Heft 3 vom 16.02.1992 4/3 scan 2026-06-06

Gemeinsam mit Flüchtlingen den Schutz vor Angriffen auf Wohnheime organisieren



Gemeinsam mit Flüchtlingen den Schutz vor Angriffen auf Wohnheime organisieren

Auf die Flüchtlingswohnheime in Konstanz ist bisher noch kein gefährlicher Angriff verübt worden. Eine Reihe von Provokationen, Beleidigungen und Sachbeschädigungen an den Unterkünften durch Faschisten und die Berichterstattung in den Medien nach Hoyerswerda versetzen aber die hier lebenden Flüchtlinge in berechtigte Angst. Insbesonders in den abgelegen und leicht gebauten Containersiedlungen konnten Mütter wochenlang keinen Schlaf finden und ihre Kinder weigerten sich, zu Bett zu gehen. Diese Bedrohung ergänzte die bedrückenden und belastenden Lebensverhältnisse, die engen Unterkünfte, in die die Stadt Konstanz die Flüchtlinge zusammendrängt, das bange Warten auf den Ausgang des eigenen Asylverfahrens, die miserablen Arbeitsbedingungen — das Arbeitsamt vermittelt Flüchtlinge nur, wenn sie die Stelle niemand anderem reindrücken kann —, das Problem Deutsch zu sprechen und zu verstehen, überhaupt das Bewußtsein allgemein unerwünscht zu sein, vermittelt durch die öffentliche Diskussion und bei vielen Begegnungen täglich, z.B. bei jedem Behördengang.

Wenige Flüchtlinge beherrschen die deutsche Sprache und kennen die hiesige Gesellschaft so gut, daß sie Meldungen im Fernsehen über Anschläge richtig einordnen können. So fiel es z.B. im letzten November nicht leicht, Flüchtlinge davon zu überzeugen, daß in keiner Stadt der näheren Umgebung Pogrome stattgefunden hatten. Sie hatten die Nachrichten falsch verstanden. Aus einem anderen Mißverständnis sagen einige Flüchtlinge: „Wenn die DDR kommen“, wenn sie ausdrücken wollen „Wenn die Nazis kommen“. Die Wörter „Nazis" und „DDR" werden für sie praktisch synonym.

Eine andere Seite der unzureichenden Möglichkeit, sich zu informieren, drückt sich darin aus, daß Flüchtlinge sich der Bedrohung nicht bewußt sind oder sie unterschätzen. In Gesprächen wird von ihnen aus jedenfalls dieses Thema sehr selten angeschnitten. Mit dem Rückgang der Berichterstattung über Anschläge auf Wohnheime, verdrängen wieder andere Sorgen die Angst vor Angriffen.

Im Oktober organisieren Leute aus linken Zusammenhängen Schutzmaßnahmen gegen faschistische Angriffe. Dazu wurde nicht in der Öffentlichkeit mobilisiert und die Maßnahmen wurden nicht öffentlich diskutiert. Deshalb können die einzelnen Details auch hier nicht ausgebreitet werden. Vielmehr soll dieser Text die Erfahrungen und Schwierigkeiten bei den Begegnungen mit den Flüchtlingen schildern.

Zwischen den Deutschen, die den Schutz machen, und den Flüchtlingen ist von Anfang an viel zu wenig über das Problem von Naziangriffen auf die Wohnheime gesprochen worden. Das lag sicher vor allem daran, daß die Deutschen selbst die Problematik untereinander kaum auseinandergesetzt haben, und sich so jeder und jede mit der Unklarheit allein geblieben ist. Ein Gespräch mit Flüchtlingen wurde deshalb eher vermieden oder gar verweigert. Schließlich sollte den Flüchtlingen ja Angst genommen und Sicherheit vermittelt werden; sie sollten nicht auch noch mit der eigenen Unsicherheit und Angst konfrontiert werden.

Anstatt die Situation zu beschreiben und sich über die Maßnahmen klar zu werden, herrschte unter den Leuten, die den Schutz organisierten, meist ein verzweifelter Pathos vor. Es war weniger schwer, die einmal begonnen Maßnahmen einfach fortzusetzen, als nur einen Bruchteil der Zeit darauf zu verwenden, sie zu überdenken, zu erklären und vielleicht bessere Wege zu suchen.

