statt: Nord- und Mittelamerika, Karibik, Andenländer und Cono Sur. Danach inhaltliche Arbeitsgruppen zu den Themen Kolonialismus/Neokolonialismus, Demokratie, Landverteilung, Menschenrechte und Frauen. Wichtige Ergebnisse der Diskussion waren:
Die Kampagne soll einen “Prozess der umfassenden, pluralistischen, multi-ethnischen und demokratischen Bewegung der Bevölkerungsgruppen des Kontinents in Gang setzen. Ziel ist es, die historisch und moralisch unseren Völkern gehörenden Rechte wiederzuerlangen.“ Es gehe allerdings nicht um eine rassische Auseinandersetzung, sondern um einen Kampf gegen das herrschende System von nationaler und imperialischer Unterwerfung und Ausbeutung. So sei es ein weiteres Ziel der Kampagne, eine gerechte Ordnung einzuklagen, die allen Menschen den gleichen Zugang zu den Gütern wie Land, Erziehung, Gesundheit, Arbeit zu gerechten Löhnen und Beteiligung bei der Entscheidungsfindung ermöglicht.
Anzustreben sei soziale Gleichheit und das Recht aller in einer selbstgewählten Gemeinschaft zu leben. Ohne dies alles können wir nicht von Menschenrechten sprechen. Die Kampagne soll sich gegen jede Manifestation des Kolonialismus oder seines Sprößling, des Neokolonialismus richten. Als Konsequenz daraus gilt der Kampf den transnationalen Konzernen und den Regierungen, die die Arbeit ihres Volkes und die Ressourcen ihre Landes für Brosamen verkaufen. Es dürfe keine Feier des Völkermordes geben, der allein in der Phase der spanischen Eroberung 90 Millionen Opfer gefordert hat und der unter dem Regime von Tod und Terror, welches die Modelle des Neoliberalismus auf dem Kontinent charakterisiert, weiter herrscht.
Konflikte gab es bei der Bestimmung der Bedeutung ethnischer Herkunft oder der Klassenzugehörigkeit für die Entwicklung eines gemeinsamen Widerstands. Dabei standen sich insbesondere die Vertreterinnen der Indigena-Organisationen und der Volksorganisationen mit unterschiedlichen Einschätzungen gegenüber. Aber auch die Schwarzen forderten, daß ihre Rolle in der lateinamerikanischen Gesellschaft und im gemeinsam zu entwickelnden Widerstand sichtbar werden müsse.
Die Beschlüsse der Abschlußerklärung des Treffens lassen erkennen, daß die Frage sicher nicht zugunsten des einen oder des anderen Sektors beantwortet werden soll. Jeglicher Hierarchisierung wird eine klare Abfuhr erteilt und stattdessen der möglichst offene und plurale Charakter der Kampagne betont wird. Aus diesem Grund wurde auch der Name der Kampagne mit großer Mehrheit geändert und der schwarze Widerstand explizit im Kampagnen-Namen aufgeführt. Über das Jahr 1992 hinaus sollen mit der Kampagne weitreichende pluralistische und demokratische Freiräume geschaffen werden, durch die ein umfassender Prozeß der Einheit der marginalisierten und ausgebeuteten Völker dieses Kontinents in Gang gesetzt und gefördert werden soll. Es blieb nicht bei Diskussionen, sondern es wurden konkrete Aktivitäten ins Auge gefaßt. Die Teilnehmerinnen erklärten:
„Wir beabsichtigen
1. Die praktische Umsetzung unserer Opposition zu den offiziellen 500 Jahr Feierlichkeiten und wollen Alternativen aufzeigen, die mit den Interessen unserer Völker übereinstimmen;
2. die Solidarität der Volksbewegung mit dem Kampf der indianischen Völker;
3. Kontinentale Mobilisierungen sollen laufen zum 8. März, aus Anlaß des internationalen Frauentages, zum 1. Mai im Rahmen des internationalen Tages der Arbeiterinnen An Aktionen werden hierfür Demonstrationen, Landbesetzungen und Streiks vorgeschlagen. Vom 7.—12. Oktober ist geplant, Streiks auf dem gesamten Kontinent durchzuführen, die am 12. Oktober 1992 dem 500. Jahrestag der Ankunft Kolumbus in Amerika, der in der hispanischen Welt bis heute als Tag der spanischen Rasse gefeiert wird, in einen kontinentweiten Generalstreik münden soll. An diesem Tag sollen Flughäfen, Botschaften und andere Einrichtungen besetzt werden.
