Heft 3 vom 16.02.1992 4/3 scan 2026-06-06

Azania-Solidarität: Die Sharpeville-Six bitten uns um Unterstützung



Azania-Solidarität: Die Sharpeville-Six bitten uns um Unterstützung

Am 13. Dezember 1985 hat die südafrikanische Rassistenjustiz eine Frau und fünf Männer aus Sharpeville wegen der Ermordung des stellvertretenden Bürgermeisters zum Tode verurteilt. Der Bürgermeister, eingesetzt von der südafrikanischen Regierung, war getötet worden, nachdem er auf eine Demonstration gegen Mieterhöhungen geschossen hatte. Da das Gericht den Sharpeville Six die Tat nicht nachweisen konnte, wurden sie wegen ihrer wirklichen bzw. in zwei Fällen vom Gericht einfach behaupteten Beteiligung an der Demonstration verurteilt.

Das Urteil stützte sich dabei auf die in Südafrika übliche Rechtspraxis des „common purpose" (gemeinsame Absicht), die folgende juristische Konstruktion zuläßt: Weil der Bürgermeister getötet wurde, war dies die Absicht und die Tat eines jeden Teilnehmers der Demonstration, also auch der Sharpeville Six. Mit den Todesurteilen wollte das Rassistenregime ein Exempel statuieren, um den wachsenden Widerstand der schwarzen Bevölkerung zu brechen.

Gegen diesen Justizterror organisierte die Befreiungsbewegung in Azania/ Südafrika jahrelang Kampagnen zur Freilassung der Sharpeville Six. Sie wurde dabei unterstützt von der internationalen Solidaritätsbewegung. Diese weltweiten Protestaktionen führten im November 1988 zu einem Teilerfolg: Die südafrikanische Regierung wandelte die Todesurteile in langjährige Haftstrafen um: Theresa Ramashamola, Oupa Diniso und Joshua Khumalo sollten 18 Jahre im Gefängnis, Reginald Sefatsa 20 Jahre, Francis Mokhesi und Reid Mokoena 25 Jahre absitzen. Im Juli letzten Jahres wurden Oupa Diniso und Joshua Khumalo aus dem Gefängnis entlassen, im Dezember Therea Ramashamola und Reid Mokoena.

Oupa Diniso und Joshua Khumalo bitten in den nachstehend abgedruckten Briefen an die Konstanzer Alternative Linke Liste (ALL) um Unterstützung. Die ALL ruft deshalb zu Geldspenden auf, die allen Familien der Sharpeville Six zugute kommen. — (chb)

Spendenkonto: ALL Konstanz, Sparkasse Konstanz, BLZ 69050001, KontoNr. 235028.

(In den letzten Kommunalen Berichten war die Konto-Nr. leider unvollständig abgedruckt.)

Liebe Andrea,

ich bin einer der „Sharpeville 6“. Ich wurde am 10.07.91 entlassen. Ich will Euch danken für das, was Ihr für uns getan habt, während ich im Gefängnis war; obwohl unser Kampf sich im Augenblick in einer kritischen Phase befindet, gilt mein Versprechen, daß wir uns auch im neuen Südafrika immer an Euch erinnern werden.

Wie ich sagte, bin ich kürzlich entlassen worden, ich habe noch nicht ganz wieder festen Boden unter den Füßen, sozial und finanziell. Ich fühle mich wie ein neugeborenes Baby, das noch eine Eingewöhnung braucht in der neuen Welt, in der ich jetzt lebe. Mein einziger Schmerz ist. daß einige unserer Mitangeklagten noch immer im Gefängnis sind, wie Mojalefa Sefatsa, Reid Mokoena, Francis Mokhesi und Theresa Ramashamola. Wir hoffen, daß auch diese durch Eure Unterstützung und Druck entlassen werden.

