Heft 3 vom 16.02.1992 4/3 scan 2026-06-06

Demonstration in Dresden gegen die Bildungspolitik des Landes



Demonstration in Dresden gegen die Bildungspolitik des Landes

Am 23. Januar 1992 demonstrierten 20000 Schüler. Studenten, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Eltern gegen die Bildungspolitik der sächsischen Landesregierung, die absichtlich einen Bildungsnotstand herbeigeführt hat. 17000 von insgesamt 52000 Lehrkräften im Schulbereich sollen bis Ende des Jahres entlassen werden; 4000 sind es bereits. Die Landesregierung hoffte, die entstehenden Konflikte dadurch dämpfen zu können, daß sie einen erheblichen Teil der 17000 über die Konstruktion des „politisch Belastetseins“ ohne größere Gegenwehr feuern kann, weil sie hier die große politische Mehrheit hinter sich zu haben glaubt.

Initiiert worden ist die Demonstration von der GEW Sachsen, deren Vorsitzender, Matthias Höhn, ebenso wie Dieter Wunder, GEW-Bundesvorsitzender, für ihre kritischen Kundgebungsbeiträge großen Beifall erhalten haben. Ministerpräsident Biedenkopf versuchte anschließend die Massenentlassungen im Erziehungs-, Schul- und Hochschulbereich mit Vergleichszahlen aus Baden-Württemberg zu rechtfertigen und wurde dafür minutenlang ausgepfiffen.

In der baden-württembergischen Presse ist über diese Aktion und ihre Anliegen kaum berichtet worden. Wir dokumentieren im folgenden Auszüge aus zwei landesweit verbreiteten Flugblättern der GEW Sachsen. — (zem)

Offener Brief der GEW an die Beschäftigten

An alle Beschäftigten in Erziehung, Bildung und Wissenschaft Nun reicht es I Es droht der Bildungsnotstand I

Die Regierung plant:

— Massenentlassungen unserer Beschäftigten — 13000 Lehrer sollen gehen, 9000 bis 11000 Personalstellen im Hochschulbereich sollen; — Senkung des Bedarfs von Kindertagesstätten durch drastische Erhöhung von Elternbeiträgen; — Aufhebung der Abminderungsstunden für Klassenlehrer; — Zusammenlegung von Klassen; — Erhöhung bzw. vollständiger Wegfall von fakultativem Unterricht in Form von Arbeitsgemeinschaften und ergänzendem Bildungsangebot; — Erteilung von Mehrunterrichtsstunden (wobei nicht bedacht wird, daß Überstunden auf Grund des hohen Auslastungsgrades der Lehrer fast unmöglich sind); — Abordnung bzw. Teilabordnung von Lehrkräften aller Schularten, einschließlich beruflicher Schulen, bei einer zumutbaren Wegstrecke bis zu einer Stunde; — Erhöhung der Kontaktstundenzahl der Erzieherinnen auf 40 Stunden je Woche.

Die Folgen wären:

— Zerstörung der sozialen Beziehungen unserer Kinder durch Zusammenlegung und Auseinanderreißen von Klassen und Gruppen; — Verlust der gewohnten Umgebung; — Unterrichtsausfall bzw. drastische Kürzung der Stundentafel; — Übervolle Klassen in den Schulen und Gruppen in den Kindertagesstätten (31 Schüler pro Klasse); — Erschwerte Lern- und Lehrbedingungen; — Verschlechterung des Unterrichtsniveaus;

— Teilzeitarbeitsverträge; — kaum noch Zeit für jedes einzelne Kind; — Zerstörung unserer Hochschul- und Wissenschaftslandschaft; — Abwandern unserer Wissenschaftler in die freie Wirtschaft; — Erhöhung der Pflichtstundenzahl für Lehrkräfte auf 27 Stunden je Woche ohne Abminderungsstunden; — Erhöhung der Kontaktstundenzahl der ErzieherInnen.