Diese Bewußtlosigkeit führte zu Schwierigkeiten, andere Menschen zu mobilisieren und zum zunehmenden Abbröckeln der Beteiligung. Die Vorstellungen waren inhaltlich doch sehr dünn und platt moralisch. Z.B. gibt es den „Faschisten", so wie der Begriff auch in diesem Text verwendet wird, nicht. Um ein Bild zu gewinnen, muß sorgfältiger und differenzierter vorgegangen werden. Einem Kurden einfach mit Hilfe dieses Wortes etwas zu erklären, scheitert, weil sich dessen Erfahrung mit türkischen Faschisten kaum mit einem deutschen Skinhead deckt.

Die meisten Flüchtlinge scheinen die Bemühungen der Deutschen, sie zu schützen, kaum nachvollziehen zu können. Andere aber konnten mit dem Schutz besser schlafen. Vor allem freuen sich einige von ihnen offensichtlich sehr über die Begegnung mit Deutschen. Sie suchen Beziehung, Kommunikation, Gespräch, Freundschaft.

Und auch die Deutschen gewinnen neue Erfahrungen, nicht nur untereinander. Der Mythos „Flüchtling“ füllt sich mit konkreten Menschen. Das abstrakte Objekt solidarischer Begierde „Flüchtling“ wird wirklich, bekommt Brüche, Widersprüche. Und ebenso das eigene behütete, biedermeierische Weltbild, die eigene Solidarität. Es gibt eben nicht nur die überschwengliche Gastfreundschaft vor allem der Kurdinnen, den trikontinentalen kommunistischen Kämpfer. Man begegnet auch den Machos, dem afrikanischen Großhändler, dem Söldner von General Auon. Mit den Rumänen und Jugoslaven kommt praktisch keine Kommunikation zustande, sie halten den Schutz wohl heute noch für eine Aktion des Roten Kreuzes.

Möglicherweise findet der Schutz, wie er bisher organisiert wurde, gerade in diesen Begegnungen und Entwicklungen seinen Sinn, obwohl der Vorwand dazu unnötig war und die Umstände oft unpassend. Inzwischen greifen die Beziehungen zu Flüchtlingen auch schon weit über den ursprünglichen Anlass hinaus.

Zentraler Begriff für den Schutz ist der der Solidarität. Dieses Motiv ist dort fragwürdig, wo es in einer eher pathetischen, unbewußten, subjektiven Auseinandersetzung stecken bleibt und Solidarität nicht auf Verständnis beruht. Ein weiterer Aspekt ist, daß die Frage des Schutzes nicht mit den Flüchtlingen zusammen besprochen und gemeinsam überlegt wurde. Solange man sich nicht die Mühe machte, allen Flüchtlingen die Bedrohung sorgfältig zu vermitteln, solange man ihnen die Fähigkeit absprach, die Situation zu verstehen und sich an den Maßnahmen zu beteiligen, solange blieb die Solidarität ein einseitiger Prozeß und machte die Flüchtlinge zu ihrem stummen Objekt.

Dabei bringen ein Soldat aus dem Libanon oder eine Kurdin aus einer türkischen Großstadt mehr Erfahrungen mit, sich zu schützen, als ein hiesiger Linker vermutlich je haben wird. Bei den Provokationen, die bisher stattgefunden haben, haben sich die Flüchtlinge jeweils in Sicherheit gebracht und die Polizei alarmiert oder sie versuchten sogar die Faschisten zu verfolgen.

Die Diskussion der oben dargestellten Probleme zwischen den Deutschen mündete jetzt in eine Initiative, die Flüchtlinge einzubeziehen. Die Flüchtlinge, mit denen inzwischen die Bedrohung und der Schutz diskutiert wird, unterstützen diese Idee. Die Flüchtlinge sollen auf einem Infoblatt zu einem Treffen eingeladen werden. Die Einladung soll neben einer möglichst kompetenten Einschätzung der Bedrohung auch die Möglichkeiten von gemeinsamen Schutzmaßnahmen enthalten. Dieses Papier kann dann als Diskussionsgrundlage dienen und soll, damit es alle Flüchtlinge verstehen, in ihre Sprachen übersetzt werden.

Falls die Flüchtlinge selbst es wollen und sie über die Sprachbarrieren und Vorbehalte, die ja auch die Flüchtlinge selbst untereinander trennen, einen gemeinsamen Umgang mit der Bedrohung entwickeln, könnten auf der Versammlung neue Wege gefunden werden, Angriffen besser zu begegnen.

Vielleicht werden dann auch die Faschisten nicht mehr, wie bisher, ungeschoren davonkommen. — (ow)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.