Hiermit bitte ich Euch um finanzielle Hilfe von Eurer Stadtverwaltung, weil ich im Augenblick noch damit zu kämpfen habe, einen Arbeitsplatz zu bekommen, um meine Familie zu ernähren. Mein Vater ist inzwischen pensioniert worden, mein Sohn ist noch klein, und ich möchte auch mein Studium weiterführen.

Ich hoffe, daß meine Bitte akzeptiert wird. Alle Korrespondenz kann an die o.a. Adresse gesandt werden.

Aufrichtig Euer Duma Joshua Khumalo

Liebe Andrea,

nun, um zu wiederholen, was der große Philosoph Sophokles sagte, „Wirft man einen guten Freund weg, heißt dies, sein Leben wegzuwerfen".

Entschuldige, wenn ich meinen Brief gleich so philosophisch beginne, aber ich weiß, daß Formalitäten Dich weder langweilen noch beleidigen. Ich freue mich unendlich, Dir diesen Brief des Dankes schreiben zu können. Ohne Zweifel wird Dir das übertrieben vorkommen, aber es ist wahr. Als man mir k Deine Briefe an meine liebe Frau Susan zeigte, berührten mich Deine ermutigenden Worte und veranlaßten mich, Dir zu schreiben.

Geistig und gesundheitlich muß ich mich nicht beklagen, außer über das monotone Gefängnisleben, das mein Leben in eine qualvolle Hölle verwandelte. In der Tat wünsche ich Dir alles Gute bei allem, was Du tust.

Insbesondere möchte ich Dir recht herzlich danken für Deine bemerkenswerte und loyale Freundschaft, die Du meiner Frau und meinen Kindern entgegengebracht hast.

Um im Bild zu bleiben: Ich bin Oupa Diniso, Mitglied der Sharpeville Six; ich wurde am 14.Juli 1991 entlassen. Eine greifbare und belastende Tatsache ist die schwierige Situation, in der meine Familie und ich uns befinden. Ich war Ibei vielen politischen Organisationen, um finanzielle Hilfe zu erhalten, wie ANC, SACC, WCC und AEPP usw. Es gab keine Antwort, außer einem definitivem: "unser Fonds ist erschöpft“. Ich hoffe, Du fühlst mit mir, was das für eine Situation ist. Ich sehe Mietkosten auf mich zukommen, tägliche Ausgaben und Erziehungskosten für zwei Kinder. Das Leben wird immer schlimmer, wir haben immer weniger.

Duma (der Verfasser des ersten Briefes, d. Red.) und ich haben einen mutigen Schritt getan. Wir wollen herausfinden, ob unsere Vermutung richtig ist, daß Gelder, die für die Sharpeville Six gespendet wurden, unterschlagen worden sind. Seit ich im Gefängnis war, haben wir nichts von dem für politische Gefangene bestimmten Geld erhalten. Ich habe an IDAFSA geschrieben, um finanzielle Hilfe zu bekommen, es gab bis heute keine Antwort. Ich hatte ein schweres Leben, dachte aber, nach der Entlassung aus dem Gefängnis würde es einfacher werden, aber meine Hoffnungen lösen sich nun in Rauch auf.

Ich wende mich direkt an Dich mit der Bitte um jede Art von Hilfe, die ich von Dir bekommen kann, um die Situation, in der wir uns befinden, zu erleichtern. Ein weiterer Faktor, der zu unserem Unglück beiträgt, ist der, daß zwei Mitglieder unserer Familien im Namen der Sharpeville Six Gelder aus ausländischen Fonds erhalten. Duma und ich sind beide in einer Lage, in der niemand bestehen kann. Um zu wiederholen, was ich sagte, ich wende mich direkt an Dich mit der Bitte um jede Art von Hilfe.

Zum Schluß hoffe ich, daß es Dir in jeder Hinsicht gut gehen möge. Ich danke Dir noch einmal für das, was Du für uns getan hast. Möge Gott Dich segnen und erhalten.

Dein Freund Oupa Diniso

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.