Das lassen wir uns nicht gefallen! Wir demonstrieren für die Zukunft unserer sächsischen Kinder!

wann: am 23.1.1992, 17.00 Uhr wo: vor dem Sächsischen Landtag, Drei Königskirche in Dresden

wofür:

— Gewährleistung einer ordnungsgemäßen Unterrichtsversorgung und Rücknahme der im Haushaltsentwurf vorgesehenen 13000 Lehrerentlassungen; — Sicherung einer schülergerechten Unterrichtsversorgung sowie optimaler Lernbedingungen; — Abschluß eines Tarifvertrages über die Pflichtstundenzahlen sowie eines Qualifizierungsvertrages; — Erhalt der Wissenschaftslandschaft in Sachsen als Grundlage für Investitionen durch Unternehmen sowie zur Sicherung der Zukunft unseres Landes und kein finanzpolitisch begründeter Personalabbau von 9000 bis 12000 Stellen; — Verhandlungen über einen Qualifizierungsvertrag im Wissenschaftsbereich; — Gewährleistung einer kindgerechten Betreuung in Kindergruppen, Heimen, Horten und Kindergärten; — Abschluß eines Tarifvertrages über die einheitliche Regelung der Kontaktstundenzahl der Erzieherinnen sowie eines Qualifizierungsvertrages. Quelle: Flugblatt der GEW Sachsen. Januar 1992

Was Kinder wollen und Eltern brauchen

„Erst war ich jeden Tag im Hort, dann wurde meine Mutti arbeitslos, und ich ging mittags nach Hause, aber das war zu langweilig, weil ja meine Freunde noch nicht da waren. Nun bleibe ich nach dem Unterricht lieber im Hort“, berichtet Nico, 3. Klasse in der 3/91 der Zeitschrift Hort heute. Seine Mutti sagt zur gleichen Thematik: „Früher habe ich oft auf die Schule und auf den Hort geschimpft. Jetzt sehe ich vieles anders. Ich habe große Achtung vor jeder Erzieherin, der es gelingt, ein gutes Klima in der Gruppe zu halten und in Nicos Gruppe ist das in Ordnung. Deshalb bin ich auch froh, daß Nico wieder in den Hort gehen darf, obwohl ich zu Hause bin. Kinder brauchen Kinder. Hoffentlich denken die Politiker daran, wenn jetzt die Schulen verändert werden.“

Ein sehr schöner Slogan „Kinder brauchen Kinder“. Warum eigentlich? Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen, brauchen unser soziales Umfeld, vorrangig die Familie. In ihr liegen die Wurzeln unserer Sprache, unseres Denkens oder unserer Gefühlswelt. Vater. Mutter und alle dem Kind zugewandten Erwachsenen sind wichtige Bezugspartner. Ebenso von Bedeutung ist die erlebte Gemeinschaft mit Gleichaltrigen. Die sozialen Erfahrungen im kindlichen Miteinander, vor allem über das Spiel realisiert, ist einfach sehr wichtig. In der Kindergruppe lernen sie das Helfen. das Teilen, das Über- und Unterordnen, das Durchsetzen oder ihre Rolle als Einzelne in der Gruppe.

Bisher hatten wir ein dichtgeknüpftes Angebotsnetz. Das heißt, für den Altersbereich der Schulanfänger bis zur 4. Klasse gab es Angebote, die Eltern Geborgenheit für ihre Kinder sicherten. sinnvolle Freizeitangebote machten. der Ausdünnung sozialer Kontakte entgegenwirkten und vor allem auch alleinerziehenden Müttern/Vätern berufliche Chancengleichheit gewährleisteten.

Jede Abmeldung im Hort, die eben in den meisten aller Fälle aus Geldgründen erfolgt, bedeutet für das Kind, kein Angebot an sozialer und emotionaler Geborgenheit zu haben, bedeutet, sich selbst überlassen zu sein und gibt kriminellen Einflüssen eine weitere Chance. Nebenher geht der Verlust von Arbeitsplätzen der Erzieherinnen, die fachqualifiziert für eine den am meisten am Herzen liegende Sache bereitstehen. Sicher müssen wir sparsam in unserer desolaten Wirtschaft sein, aber an der Bildung und Betreuung der Kinder unerträglich zu sparen, steht keinem Land gut zu Gesicht. Es sei nochmals Nicos Mutter zitiert: „Kinder brauchen Kinder. Hoffentlich denken Politiker daran, wenn jetzt die Schulen verändert werden."

zitiert aus Flugblatt der GEW Sachsen „an die Eltern . .“Januar 1992

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