4. Den schwierigen Kampf für die politischen Gefangenen in der Welt zu leiten, besonders für Leonard Peltier, der in den USA zu zweimal lebenslänglich verurteilt wurde.
5. Rigoberta Menchu aus Guatemala für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, wegen ihres schwierigen Kampfes für die Verteidigung der indianischen Rechte und der Menschen im allgemeinen, in ihrem Land und auf dem Kontinent.
Zum Abschluß des Kontinentaltreffens gab es eine eindrucksvolle Demonstration, an der sich über 30000 Angehörige der verschiedensten Volksorganisationen Guatemalas beteiligten. Vereinbart wurde im nächsten Jahr im Oktober das kontinentale Treffen in Managua(Nicaragua) abzuhalten.
Der beindruckenden Vielfalt an Diskussionen und Aktivitäten auf dem amerikanischen Kontinent steht eine bis heute überaus bescheidene Mobilisierung zu Gegenaktivitäten im „Herzen der Bestie", in der imperialistischen Metropole BRD, gegenüber. Auch hier haben zwar schon mehrere Treffen auf Bundesebene stattgefunden und in Bonn hat sich auch eine Clearing-Stelle 92 gebildet, die bundesweit die Aktivitäten koordinieren soll. Bis zur Basis der unterschiedlichen politischen Bewegungen oder gar bis zum Mann/ der Frau auf der Straße ist allerdings bis heute noch überaus wenig gedrungen. Vereinzelte lokale Aktionen wie zum Beispiel ein kürzlich in Tübingen durchgeführter politischer Stadtrundgang unter dem Motto „500 Jahre Ausbeutung sind genug“ haben über das Spektrum der Internationalistinnen hinaus keine öffentliche Resonanz gefunden.
Dabei bieten sich durchaus eine Fülle von geeigneten Ansatzpunkten, um unseren Protest gegen die herrschende Ordnung auch in hiesigen Breitengraden zu formulieren. Vier Schwerpunkte liegen auf der Hand:
Erstens die Feierlichkeiten zum Kolumbusjahr. Hier gilt es die lateinamerikanischen Emanzipationsprojekte zu unterstützen und die arroganten Feierlichkeiten der weißen Eliten Amerikas und Europas anzugreifen. Zweitens der Aufbau des europäischen Großraums, des EG-Binnenmarkts, Ende 1992. Drittes Thema ist der Öko-Imperialismus, dessen Apologeten insbesondere auf der im Juni nächsten Jahres in Rio de Janeiro geplanten UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung das Wort ergreifen werden. Unser Mann in Bonn, Hans-Peter Repnick — der „Retter des Regenwaldes“ — wird dabei natürlich nicht fehlen. Viertens treffen sich in München im Juli nächsten Jahres die sieben reichsten imperialistischen Staaten, um gemeinsam im Rahmen der „Neuen Weltordnung" ihre Interessenssphären abzustecken und wechselseitig abzusichern. Hiergegen werden von einem breiten Spektrum Aktionstage. ein Gegenkongreß sowie eine Großdemonstration vorbereitet.
An der politischen Bewegung in Konstanz scheinen diese Aktivitäten bisher relativ spurlos vorübergegangen zu sein. Veranstaltungen sind bisher — soweit mir bekannt — lediglich von der Volkshochschule in Zusammenarbeit mit Terre des Hommes geplant, von denen allerdings durchaus einige interessant zu werden versprechen. Wir werden in den Kommunalen Berichten darauf hinweisen.
Dessen ungeachtet wäre es wichtig, daß sich in Konstanz ein Kreis von Menschen findet, der überlegt, wie er die Inhalte einer solchen Kampagne auch hier vor Ort einer interessierten Öffentlichkeit nahebringt und gemeinsam darüber berät, was er zum Gelingen der geplanten Gegenaktionen beitragen kann. — (woi)
Spendenkonto Informationsstelle Guatemala, Bonn 70235 Sparkasse Bonn BLZ38050000
Stichwort: Secretaria Operative (Dieses Sekretariat koordiniert die kontinentale Kampagne auf dem amerikanischen Kontinent.)